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Velostadt Zürich? – Von der Baustelle zum Leuchtturmprojekt

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    Zürich plant ein Bikesharing-System. Wo in den meisten europäischen Grossstädte bereits eifrig Velo gefahren wird, kurvt man in Zürich zwischen Autos auf einem Flickenteppich von Velowegen umher. Bis ins Jahr 2014 soll in Zürich ein Netz von 50 Velostationen entstehen. Damit diese neue Art des öffentlichen Verkehrs ein Höhepunkt für Zürich wird, muss noch viel in die Gänge gebracht werden. 

    Zürich im Jahr 2015: Das gemeinsame Grillieren bei Freunden hat mal wieder länger gedauert. Das letzte Tram fährt einem um 0.13 Uhr vor der Nase ab. Dank Bikesharing kein Problem. Anstelle eines teuren Taxis oder einem halbstündigen Fussmarsch, nimmt man sich mit der elektronischen Benutzerkarte im Handumdrehen ein Velo. Trotz zusätzlichem Abstecher im 24h-Shop in der Langstrasse ist man in zehn Minuten zuhause. Was hier noch wie ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk tönt, ist in vielen Städten Europas und den USA gang und gäbe.

    Das Bikesharing verbindet die Vorteile der Freiheit des Velos mit der Verfügbarkeit der öffentlichen Verkehrsmittel. Gemäss dem «Velojournal» bewirkt ein solches System nicht nur eine Entlastung des öffentlichen Verkehrs, es kann sogar als Teil dieses betrachtet werden. Das Velo soll für kurze Strecken so attraktiv gemacht werden, dass man nicht mehr auf den Bus warten, oder die teure und überfüllte U-Bahn benutzen will. Es müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein, damit die öffentlichen Fahrräder genügend attraktiv sind. Besonders wenn auch Personen, welche sonst selten in die Pedalen treten, das Angebot nutzen sollen.

    Schlagende Argumente für das Velo

    Zürich tut sich schwer damit, eine velofreundliche Stadt zu werden. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand. Mit gerade mal 4.5 Millionen Franken für ein Netz von fünfzig Velostationen und 500 Velos sind die Kosten minim. Ein einziges Cobra Tram kostet im Vergleich um die 3 Millionen Franken. Wer in Zürich bereits einmal ein Velo benutzt hat weiss, dass es kaum ein schnelleres Fortbewegungsmittel gibt; die Wartezeiten und das Umsteigen erübrigen sich. Der CO2-Verbrauch beschränkt sich auf die Produktionsemissionen des Velos. Auch beim Preis für die geteilten Velos kann kaum ein Verkehrsmittel mithalten. Orientiert man sich an den Preisen bestehender Systeme, kostet der jährliche Mitgliederbeitrag selten über 30 Franken. Die erste halbe Stunde darf meistens gratis gefahren werden. Bei Fahrten über einer Stunde steigen die Preise auf einige Franken an. Mit diesem Preiskonzept soll bezweckt werden, dass die Velos nur für einen Weg in Beschlag genommen werden und möglichst schnell wieder dem nächsten Kunden zur Verfügung stehen. Bezogen wird das Ganze meistens auf elektronischem Weg, per Karte oder Handy. In Barcelona zum Beispiel genügt es den Batch an eine Säule zu halten, Velo aus der Station zu ziehen und am Zielort wieder in die Station zu stecken. Um die Leute aufs Velo zu bringen, muss das System vor allem eines sein: unkompliziert. Die Mietvelos bringen sogar im Vergleich mit dem persönlichen Velo einen Vorteil. Sie sind fast überall verfügbar und können fast überall abgegeben werden. Für die Wartung ist gesorgt und geklaut wird das öffentliche Velo auch nicht.

    Hat Zürich die Infrastruktur für Fahrräder verschlafen?

    Eine kurze Fahrt mit dem Velo durch Zürich lässt einen schnell klar werden, dass Auto, Tram und Bus die Strasse dominieren. Es gibt kaum eine längere Strecke, auf welcher ein durchgehender Veloweg markiert ist. Ist ein Veloweg ausnahmsweise auf dem Trottoir, lässt dies die gelbe Markierung nur schwer erkennen, sodass die Fussgänger auf den Velowegen flanieren. Geschäftsführer von ElectricFeel, einem Softwareunternehmen für die intelligente Planung und den optimierten Betrieb von Sharingsystemen, Moritz Meenen bestätigt die Problematik der Velowege. Bezüglich Infrastruktur gäbe es noch einiges zu tun, es habe aber in den letzten Jahren grosse Entwicklungen gegeben und die Stadt arbeite mit Hochdruck an diesem Problem. Ähnliche Töne hört man von der Stadt Zürich. Ein sehr umfassender «Masterplan Velo» soll in Kürze vom Stadtrat abgesegnet werden. Details des Plans sind jedoch noch nicht spruchreif. Ob mit dem «Masterplan Velo» das Zürcher Veloweg-Netzwerk in weniger als zwei Jahren, bis zum geplanten Start des automatischen Bikesharing Systems, auf Vordermann gebracht werden kann, bleibt vorerst offen.

    Abbildung 2: Mit Vollgas ins Nichts – Zürichs Velowege sind ein Flickwerk.

     

    Das passende System für Zürich – mit E-Bikes hinauf nach Oerlikon?

    Dass die Technologie der BS-Systeme sich momentan rasant entwickelt, sieht Moritz Meenen als Erklärung für die Rückständigkeit der Stadt Zürich in Sache Velo: «Es ist denkbar, dass die Städte in der Deutschschweiz die globale Entwicklung beobachten möchten, bevor sie sich für eine falsche Technologie entscheiden.» In der Tat gibt es bereits eine Vielzahl an solchen Systemen. Von Fahrrädern, die in einem bestimmten Umkreis abgeschlossen werden müssen bis zu fixen Dockingstationen, wo die Fahrräder mit einer elektronischen Karte bezogen werden können, so wie in Barcelona.

    Auch E-Bikes haben sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und könnten eventuell in ein solches System integriert werden. So wären auch ältere Personen das Partizipieren an dem neuen Velosystem möglich. Noch ist man von Seiten der Stadt den E-Bikes gegenüber skeptisch. E-Bikes wären noch zu störungsanfällig für ein solches System.

    Chance mit Fragezeichen für Zürich

    Obwohl die Lancierung des Bikesharing Systems von Zürich nur noch knappe zwei Jahre in der Zukunft liegt, bleiben viele Fragen offen. Gelingt es der Stadt mit dem «Masterplan Velo» innert nützlicher Frist die Velowege so herzurichten, dass Velo und Auto keine Feinde mehr sein müssen?  Wird trotzt niedrigen Kosten genügend Unterstützung in Politik und Bevölkerung zu finden sein? Gelingt es Zürich mit diesem System eine Velostadt zu werden? Moritz Meenen sieht in diesem Projekt Potenzial für Zürich zu einem Höhepunkt zu werden: «Die Zürcher selbst haben Einflussmöglichkeit – wer es häufig nutzt und auch das Auto häufiger zu Hause lässt, sorgt mit dafür, dass es weiter wächst und international als Leuchtturmprojekt erkannt wird – und, dass Zürich immer velofreundlicher wird. So wird auch die Lebensqualität in der Stadt weiter steigen.»

    Text und Bild: Conradin Zellweger

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    • Coiffeur Zürich

      Also ich finde die Idee super, hoffe die setzen das auch langsam mal um !! Gerade die neuen Elektrofahräder haben doch was interessantes ! Ich auf jeden Fall finde das klasse!