Home Thema WG Weegee-Vignetten

Weegee-Vignetten

0

Meinem Ostblockpapa, gesegnet mit einem Übermass an Einfühlungsvermögen, verschlägt so schnell niemand die Sprache. Überlasst das ruhig seinem einzigen pubertierenden Kind. Als ich fünfzehn war oder so und ihm eröffnete, ich würde dann wenn alles planmässig lauft aufs Studium hin in eine Weegee ziehn, schluckte er erstmal leer und nickte dann freundlich. Dann wechselte er das Thema. Gleichentags etwas später, Apero mit ma mère. Ich hätte meinem Vater also schon einen Schrecken eingejagt, erzählt sie lachend. Wie hatte ich denn das geschafft? Nun, sagte sie und nahm einen Schluck Chardonnay, für einen Exmusiker aus einem sowjetischen Satellitenstaat mutet die Vorstellung, dass junge Frischmündige in verlotterten Gehäusen irgendwo inmitten einer Grossstadt wie Zürich zusammengepfercht in ihrem eigenen Dreck leben und sich gegenseitig die Spritze setzen halt etwas befremdlich an. Eine Überdosis westlicher Jugendverwahrlosung. Ich fragte, ob meine Eltern meinen, ich hätte irgendwie mit böseren Drogen was am Hut, als ich sonst schon hatte. Meine Mutter lachte. «Nein Nein, keine Sorge, ich hab ihn beruhigt, er weiss es halt nicht besser. Ich hab ihm erklärt dass das heutzutage absolut normal und gang und gäbe ist. Dass deine Onkel alle auch mal in Weegees gewohnt haben und das zu einer Zeit, als die Stadt wirklich noch gefährlich war. Kein Problem also. Er wird sich dran gewöhnen. Abgesehn davon ist es dein Körper, mach damit was du Lust hast.»


Meine erste Weegee bezog ich im Sommer Zwozehn in einem wunderschönen Zweifamilienhaus im Grünen zwischen Regensbergbrücke und Bad Allenmoos. Zu fünft waren wir, jung, schön, topmotiviert und so lebenslustig, wie man das halt mit knapp zwanzig noch ist. Und ach, die Freuden des Zusammenlebens. Wer hat das Bad schon wieder nicht geputzt? Die Pfanne ist noch nicht sauber, Simeon. Jetzt friss nicht immer Cornflakes vor dem Znacht! Unser Staubsauger ist kaputt. Kannst du eigentlich nie genug saufen? Das ganze Bad ist verkotzt! Das war nicht ich, das war die, die ich abgeschleppt habe. Der bin ich im Suff etwas zu ungelenk auf dem Magen abgestützt, da musste halt was raus. Aber sie hat mir gesagt sie hätte alles aufgewischt! Kann man denn niemandem mehr vertrauen? Fick mal leiser, die arme Frau ist doch sicher schon ganz wund. Du hast unser letztes Gras weggeraucht? Spinnst du? Obligatorische Weegee-Party selbstverständlich legendär, mehrere Floors auf allen Etagen, voll besetzter Balkon, Lärmklage und eine zentimeterdicke Schicht Alkohol und Sockenfusel auf dem Wohnzimmerboden, als dann alles vorbei war.

Nichts hält ewig und manches nicht lange. So kam es, dass ich im Sommer darauf gegangen wurde. Der historischen Harmonie verpflichtet bezeichne ich das jetzt mal als „in gegenseitigem Einverständnis“. Hallo Leonie und Nina, ich mag euch trotzdem. Dank unvorhergesehner Loyalität und Kameradschaft eines meiner Nächsten bezog ich dann meine zweite Weegee, diesmal richtig in der Stadt. Druckste ich vorher rum und sagte, ich wohne an der Grenze zum Kreis Sechs, hauste ich plötzlich im Dickicht des flachen Teils von Zürich, und zwar exakt an der Grenze zwischen den beiden besten Kreisen, drei und vier. Nix JuWo, nix Gnossi, nix Sozialwohnung. Eine richtige, echte, private Verwaltung gönnte uns eines ihrer unzähligen Appartements. Die erste Konfrontation liess nicht lange auf sich warten. Wir zwangen die Verwaltung, die marode, leicht schimmlige dunkelbraune Küche herauszureissen und durch eine neue zu ersetzen. Der russische Gastarbeiter, der uns das Ikea-Schmuckstück dann installierte, sprach zwar kein Deutsch, dafür aber seine Vorgesetzten, und ich hab bis heute nie so schnell jemanden ein Bier trinken sehen wie den sächsischen Monteur. Zwei Schlücke und zack, leer war die Dose. Der Mietzins stieg, die Vöglein pfiffen und ich gehörte nun zu den echt coolen Säcken, die in Zigidistanz zum Idaplatz wohnen.

Im ersten Jahr geschah etwas spannendes: Der Zufall namens Arbeitsmarkt zwang uns alle drei in Jobs, die vorwiegend elf Uhr nachts begannen. Verrückt, anstatt sich morgens beim Schlipsbinden um die Kanne Bialetti zu streiten, begegnet man sich spätabends im Halblicht der Küche mehr oder weniger ausgangsparat. Noch ein letztes Bier, Augentropfen rein, und ab die Miete verdienen. Ich kam meistens als letzter nach Hause, als die Sonne oft schon aufgegangen war. Manchmal war ich ausgesperrt, musste die Besoffenen also nach ihren ersten zwei Stunden aus dem Schlaf klingeln, wodurch ich mir immer, ohne eine Ausnahme, böse Blicke einhandelte. Aber konnte ich irgendwie noch verstehen, ich hätte ja auch einfach im Treppenhaus schlafen können. Nichts Streitwürdiges, nicht das. Was passiert eigentlich, wenn man streitet? Lässt man sich in eine verbale Auseinandersetzung verwickeln, degeneriert man zu einer Vorstufe des zivilisierten Menschen. Vernunft und Zen weichen Geltungsdrang und Lautstärkekampf. Und Gott, haben wir gestritten. Zeitweise hätte man unserer Wohnung eine bipolare Störung diagnostizieren können. Tranken wir eines Abends bis drei Uhr zu guter bis sehr guter Musik und fühlten uns wie die Bolschewiken im November, multiplizierten sich anderntags die kleinen Befindlichkeiten, vom Kater befeuert, zu handfesten Kriegen. Mixt man dann noch etwaige etwas «schwierige» Beziehungsverhältnisse in die Suppe, so konnte man sicher sein, dass es nicht langweilig wurde, öffnete man unsere etwas quietschige Eingangstüre. Im schlimmsten Fall gab es immer noch das Meiers, das hat ja immer bis Vier auf. Dreimal umfallen und ich lieg drin. Genau wegen so Institutionen liebe ich es, Städter zu sein. Und als Student leistet man sich meistens kein eigenes Gehäuse, sondern teilt es schwesterlich mit anderen. Auch wenn ich immer noch der Meinung bin, vorzüglich alleine klar kommen zu können, so ist mir das Kommunenhafte doch sehr ans Herz gewachsen. Ich glaube, das reicht auch schon bis in meine Kindheit zurück. Wir hatten ständig Mitbewohner, manche blieben kurz, manche lang, manche kannte man schon früher, manche nicht. Aber immer gab es jemanden, mit dem man einen Quark essen konnte oder der das Bad blockierte. Good times.

Seit mir die zweite Garnitur Mitbewohner ausgeflogen ist (diesmal im Guten, ich schwörs!), wohne ich nun je nach Zählform in meiner zweieinhalbten oder dritten Weegee. Sie wurde auch schon ordentlich eingeweiht, hat doch jeder schon im Suff ins Bad gebrochen. Neue Leute heisst: Neue Musik, neue Esswaren im Vorratsschrank (Edition 2015: Immer Eier und Hering), neue Befindlichkeiten, neue Gäste, die plötzlich auf deinen Stühlen hocken und deinen Kaffee saufen. Manches bleibt sich gleich, manches verschwindet mit dem letzten Karton für immer. Auch wenn wir im Schnitt vielleicht alle zwei Monate wirklich zusammen an einem Tisch Znacht essen, ist das Gemeinschaftsgefühl relativ frisch und stark. Auch weil alles ein Ende hat ausser die Wurst: Im Herbst ziehen wir wohl alle von dannen, in nördlichere, unwirtlichere Gefilde, wo immerhin das Bier etwas günstiger ist. Und wer jetzt denkt, oh, es wird eine Wohnung im 34i frei, gleich mal anklopfen, dem muss ich sagen, zu spät Bengel, Vitamin B, Baby.

 

Text: Simeon Milkovski

Hoi ich bin dieperspektive. Ich stelle hier alle Texte von dir und sonstigen Schreiberlingen auf die Webseite. Auch Anlässe und wichtige Infos stelle ich online. Wenn du also mal einen Text für mich hast: artikel@dieperspektive.ch. Wenns es etwas Pressantes ist, erreichst du mich am besten über Facebook oder Twitter. Im Newsletter zeige ich dir immer die wichtigen Dinge, die um uns so geschehen. Dafür kannst du dich im Hauptmenü unter Abonnieren eintragen. Dort kannst du auch unsere Printausgabe bestellen.