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Verpuppung

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    Von Franziska Meierhofer

    „Silence, please.“ Ein Holzschild am Tor. Wir waren es bereits. Still. Zu Beginn unseres Aufstiegs hatten Celeste und ich noch geplaudert. Die üblichen Daten ausgetauscht. Wo wir wohnen, womit wir Geld verdienen, womit wir kein Geld verdienen, ob wir liiert sind. Gleich würden wir für fünf Tage keine Unterhaltungen dieser Art mehr führen müssen. Ich erfuhr, dass Celeste aus Málaga kommt und in Dubai lebt, wo sie beruflich Sportveranstaltungen organisiert. ‚Celeste’ ist übrigens Spanisch für ‚himmelblau’. Namensbedeutungen amüsieren mich. Sie zu erfragen, ist zu einem kuriosen kleinen Hobby von mir geworden. Ich spekuliere gerne, inwiefern ein Zusammenhang besteht zwischen Namen und Wesen. Ist alle Assoziation Produkt unserer Fantasie? Findet der Mensch überall Bedeutung, wo er nach ihr sucht?

    Der Weg verlief über eine gewundene Schotterstrasse, vorbei an ausladenden Teefeldern, Waldstücken und vereinzelten Häusergruppen. Es war Mittag. Die tropische Hitze lag schwer und feucht in der Luft. Ich bot Celeste an, ihr mit ihrem Gepäck zu helfen. Nicht aus gutem Willen, sondern weil ich spürte, dass sie lieber ein Tuktuk hinauf zum Meditationszentrum genommen hätte. Ich hingegen hatte mir in den Kopf gesetzt, die vier Kilometer vom Dorf aus zu Fuss zu gehen. Betrachtete ich es doch als Bestandteil meiner Katharsis, meines Rückzuges aus der Welt. Schweissgebadet diesen Hügel zu erklimmen, zelebrierte ich als Schwellenritual. Im Grunde genommen war ja die ganze Reise dies – ein rite de passage. Im Laufe der nächsten Tage sollte ich einige Male an Uma Thurman in Kill Bill denken. Daran, wie sie von ihrem chinesischen Meister auf strengste Weise für die Kampfkunst gedrillt wird. Wie sie Steine einen Berg hochhieven und durch den Dreck kriechen muss. Dann lachte ich immer für mich. Im Stillen natürlich.

    „Silence, please.“ Stille hat ja etwas Revolutionäres. Besonders in einer Welt, die verlernt hat, innezuhalten. Einer Welt, die behauptet, Wachstum sei ein linearer Prozess. Einer Welt, welche Musse verachtet und Pausen verlacht. Einer Welt, die um Worte ringt, alles zum Kauf feilbietet und sich allmählich selbst verkauft. Das Zentrum lag am Hang und war nahtlos eingebettet in die umliegende Natur. Es bestand aus ein paar einfachen, aber robusten Gebäuden, umgeben von alten Bäumen und einem weitläufigen Garten. Die Luft hier oben war saftig und kühl. Es roch nach feuchter Erde, Pflanzen und Feuer. Wenn man die breite Steintreppe zur Meditationshalle hochging, raubte einem die Aussicht auf die Hügelketten des singhalesischen Hochlandes den Atem. Wir waren rund drei Stunden von der Stadt Kandy entfernt, deren Tempel sich rühmt, einen Zahn Buddhas zu hüten. Bei einer kleinen Rezeption wurden wir gebeten, uns anzumelden und unsere Wertsachen abzugeben. Ein Mönch schob mein Handy, mein Geld und meine Papiere in einen Umschlag und sperrte diesen in einen Tresor. Im Gegenzug erhielt ich einen winzigen Schlüssel sowie eine Wolldecke, Streichhölzer und eine Handvoll schmaler Wachskerzen. Bald würde es Tee geben, danach die erste Sitzmeditation. Meine Kammer war spartanisch, aber sauber. Ein Betonvorsprung, eine Schaumstoffmatratze, ein Moskitonetz und ein Tisch. Aufatmen. Endlich Ruhe.

    Eine buddhistische Nonne britischen Ursprungs leitete das Schweige-Retreat. Kema. Schwester Kema. Sie schien distanziert, das geschorene Haar verlieh ihr ein gewollt androgynes Aussehen, doch ihre lachsfarbenen Lippen waren voll, ihre Wangen oft leicht errötet und ihre dunklen, markanten Augenbrauen von eigentümlicher Schönheit. Wir erfuhren wenig über ihren Werdegang. Sie liess uns lediglich wissen, dass sie über lange Jahre eine ‚seriöse Meditierende’ und ihr Eintritt ins Kloster eine völlig ungeplante Weiterentwicklung dieser Praxis gewesen sei. Seriös war sie, oh ja. Ihre Ausstrahlung war von einer Ernsthaftigkeit und Festigkeit, wie ich sie selten bei einem Menschen erlebt habe. Später stellte ich fest, dass dies nicht Ausdruck ihrer Härte, sondern ihres Gleichmuts war. Sie lächelte selten, aber wenn, dann verwandelte sich ihr Gesicht in das einer Jugendlichen.

    Ich bemerkte die Stille erstmals, als ich mich am Tag nach meiner Ankunft mit einem Teller voller Reis, Curries und Kokosnuss-Sambal auf ein Lederkissen vor der Küche setzte. Vor mir ergoss sich das mit Teeterrassen überzogene Tal. Im Garten verteilt sassen rund zehn andere Menschen, die bedächtig ihr Mittagessen einnahmen. Da war sie, die Stille. Sie war nicht geräuschlos, denn am Waldrand sind der Chor der Insekten und Vögel sowie das Rauschen der Baumwipfel ruhelose Begleiter. Nein, diese Stille war anders. Sie war zugleich dicht und ausgedehnt. Zwischen uns und in uns. Allgegenwärtig und subtil. Eine Art von Stille, welche die Wahrnehmung schärft und einem die inhärente Bewegung aller Dinge vor Augen führt. Zwischen den Zeilen, hinter den Worten, jenseits der Erinnerungen und Sehnsüchte lädt sie ein, im Moment zu verweilen. An diesem zeitlosen Nicht-Ort, wo Vergangenheit und Zukunft sich stets begegnen und ständig auseinanderdriften.

    Doch fünfmal täglich eine Stunde lang stillzusitzen und überdies aufgefordert zu sein, den ganzen Tag in grösstmöglicher Achtsamkeit zu verbringen, erschöpft. Man möchte partout nicht im Moment bleiben. Ja, man tut vieles, um nicht präsent sein zu müssen. Das Hier und Jetzt scheint so unspektakulär, so wenig glamourös und nicht selten so anders, als man es sich erhofft hatte. Um solcherlei unangenehmen Einsichten auszuweichen, greift man gerne nach dem Telefon, dem Laptop, der Zigarette, dem Kaffee, der Kreditkarte, dem Liebsten, dem Nächsten, der Agenda, dem Kühlschrank, dem Portemonnaie, der Hantel oder der Yogamatte. Man bastelt eine Stafette der Bedürfnisse und hält sich – beschäftigt mit deren Befriedigung – erfolgreich dem Moment fern. Es ist interessant und zuweilen bedenklich, sich dabei zu beobachten.

    Manchmal glaubte ich, sterben zu müssen. Wenn sich meine linke Schulter schon nach den ersten fünf Minuten Sitzmeditation wie Zement anfühlte, oder wenn mein Kopf vor Rastlosigkeit zu zerspringen drohte, oder wenn mich die Schläfrigkeit mit ungekannter Wucht übermannte. Jedes Mal waren die Symptome in der Teepause wie weggeblasen. Halb resigniert, halb belustigt sollte ich es noch einige Male auf der weiteren Reise denken – dass ich nun vielleicht sterben würde. Mal für Mal wurde ich eines Besseren belehrt. So begann ich mich bald zu wundern, was wäre, wenn ich versuchte, dem Leben einfach zu vertrauen und nichts vorwegzunehmen? Was wäre, wenn ich mir vorstellte, stets genau da zu sein, wo ich sein sollte, wo ich sogar zu sein entschieden hatte?

    Raupen verpuppen sich, wenn sie ausgewachsen sind. Sie geben ihre alte Form auf, um deren Verwandlung einzuleiten. Menschen Ende zwanzig scheint es ähnlich zu gehen. Wenn ein Limit erreicht ist. Irgendeines. Wenn du wie ein Heliumballon an die Decke stösst. Ein Burn-out erlebst, oder ein Bore-out. Wenn es dir zu eng wird in den vertrauten Strukturen. Wenn du in den Spiegel schaust und schon das dritte graue Haar entdeckst. Wenn du merkst, dass das Leben kein Filmset ist und dass tatsächlich nicht immer alles so wird, wie du es plantest. Wenn du obendrein feststellst, dass es nichts ausrichtet, ob du dich kindlich tobend zu Boden wirfst und gequält „Alles von Anfang!“ verlangst. Du führst hier nicht Regie, nicht so, wie du glaubtest. Möglicherweise zeigt sich dein Limit auch auf mildere Art. Als leichtes Unbehagen morgens beim Klingeln des Weckers. Als mulmiges Gefühl, wenn du dich erneut an deinen gewohnten Arbeitsplatz setzt und den Computer einschaltest. Als schmerzhafte Vorahnung beim Anblick der Person, die so selbstverständlich nach deiner Hand greift.

    Im kleinen Gasthaus am Strand mit dem alten Leuchtturm aus Stein gab es keine Spiegel. Ausserdem kaum Strom, kein Internet, keinerlei Ablenkung. Weit und breit war nichts. Nur Lagunen, Dünen und Gebüsch. Oft hörte man Pfauen miauen. Dazwischen das fragende Klopfen der Geckos, das Rascheln der Eichhörnchen, das Jaulen der werbenden Rüden. Und im Hintergrund stets die Brandung – der Atem des indischen Ozeans. Dieser verwunschene, rhythmische Ort wurde für zwei Wochen zu meinem Kokon. So lange übrigens, wie die durchschnittliche Puppenruhe eines Schmetterlings dauert. Als ich mich zum ersten Mal ans Meer setzte, wo mir ein ungewöhnlich starker Wind den Sand um die Ohren pfiff, die Nachmittagssonne alles in gleissendes Licht tauchte und die launischen Wellen unermüdlich ihr Hin und Her vollführten, überkam mich ein irres Gefühl. Es war, als hätte ich keine Geschichte. Als wäre alles, was ich je erlebt hatte und noch erleben würde, in jenem Moment enthalten.

    Ein raupenhafter, blauer Zug hatte mich durch das Hügelland im Zentrum der Insel vorbei an Wasserfällen, Tannenwäldern, Gemüsegärten und Betelnüsse kauenden Teepflückern nach Osten gefahren. An schlichten Bahnhöfen verkauften Händler frittierte Kichererbsen und Obst. Ich machte Rast in einem in Nebel getauchten Bergdorf, bevor mich am darauffolgenden Tag eine schwindelerregende Busfahrt an die Küste erwartete. Jene glich einer Achterbahn der Sinnesreize. Grotesk überfüllte Fahrzeuge, scharfe Kurven, Autohupen, schrille Farben, Schweiss und manischer Verkehr. Hindu-Pop, vergilbte Geldscheine und gestreifte Plastiksäcke, die im Falle einer Übelkeit routiniert durch den Bus gereicht wurden. Baumelnde Gebetsketten an staubigen Rückspiegeln und Goldschmuck an grazilen Ohren. Überall neugierige Blicke, die sich für ein paar Minuten oder Stunden mit mir verschworen. Warme Gesichter, die mir schaukelnd zunickten und mir ungefragt halfen, meinen Weg zu finden. Mehr Zeichen als Worte. Mehr Vertrauen als Wissen. Hier an diesem zeitlosen, weiten Strand mit dem alten Leuchtturm aus Stein waren sie alle schon zu Erinnerung geworden und hatten zu verwehen begonnen, wie vom Wind zerzauster Wolkenflaum.

    In ihrem Kokon erlebt und vollzieht die Larve einen tiefgreifenden Umbau ihrer selbst. So tiefgreifend, dass sie sich währenddessen weder bewegen noch Nahrung zu sich nehmen kann. Im Falle der Schmetterlinge, die eine sogenannt vollkommene Metamorphose durchlaufen, werden Organe und Gewebe resorbiert oder abgestossen. Mit anderen Worten: das Wesen verdaut sich zu grossen Teilen selbst. Es erneuert sich auf radikalste Weise. Im Grunde genommen stirbt es und wird wieder geboren. Wozu? Die Metamorphose ist in der Zoologie ja nichts anderes als die Umwandlung zum geschlechtsreifen Erwachsenen. Eine ähnliche Entwicklung erleben Menschen doch in der Pubertät, möchte man einwerfen. Bestimmt. Aber machen wir Menschen nicht mehrere Metamorphosen durch? Sind nicht erst jene emotionalen und geistigen Umwälzungen, die viele von uns gegen Ende ihrer Zwanziger erfahren, diejenigen, die uns wirklich erwachsen lassen? Oder lässt sich gar das gesamte Leben als Metamorphose betrachten – als eine unersättliche Bewegung zwischen Verpuppung und Entfaltung?

    Den Verpuppung-Text im Winterthurer Stadtfilter Radio kannst du dir hier anhören.
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