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Zwischen der Diktatur des Spiels und dem spielerischen Umgang im alltäglichen Sinne – ein Streitgespräch von Maximilian Stern und Dominik Wolfinger

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    Von Dominik Wolfinger

    Eigentlich wollte ich einen Essay über den spielerischen Umgang im alltäglichen Sinne schreiben. Meine These sollte besagen, dass alltägliche (aber auch aussergewöhnliche) Probleme gelöst werden, wenn man aus ihnen ein Spiel macht. Alles kann schliesslich ein Spiel sein, wenn man es zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit setzt, wo es weder zu lose noch zu eng ist und Spiel hat. Darin liegt Faszination.
    Aber dann las ich einen Text von meinem guten Freund Maximilian Stern mit dem Titel «Diktatur des Spiels» mit folgendem einleitenden Satz: «Zu lange haben wir den himmelschreienden Ungerechtigkeiten des Spiels zugesehen. Nun ist die Zeit gekommen, zu handeln. Das Spiel muss weg.» Ich musste das Gespräch mit ihm suchen. Wir spielten Schach, dies ist unser Dialog.

    DW: Max, ich habe schon mal mit dir ein Spiel gespielt und dabei dachte ich, dass du wohl der einzige Mensch bist, der gar nicht spielen kann. Was denkst du dazu?

    MS: Wäre ich der einzige Mensch, der nicht spielen kann, würde ich mich nicht nur alleine fühlen, ich würde mir auch grosse Sorgen um unsere Gesellschaft machen. Denn spielen bedeutet, sich willkürlichen Regeln zu unterwerfen – sie nicht zu hinterfragen. Ich bin stolz darauf, dass ich nicht spielen kann. Ich will nicht spielen.

    DW: Es gibt verschiedene Formen vom Spiel. Der Philosoph und Soziologe Roger Caillois definierte Eigenschaften und Grundlagen des Spiels. Nach ihm gibt es vier verschiedene Arten des Spiels: Das mimetische Spiel – das so tun als ob, wie Schauspielen; das Rauschspiel – wie schaukeln; das Regelspiel – wie Schach; und das aleatorische Spiel – das Glückspiel, wie Würfelspiele.

    MS: Glücksspiel ist sowieso völliger Hohn auf unser Zusammenleben. Es ist ein Affront gegenüber unserer Gesellschaftsordnung, die zu Recht Gerechtigkeit und Freiheit hochhält. Spezifisch habe ich gegen Gesellschaftsspiele gewettert, weil diese in subtiler Weise das Glücksspiel sogar wortwörtlich in die Nähe der echten Welt rücken will. Das Spielerische liegt mir aber nicht fern. Ich bin sehr verspielt.

    DW: Verstehe. Bleiben wir doch rasch beim Gesellschaftsspiel, welches meistens zur Kategorie Regelspiel gehört.

    MS: Ja, und Regeln unterjochen uns. Regeln müssen dauernd angezweifelt werden. Wäre es für mindestens einen von uns besser, ohne dass es jemand anderem schlechter gehen würde, könnte ich im Schach meinen Bauern ja mal Laserwaffen geben. Wilfried Pareto wäre einverstanden, nur die Konservativen hüpfen mit dem Pferd immer noch L-förmig.

    DW: Bei aller Liebe zur Kritik. Wenn ein Regelsystem willkürlich veränderbar wird, funktioniert ein Spiel nicht mehr. Dann könnte ich ja meinen Bauern einfach Spiegel geben. Worin liegt da der Sinn?

    MS: Man kann aber Regeln anpassen, wenn es nützt. Ich habe einfach ein beschränktes Interesse daran, in einem Spiel blind und unkritisch Regeln zu befolgen, um zu gewinnen. Wohin das führt, scheint mir absehbar. Ich zweifle lieber die Regeln und folglich das Spiel an.

    DW: Du hast also ein grundsätzliches Problem mit Regeln und kein Interesse, ein Spiel zu gewinnen.

    MS: Ja. Was ist der Sinn im Gewinnen? Ich vernichte meinen Gegner. Du bist aber gar nicht mein Gegner, sondern mein Mitspieler. Wir könnten uns auf dem Schachbrett auch auf eine vernünftige territoriale Aufteilung einigen. Es gäbe vielleicht ein paar Scharmützel und dann wüssten wir, dass du etwas mehr vom Feld verdient hast. Anschliessend könnten sich unsere beiden Könige die Hand reichen und niemand müsste getötet werden.

    DW: Das scheint mir eine absurde Variation zu sein. Ich bin zwar dein Mitspieler, da ich mit dir spiele, aber ich ebenso dein Gegenspieler. Vernünftige territoriale Aufteilung ist doch langweilig; beim Spielen werden Urinstinkte in einem spielerischen Lernprozess ausgelebt. Schach ist doch ein gutes Beispiel, weil ein Spieler mit Strategie innerhalb von einem absolut fairen Regelsystem versucht, den Gegner auszuschalten.

    MS: Das eintauchen in eine andere Welt, auch beim Schach, finde ich ebenfalls schön. Aber wenn die Regeln nur vorgeben, den anderen auf diese und jene Art zu vernichten, dann ist das doch auch langweilig und zudem scheint mir der gesellschaftliche Lerneffekt relativ gering.

    DW: Es gibt zwar die Unterscheidung vom Funktionsspiel und Lernspiel, aber ich glaube, man lernt immer etwas bei einem Regelspiel. Der Lerneffekt hier ist strategisches Vorgehen bis zum Sieg, bis zur Niederlage.

    MS: Die Reduktion der meisten Spiele darauf, dass am Ende gewonnen werden muss, ist weder zielführend noch lehrreich. Spannend wird es dann, wenn das Spiel kein Ende hat, zum Beispiel bei SimCity.

    DW: Auch da gibt es Regeln. Du kannst ja nicht diagonal bauen.

    MS: Stimmt, ich darf auch SimCity prinzipiell anzweifeln (tue ich auch). Aber mal abgesehen davon, spiegelt es gesellschaftliche Herausforderungen und damit strategisches Denken viel eher, weil es nie zu Ende geht. Du kannst nicht gewinnen, du musst immer weiterdenken.

    DW: Einverstanden. Aber du kannst dir selber Ziele setzten – meine Stadt soll dies und das erfüllen – und diese erreichen. Dann spielst du halt alleine und kannst absolut machen, was auch immer du willst, ganz ohne Gesellschaft. Wenn wir zu zweit kein Regelspiel spielen würden, sondern ein Rauschspiel, würden wir doch während dem Prozess Regeln, also was möglich ist und was nicht, festlegen.

    MS: Dann haben wir sie kreiert und spielen nicht im Diktat des Spiels. Wir könnten sie auch wieder ändern.

    DW: Genau. Nehmen wir zum Beispiel einen Flirt. Ein guter Flirt hat für mich Spiel – es ist nicht zu eng und zu lose. Dort versuchst du auch, an Grenzen, also Regeln, zu stossen und erfährst, was geht und was nicht. Und dort versuchst du ja auch, das Spiel am leben zu erhalten.

    MS: Naja, aber wenn es mir nicht passt, sage ich Tschüss. Oder hast du mal einen Flirt gewonnen? Auch wenn ich Brettspiele spiele, verfolge ich nicht das vorgegebene Ziel. Beispielsweise versuche ich bei Monopoly immer das Geld loszuwerden.

    DW: Zeig mir, wie du spielst, und ich sage dir, wer du bist. Und du bist im wahrsten Sinne des Wortes ein Spielverderber.

    MS: Vermutlich. Weshalb?

    DW: Weil du dich nicht an die Regeln hältst, kein Interesse am Spiel hast und sogar aktiv gegen das Spiel arbeitest.

    MS: Die meisten Regeln sind einfach schlecht. Fast immer gewinnt nur einer, der sich im besten Fall etwas freut. Die anderen Mitspieler verlieren alle. Und dann ist es fertig. Wer würde in so einer Gesellschaft mittun?

    DW: Deine Analogie vom Regelspiel zur Beschaffenheit der Gesellschaft ist teilweise einleuchtend, aber sehr vereinfacht. Ich glaube, die Funktion von Regeln ergeben sowohl im Spiel wie auch in der Gesellschaft Sinn. Regeln machen alle gleich, da sie für alle gelten. Wenn sie alle befolgen, ergibt das ein faires Spiel.

    MS: Absolute Gleichmacherei und fast alle verlieren: Das kommt mir bekannt vor. Dir spielen Regeln zu, mir sind sie im Weg.

    DW: Deine Antipathie dem Spiel gegenüber ist ergreifend. Johan Huizinga beschrieb in «Homo Ludens» auch einen Zwangscharakter von Regeln. Nichtsdestotrotz liegt der Ursprung der Kultur doch im Spiel, oder nicht?

    MS: Der Ursprung der Kultur liegt vielleicht in der Interaktion, und wenn diese spielerisch erfolgt – schön. Aber die Weiterentwicklung der Kultur bedingt es, dass man sich über Regeln hinwegsetzt. Ein Spiel wird dem nicht gerecht.

    DW: In der Regel nicht. Du meintest aber, du seist verspielt. Spielst du dann manchmal für dich alleine, beispielsweise im so tun als ob?

    MS: Was meinst du?

    DW: Angenommen, du suchst etwas und stellst dir dabei vor, du wärst ein Detektiv.

    MS: Machst du das?

    DW: Oft.

    MS: Das liegt dir vielleicht, weil du vom Theater kommst. Ich fände das eher merkwürdig. Ich suche ja nicht besser, wenn ich denke, ich sei Detektiv. Was nützt das also?

    DW: Es macht Spass und ist ein spielerischer Umgang mit einer Situation, die eine Lösung erfordert.

    MS: Wenn ich mein Portemonnaie verloren habe, macht mir das auch als Detektiv keinen Spass. Worauf fusst denn deine Faszination von Spiel und spielen?

    DW: Beim Spielen kreierst du eine eigene Welt zwischen Unwirklich und Wirklich. Angenommen, wir spielen Cowboys. Für uns ist er wirklich, für den Rest der Welt unwirklich. Abgesehen von der Freude ist es ein metaphysisches Phänomen der Möglichkeiten, das wir ausleben können. Das löst doch Faszination aus.

    MS: Das kreative, schöpferische Element, das kann ich nachvollziehen.

    DW: Schön.

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    MS: Aber wo siehst du im Schach das Kreative? Das einzig Kreative ist, dass der Bauer zur Dame werden kann.

    DW: Du kannst nur ein Spiel spielen, wenn du auf dem, was bereits existiert, aufbaust. Wenn du negierst, kann kein Spiel entstehen – auch wenn es keine grundlegenden oder veränderbaren Regeln gibt. Das schöne am Spiel ist doch, wenn man etwas macht, zum Beispiel ein Schachzug oder Geste – im Flirt, und dann darauf achtet, wie der Mit- oder Gegenspieler reagiert. Dort, zwischen Aktion und Reaktion, liegt die Kreativität, Faszination und Magie.

    MS: Welche Rolle haben denn darin Mitspieler?

    DW: Sie sind entweder Freund oder Feind. Man kann auch zusammen gegen das Spiel kämpfen.

    MS: Du bist also ein kompetitiver Spieler, der Regeln und Einschränkung braucht.

    DW: Genau. Und wie würdest du dich beschreiben?

    MS: Ich spiele keine Spiele mit starren Regeln – dagegen sträube ich mich. Lieber mag ich kreative Spiele, bei denen man etwas erschafft. Anstelle von Schach würde ich lieber mit dir ein Männchen malen.

    DW: Unsere Schachpartie führt sowieso nirgends hin; du hast den Waffenstillstand ausgerufen und somit funktioniert das Spiel nicht mehr. Dann malen wir eben ein Männchen zusammen.

    Maximilian Stern, 29, ist Politologe und Mitgründer des Think-Tanks foraus. Er möchte dieses Gespräch seinen Freunden Tobias, Antoine, Jonatan, Simon und William widmen, die seinen letzten Spieleabend, inklusive Wutausbruch, miterleben mussten.
    Dominik Wolfinger, 27, Chefredaktor diePerspektive. Er tut nichts, er will nur spielen.
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