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YOLO und die Angst vor dem Scheitern

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In einigen Monaten werde ich 29 Jahre alt sein und in mir macht sich langsam das ungute Gefühl breit, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Ich habe in jüngster Zeit vermehrt über mein Leben nachgedacht und mich immer mal wieder gefragt, was mir das vergangene Jahrzehnt so gebracht hat. Nun ja, ich habe das Gymnasium abgeschlossen und so gut wie nichts aus dem Zwischenjahr gemacht. Ich habe ein Studium aufgenommen und es wieder abgebrochen. Ich habe ein anderes Studium aufgenommen und es bis jetzt durchgezogen. Ich bin mit Freunden nach Wiedikon gezogen, aber habe an der Uni so gut wie niemanden kennengelernt. Ich habe ein halbes Jahr im Ausland studiert und war dabei in Gedanken viel zu oft woanders. Ich studiere nun in der Romandie, aber vermisse Zürich, die Langstrasse und den Exzess.

Im Grossen und Ganzen war das Jahrzehnt okay. Es hätte mich bestimmt schlechter treffen können und immerhin trage ich den Titel eines Bachelor of Arsch. Aber abgesehen von dem – es fühlt sich trotzdem ein wenig gescheitert an. Wenn ich dieses Lebensjahrzehnt einmal mit dem Klischee vergleiche, dann fehlt da der Sprachaufenthalt in den USA oder in Südamerika; dann war ich an zu wenigen wilden WG-Partys und dann hatte ich zu wenige Affären. Stattdessen war da zu viel Wankelmut, zu viel Arbeit und zu viel Melancholie. Und jetzt, wo ich vor einem neuen Lebensjahrzehnt stehe, habe ich Angst vor dem Scheitern. Ich habe Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen; den falschen Beruf zu ergreifen; mich in die falsche Person zu verlieben und später gemeinsam einsam zu sein. Ich fürchte mich davor, mich zu entscheiden; mich festzulegen. Ich bin ein Maybe. Die Möglichkeit des Scheiterns wirft einen langem Schatten auf alles Mögliche. Und mit Scheitern meine ich nicht etwa das Durchfallen bei der Autoprüfung, weil man noch zu viel Restalkohol im Blut hatte oder der Ausschluss vom Studium der mittellateinischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Ich spreche vom Scheitern im Leben und das Scheitern im Leben ist deshalb so schlimm, weil YOLO! Man kann im Leben nicht einfach auf die Rewind-Taste drücken und alle Fehler ungeschehen machen. Letzten Endes besteht immer die Möglichkeit des ultimativen Scheiterns und zumeist bemerkt man lange Zeit nicht oder ignoriert, dass man sich auf dem besten Weg dorthin befindet.

Andererseits verweist die Idee eines «gescheiterten» Lebens aber auch auf die Frage nach dem «richtigen» Leben. Wie sieht ein richtig gelebtes Leben aus? Der Gedanke mag banal anmuten, aber was ein «richtig gelebtes Leben» ist, hängt von gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen ab. Die Angst vor dem Scheitern kann also auch als Angst vor dem Urteil der Anderen verstanden werden und wer sich vom Urteil der Gesellschaft zu lösen vermag, ist so gut wie sorglos, richtig? Doch wer ausser vielleicht ein Verrückter vermag sich dem Urteil der Gesellschaft zu entziehen? Und wenn Icona Pop «I don’t care, I love it» singen, dann glaube ich ihnen dies schlichtweg nicht. Menschen können sich dem Urteil ihrer Mitmenschen nicht einfach so entziehen; selbst der Stadelhofen-Punk stellt da keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil spürt jener das Urteil der Anderen noch viel schwerer auf sich lasten. Die symbolische Gewalt die ihm hierdurch widerfährt, ruft in ihm verständlicherweise eine aggressive Ablehnung aller bürgerlichen Wert- und Normvorstellungen hervor. So gesehen kann Flucht vor dem Urteil der Gesellschaft auch keine Lösung sein.

Was aber dann? Wie sollen wir mit der Möglichkeit des ultimativen Scheiterns umgehen? Nun, wir sind nicht die ersten, die sich mit solchen Fragen herumschlagen; schon etliche Jahre vor unserer Zeit gab es kluge Köpfe, die sich ganz ähnliche Gedanken machten. So glaube ich, dass wir auch heute noch viel von gewissen antiken Philosophen lernen können. Die Stoiker strebten zum Beispiel danach, allen vom Schicksal an sie herangetragenen Übel in «stoischer Ruhe» zu trotzen. Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Kontrolle über unsere Leidenschaften und Affekte, die zu Selbstgenügsamkeit und schliesslich zu Unerschütterlichkeit führen soll. Bei Seneca finden sich folgende Zeilen:

«Schmerz fühlt der aufrechte Mann allerdings auch; denn keinerlei gute Haltung kann die natürliche Empfindung abschwächen; doch er fürchtet ihn nicht; ungebeugt blickt er auf seine Schmerzen hinab.» (S. 152)

Für manchen Leser mag eine solche Aussage lächerlich anmuten – sie ist voller Pathos und dieser wiederum lässt uns an den Faschismus und die dunkelsten Momente der Menschheit denken. Vielleicht ist dies auch mitunter ein Grund dafür, warum wir die Tugend der Tapferkeit in die Abstellkammer der Geschichte verbannt haben. Ich persönlich wurde mit dem Ideal des emotionalen Mannes gross. Wie oft habe ich wohl schon Sätze gelesen à la «vielen Männern wurde bereits von Kindheit an gelernt, das starke Geschlecht zu sein». Solche Sätze waren dann mit der Aufforderung verbunden, Gefühle zuzulassen und Emotionen zu zeigen. Was dies angeht, war ich bestimmt ein gelehriger Schüler. Doch bei alledem geht vergessen, dass es auch ein Zuviel an Emotionen geben kann – dann nämlich, wenn sie unser Leben zu beeinträchtigen beginnen. Was aber ist Angst vor dem Scheitern, wenn nicht ein Gefühl, eine Emotion? Befragen wir wiederum Seneca:

«Für den Toren gibt es nirgends Ruhe. Über ihm und unter ihm lauert das, was ihm Furcht bereitet. Nach allen Seiten ist er in Angst. Gefahren folgen ihm und begegnen ihm. Vor allem hat er Furcht; denn er ist ungerüstet … Der Weise dagegen ist auf jeden Angriff gerüstet und gefasst; mag Armut, mag Kummer, mag Schmach, mag Schmerz auf ihn eindringen, er weicht nicht zurück. Unerschrocken geht er allem entgegen und geht hindurch.» (S. 142)

Und weiter:

«Du wirst aufhören, Furcht zu haben, wenn Du aufhören wirst zu hoffen; denn die Furcht begleitet die Hoffnung.» (S. 134)

Es macht Sinn, dass, wenn wir uns für unser Leben nichts Grossartiges erhoffen, wir dann auch nicht grossartig daran scheitern können. Doch wer von uns erhofft sich denn schon nichts Grossartiges von seinem oder ihrem Leben? Die Werbung verspricht uns schliesslich täglich, dass unser Leben grossartig sein wird und das Einzige, das wir dafür tun müssen, ist uns ein Axe-Deo zu kaufen, in Nike-Schuhen zu rennen, das Horizon Plus Combi-Abo zu besitzen, uns bei Helsana zu versichern, unser (nicht-versteuertes) Geld bei der Notenstein Privatbank anzulegen, einen BMW zu fahren, Schweizer Fleisch zu essen, mit Swiss zu fliegen und mit Gilbert Gress Weihnachtslieder zu singen. Es scheint einfach zu sein, ist es bekanntlich aber nicht.

Das Thema dieser Ausgabe lautet: «Warum hast du so verdammt Schiss vor dem Scheitern?» Nun, meine Antwort ist: weil ich mir von meinem Leben etwas erhoffe bzw. zu viel erhoffe und schliesslich fürchte ich mich davor, dass es vom kleinen Scheitern nur ein Schritt zum grossen Scheitern ist, sprich dem gescheiterten Leben. Ich habe, um ehrlich zu sein, kein Patentrezept für den schmerzlosen Umgang mit dem Scheitern. Zu lernen, das Scheitern und den Schmerz wie ein Stoiker zu begrüssen und zu ertragen, scheint mir jedoch einen Versuch wert zu sein.

Seneca, Annaeus L. (2009). Vom glückseligen Leben und andere Schriften. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 7790.

Text: Carl Joseph Trotta (28), Neuchâtel

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  • Frau Arielle Meerjung

    Sehr geehrter Herr Trotta
    Ihr Schreiben ist eine Bereicherung. Sie haben meinen Horizont erweitert, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin. Vielleicht kann ich Ihnen eine kleines Stück davon zurückgeben.

    Ich möchte mit meinem Kommentar keineswegs das Scheitern (und die damit verbundenen qualvollen Schmerzen, welche Sie so schön beschreiben) leugnen. Ich möchte Ihren Text nur um eine Perspektive erweitern. Und diese hat überhaupt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

    Ihr Text widerspiegelt von Anfang bis Schluss die problemfokussierte Orientierung unserer Gesellschaft:“Muslime sind gewalttätig.Federer scheitert an Seppi.“ STATT sich auch mal zu fragen „Wie schafft es die Mehrheit der Muslime ihre Religion und Kultur konfliktfrei mit der Schweiz zu vereinen? Woher nimmt Fedi, Vater von vier Kindern und Ehemann einer Ehefrau, nach Jahrzehnte langem Spitzensport und Rückenschmerzen die Kraft wieder in die
    Nähe der Nummer 1 zu rücken?“

    Ich glaube genau darin liegt die Kunst des Scheiterns und des „leben Lebens“: eine lösungs- und ressourcenorientierte Haltung zu bewahren (Danke Steve DeShazer!) – sich mal stinkfrech von Problemen und Angst loslösen. Übertragen auf Ihren Text heisst das, sich auch mal ganz emotionslos zu fragen: „Was ist mir in meinem Leben bis jetzt gelungen?“ Und übertragen auf ein paar Ihrer konkreten Beispiele könnte das so aussehen:

    Was hat die Romandie so Wunderbares, dass Sie es dennoch ertragen Zürich zu vermissen?
    Was konnten Sie in den/dem Semster/n mittellateinischer Sprach- und Literaturwissenschaft lernen?
    Wenn Sie Angst haben, sich in die Falsche zu verlieben – wie soll denn die Richtige sein? Und
    was tun Sie, wenn Sie glauben Ihr begegnet zu sein?
    Welche Vorteile bringen Ihnen Affären?
    Und wie haben Sie den Bachelor of Arsch erreicht, während ich es nur zum Bachelor of Arsch PUTZEN schaffen werde (vorausgesetzt ich werde nicht scheitern)?
    Was hat Ihnen in den bald 29 Lebensjahren gut getan? Was wollen sie auch noch mit 30
    beibehalten?
    Und vor allem: Wie um Gotteswillen haben Sie es trotz Restalk intus überhaupt an die Autoprüfung geschafft und das allenfalls sogar pünktlich?

    In einem Punkt muss ich Ihnen widersprechen: Hoffnung ist eine extrem wichtige Ressource für das ganze Leben. Bitte lesen Sie dazu „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker.

    Ja, Herr Trotta, ich gebe Ihnen absolut Recht: die individuelle Lebensplanung zu verfolgen und dabei der Gesellschaft mit all ihren (widersprüchlichen) Ansprüchen gerecht zu werden ist ein hoch komplexes Unterfangen und Scheitern scheint da vorprogrammiert. Aber Herr Trotta: das GEWINNEN haben Sie vergessen. Und dass man zum Gewinnen Scheitern zumindest riskieren muss (Bitte schauen Sie den Disney Film Arielle und vielleicht auch zwischendurch Skirennen), haben Sie in Ihrem Text an keiner Stelle erwähnt.

    Scheitern werden Sie und Ich immer und immer wieder. Alle anderen übrigens auch. Die Haltung gegenüber dem Scheitern und dem ganzen Leben, was auch Seneca beschreibt, ist aber entscheidend – um schlussendlich nicht an sich selbst zu scheitern.

    In Anlehnung an Franz Assisi wünsche ich Ihnen (und mir), die Gelassenheit, das Unabänderliche zu ertragen, den Mut, die Dinge zu ändern, die Sie ändern können, und die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen die rechte Unterscheidung zu treffen.