Home Rubrik «Wir Schweizer sind so konsensorientiert. Es fehlt uns an einer gewissen Agressivität»

«Wir Schweizer sind so konsensorientiert. Es fehlt uns an einer gewissen Agressivität»

0

Marcus Kuhn ist mit seinem Startup gescheitert. Er ist Mitgründer der Failcon, eine Konferenz welche sich dem Scheitern von Unternehmen widmet. Damit versucht er auf das Positive der Misserfolge hinzuweisen. Wir haben mit Marcus Kuhn über die Angst vor dem Scheitern gesprochen.

Sie sind 2012 mit dem Start-up «Connexio» gescheitert. Sechs Personen haben Ihre Stelle verloren. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als klar wurde, dass Ihr Startup scheitern wird?
Der Moment der Entscheidung ist eine Erleichterung. Sehr schwierig sind die Monate davor. Man kämpft – will es nicht wahrhaben. Als ich die Entscheidung traf das Unternehmen zu schliessen, wusste ich wenigstens, wohin es gehen soll. Das Schwierigste war es, die Mitarbeiter zu entlassen. Ich habe persönlich für alle Mitarbeiter Anschlussjobs gesucht. Innerhalb von zwei Wochen hatten alle einen neuen Job. Abgesehen von meinen Mitgründer und mir.

Die Krise ist aber nicht von heute auf morgen gekommen?
Der ganze Weg hin zu dieser Entscheidung war enorm schwer. Aber ich glaubte bis zum Moment der Entscheidung an eine positive Wende. Zwei Tage vor dem Ende haben wir noch eine Kampagne gestartet. Das hätten wir niemals gemacht, wenn wir das Ende als unabwendbar gesehen hätten.

Haben Sie sich vor der Firmengründung und Krise schon Gedanken darüber gemacht, was passiert wenn Sie scheitern? Hatten Sie Angst davor?
Ja und nein. Als Jungunternehmer hat man nicht eine Krise, wir hatten mit dem Startup zwei Nahtod-Erlebnisse. Das dritte war dann ein Volltod-Erlebnis. Dieses nahe am Abgrund stehen ist für ein Start-up normal. Als Gründer hast du aber oft eine wichtige und spezielle Eigenschaft: Deine Wahrnehmung wird extrem selektiv und du ignorierst die Angst davor. Man ist dann naiv. Aber es gibt Schlimmeres als mit seinem Start-up zu scheitern.

Zum Beispiel?
Einen regulären Job anzunehmen. Ein Anstellungsverhältnis ist nichts für mich.

Was genau assoziieren Sie mit dem Begriff scheitern?
Man muss unterscheiden: Scheitere ich als Person oder scheitert das Unternehmen? Ich habe das Scheitern nicht mit mir als Person verknüpft. Es gibt da zuviele miteintscheidenden Faktoren. Klar, auch ich als Person muss mich verbessern. Im Nachhinein sehe ich dutzende Dinge, die ich falsch gemacht habe. Aber im Gegensatz zum Unternehmen kann ich es einfach nochmals probieren.

Sie haben einmal gesagt, dass der Schweiz eine Fehlerkultur fehlt und dass Scheitern durchaus positiv gesehen werden kann. Wie meinen Sie das?
Etablierte Statistiken belegen, nur circa eines von dreizehn Start-ups hat Erfolg. Das ist normal so. Die zwölf gescheiterten Start-ups gehören dazu. Die sind wichtig für Innovationen. Versucht man jedoch Unternehmungen ohne Erfolgsaussichten weiter am Leben zu erhalten, dann ist es problematisch. Dort werden extrem viele Ressourcen unnötig gebunden. In der Schweiz wird tendenziell zu lange am Unternehmen festgehalten.

Was läuft denn falsch in der Schweizer Innovations-Szene?
Es wird zu engstirnig gedacht. Wir sind in einem kleinen Land mit einem kleinen Markt. Aber es wird eben auch so klein gedacht. Das ist ein grosses Problem.

Woher kommt diese Eigenheit?
Vielleicht von unseren Grundwerten? Wir Schweizer sind so konsensorientiert. Es fehlt uns an einer gewissen Agressivität. Das ist jetzt natürlich sehr generalisiert.

Könnten Sie es sich verzeihen, wenn auch Ihre zweite Firma zumachen muss? Nehmen Sie das Scheitern persönlich?
Als ich schliessen musste habe ich mich sicher hinterfragt. Aber es gibt verschiedene Arten von Scheitern. Wenn ich mit meinem Unternehmen einen Schuldenberg hinterlasse, dann liegt das an mir. Wenn wir wegen mangelnder Nachfrage schliessen, dann sehe ich das weniger als Scheitern.

Was raten Sie jemandem mit einer genialen Idee, der sich aber nicht getraut diese umzusetzen, weil die Möglichkeit des Scheiterns besteht?
Brechen sie die Idee auf die kleinstmögliche Sache herunter und geben sie diese einem Nutzer in die Hand. Dieser Gedanke basiert auf der Methodologie «lean Startup». Das hilft enorm. Danach muss man einfach über seinen Schatten springen und versuchen die Risiken klein zu halten.

Sie haben die Schweizer Version der Konferenz «Failcon» mitbegründet, die sich dem offenen Umgang mit Misserfolg widmet. Warum wollen Sie sich unbedingt mit dem Misserfolg auseinandersetzen?
In der Wirtschaft selber wird immer nur über positives berichtet. Man betont logischerweise was alles gut läuft. Dabei bringt es viel mehr, wenn man schaut was eigentlich nicht funktioniert. Das wird aber nie öffentlich diskutiert. Hier soll «Failcon» eine Plattform bieten. Das Paradebeispiel sind Forscher. Die publizieren nur erfolgreiche Ergebnisse aber keine Fehler. So werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Das ist extrem ineffizient. Da liegt eine Goldgrube an Information einfach brach.

Warum werden Misserfolge verschwiegen?
Wenn Sie auf einen Unternehmer erzählt Ihnen ausschliesslich von seinem Erfolg. Er promotet sich selber. Er will, dass Sie ein positives Bild von seinem Unternehmen haben. Ich sehe da glücklicherweise eine Trendwende. Man beginnt auch über Misserfolg zu sprechen.

Scheitern wird bei unserer Generation hip?
Es gibt heute viele Lifestyle-Unternehmer. Die machen ein Projekt, weil es toll ist ein Start-up zu haben. Diese Leute lassen es vielleicht auch so aussehen, wie wenn das Scheitern was tolles und modernes ist. Als richtiger Unternehmer mit Herzblut fühlt sich das aber alles andere als toll an, wenn Sie Ihr Unternehmen zumachen müssen.

Also doch lieber nicht scheitern? Haben Sie Ihren Mut nach dem ersten Misserfolg etwas verloren?
Nein. Ich riskiere immer noch gleich viel. Aber ich habe eingesehen, dass es nichts bringt, hoffnungslos an etwas festzuhalten.

Habe Publizistik studiert und interessiere mich für die verschiedene journalistische Formen. Bei dieperspektive bin ich als Redaktor tätig und kümmere mich um die Verlagsarbeit. Im Zeitalter der Überinformation überlege ich mir bei jedem Satz zweimal, ob er sich zu sagen lohnt.