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Sie nannten sie Alaska

Eigentlich komisch, von den Anderen in der Klasse hatte vorher niemand den Namen Aleksa gehört oder gelesen, ausser natürlich auf der Klassenliste, wo er seit Anfang des Schuljahres wie ein Fehler der Schulleitung gestanden hatte. Für mich war Aleksa ein warmer Name, der meiner Lieblingstante.

Unser neues Klassenzimmer unterschied sich kaum von dem im vorherigen Jahr: Ein Raum mit grauweissen Wänden, die kahl waren, abgesehen von ein paar Klebestreifenresten. An diesem Montag, eine Woche nach Beginn des Schuljahrs, machte der Raum jedoch einen befremdlichen Eindruck auf mich. Um den Geruch der Fünftklässler zu vertreiben, die hier die Doppelstunde vor uns Vertretung gehabt hatten, war das grosse Fenster geöffnet worden. Es klaffte wie eine Wunde zum dunstigen Himmel hin. Eine kühle Septemberbrise verirrte sich herein und brachte mich zum frösteln. Auch das Mädchen am Pult zog sich seinen Filzmantel enger um den Körper. Sie schaute, leicht angelehnt, aus dem Fenster, so dass ich ihr Gesicht im Profil sehen konnte. Es war still. Hinter mir diskutierte Lena halblaut mit zwei anderen Mädchen. Ich wusste nicht, worüber sie sprachen. Daneben döste Matze mit dem Kopf auf dem Tisch. Die Neue hatte ein rundliches Gesicht und ein kleines Ohr. Sie atmete kaum sichtbar, stand da wie eingefroren und nur der Wind bewegte eine Strähne ihres fahlen braunen Haares, die hinter ihrem Ohr hervorgerutscht war.

Ich war erleichtert, als der Klassenlehrer endlich kam. Ein runder, schnaufender Mann mit dünnem Schweissfilm auf der Stirn und gelbem Hemdkragen unter grauem Pullover. Er blieb kurz im Türrahmen stehen und nahm die Gemengelage im Klassenraum mit Kennermiene wahr. (Er unterrichtete Geographie). Dann schaute er leicht irritiert auf seine Armbanduhr und verzog das Gesicht wie unter einem kurzen aber heftigen Schmerz, schnüffelte mit erhobener Nase und ging in Richtung Fenster. Ob die Klasse seinem Eintreten wohl je eine solche Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen, wie an diesem Vormittag? Unsere Blicke schienen seine Arme und Beine als zähen Brei zu umgeben, während er mit trotzigen Schritten den Raum querte. An der Fensterseite angekommen, schloss er mit einer unerwartet ruckartigen Bewegung das grosse Fenster und drehte sich zu uns um. Auch Aleksa drehte ihren Kopf, so dass ich zum ersten Mal ihre beiden Augen sah.

 Ich musste husten und wurde rot.

Neben dem Klassenlehrer stand ein Mädchen mit braunem, glatten Haar und einem etwas rundlichen Gesicht. Sie schaute an die Wand hinter uns und kniff die Lippen leicht zusammen. Der Platz neben mir war frei. Der Lehrer nickte ihr kurz zu und sagte mit fester Stimme: „Heute freue ich mich besonders, Aleksa in der Klasse begrüssen zu dürfen.“ Eine Szene aus einem Kinderbuch – die kurze Stille, die darauf folgte, wollte gestört werden. „Alaska!“, rief Matze, halblaut, es wirkte spontan, ohne grosses Nachdenken. Lena kicherte. „Sie kommt aus dem Ort Norden,“, fuhr der Lehrer mit erhobener Stimme fort, „das liegt an der Nordsee.“, ein paar lachten, manche laut, andere mehr in sich hinein – nicht, dass es einen Unterschied machte. Aleksa und der Lehrer lachten nicht, er sagte irgendwas von Wohlfühlen und Mitnehmen. Ich musste husten und wurde rot.

Tante Aleksa war früher immer die einzige gewesen, von der ich mir gern über meine strähnigen blonden Haare hatte streicheln lassen. Sie war dabei nicht so grosszügig grob oder hilflos affektiert wie die anderen Erwachsenen. Ich hatte meinen Onkel Anton einmal sagen hören, dass Tante Aleksa ein Mensch mit Hand und Fuss wäre, ihre Argumente aber ein grosses Mitteilungsbedürfnis hätten. Meine Eltern nannten das einen Anton-Witz. Seit ich ihn verstand, mochte ich seine Aussagen, gerne verdrehte er seine Worte scheinbar achtlos, da durfte man nicht drauf reinfallen. Nur was daran witzig sein sollte, wusste ich nicht. Eigentlich fand ich, dass er die Sache durch seine Verdreher oft besser traf als die anderen.

An diesem Montag im September sass ich still und fand das ganze verdriesslich. Auch weil ich Matze eigentlich mochte, und es mir peinlich war, dass er da gerufen hatte. Er brauchte das nicht, das wusste ich. Wir waren zusammen zur Grundschule gegangen, teilten auch später ein Stück Schulweg. Wenn ich mit ihm alleine war, war er ganz anders, manchmal fast schon nachdenklich und erschreckend humorlos, fast langweilig, und wenn er damals beim Kommunionsunterricht das einzige Kind gewesen wäre, hätte er die Erstkommunion wahrscheinlich auch nicht verweigert. Nicht, dass das mich gestört hätte…

Ich lachte also nicht, auch weil Aleksa neben mich gesetzt wurde, mir zugewiesen. Ich schaute auf meine Hände, als sie sich neben mich setzte. Dann schaffte ich ein Lächeln, schaute auf ihre Nasenspitze und sagte: „Hi“.

Ich dachte: glücksuchend, und – was wir ihr alle neideten – irgendwie freier als wir.

Sie nannten sie Alaska und ein wilder, eisiger Ruf wurde ihr mit dem Namen mit gegeben. Ich nannte sie Aleksa, auch wenn sie nicht dabei war, und allein schon deswegen ging eine Spur ihres Rufs auf mich über. Die anderen sagten, sie wäre rücksichtslos. Ich dachte: glücksuchend, und – was wir ihr alle neideten – irgendwie freier als wir. Sie war kräftig, nicht im Sinne von dick, sondern stark. Zugleich dünn, aber nicht wie die Mädchen, die in der Pause auf den Heizkörpern am Fenster sassen, nicht wie Lena und ich. Onkel Anton hätte wahrscheinlich gesagt, dass Aleksa ein Mädchen mit rückgratiger Stärke war.

Einmal versuchte ich, ihr Gesicht zu zeichnen. Aber auf der Skizze wirkten ihre Backen und selbst die Nase und die Lippen irgendwie ausgebeult. Ich konnte ihre Geometrie nicht festhalten. Das Gesicht und die glatten Haare – das war alles nur Kulisse für ihre Augen, auch sie braun und ganz unbegreiflich. Sie gaben mir ein Gefühl, als könnten sie mich sehen; und all ihre Gesichtsausdrücke, ihre Worte, selbst die Körperhaltung waren wie mit dünnen Fäden mit diesen Augen verbunden, und entstanden und zerfielen nur für sie.

tumblr_n3k2uusYDg1rjlm07o1_500Der Arzt hatte gesagt, ich sollte rudern. Das würde meinen Rücken stärken. Ich fragte Aleksa, und sie kam mit zum Training. Schnell entwickelte sie mehr Ehrgeiz als ich. Mit gleichmässigen Ruderschlägen stemmte sie sich gegen das dunkle Seewasser. Im Zweier hinter ihr sitzend bewunderte ich die rhythmische Bewegung ihres Rückens und ihr Haar, das haselnussbraun leuchtete, wenn es nass war.

Manchmal dümpelten wir nach dem Training nahe des Ufers herum und planschten mit den Händen im Wasser. Ich sass hinter ihr im Boot und konnte ihr Gesicht nicht sehen. Wenn Aleksa sprach, versuchte ich, sie mir mit anderen Augen vorzustellen: mit wässrig-blauen oder mit blinzelnden Rehaugen, oder ganz ohne. Einmal später, als wir bei mir im Zimmer sassen, schloss ich meine Augen, und versuchte ihre Stimme zu der einer Fremden zu machen. Dann berührte sie mich leicht an der Schläfe, strich mir eine blonde Strähne vor mein Gesicht und sagte: „Anna! Die Sonne ist aufgegangen.“ Das alles natürlich nur, wenn wir alleine waren.

Alaska, sagten sie, hätte Lena im Sportunterricht die linke Speiche gebrochen, wahrscheinlich absichtlich, beim Aufwärmspiel.

Sie nannten sie Alaska. Alaska, sagten sie, hätte Lena im Sportunterricht die linke Speiche gebrochen, wahrscheinlich absichtlich, beim Aufwärmspiel. „Lena ist gegen die Wand gelaufen“, sagte ich. „Beim Badminton hinterher wäre es schlecht gegangen“, sagte Aleksa. Wir sassen auf meinem Bett. Sie mit meiner Gitarre auf dem Schoss, zupfte an den Saiten. Kein Ton passte zum nächsten. Ein wunderliches Netz aus Missklängen lag in der Luft. Wir lachten.

Alaska, lernten wir im Englischunterricht, wurde im Jahr 1867 für 7,2 Millionen Dollar von Russland an die USA verkauft. Das Komma schien dem Referendar im gestreiften Wollpulli wichtig zu sein. Wir machten es ihm nicht leicht – die Klasse war unruhig. „Das kann man sich heutzutage kaum vorstellen“, sagte er beschwichtigend, „das war eine andere Zeit.“

Im Januar machte Lena den Vorschlag, mich Kanada zu nennen. Da war sie seit Silvester offiziell mit Matze zusammen und noch übermütiger als sonst, aber es setzte sich nicht durch. Auch, so bildete ich mir ein, weil Matze nicht darauf angesprungen war. Ich sah ihn kaum mehr ausserhalb der Schule, er ging einen anderen Weg, oder zu Lena.

Aleksa meinte Mitte April, es wäre Zeit, über den Sommer nachzudenken. Es war nach dem Training und einer der ersten richtig warmen Tage. Wir schwammen noch eine Runde im See, der blau-weisse Zweier lag tropfend auf dem Holzsteg. Wir könnten mit Zelt und Kanu eine Flussreise machen, schlug sie vor. Man könnte von Berlin bis Hamburg fahren, ohne das Boot einmal umsetzen zu müssen. Ich nickte eifrig und strahlte. „Der letzte trocknet das Boot!“, rief sie und drückte mich unter Wasser, ich kam prustend wieder an die Oberfläche und nahm die Verfolgung auf. Später lagen wir in der Sonne und redeten über unsere Familien. „Meine Mutter“, sagte Aleksa, „ist eine russische Adlige“. Sie sprach nicht von der wortkargen Frau, die uns später mit dem Auto vom Ruderhaus abholte. Das Spiel war einfach.

Einige Wochen darauf zeigte Aleksa mir ihr neues Zelt, ein grünes Iglu. In diesem Moment begriff ich, dass es Aleksa ernst war mit der Kanutour. Ich fühlte mich krank, hatte ein Drücken im Bauch. Ich sagte ihr, dass mir schlecht wäre, und ging. Meine Eltern hatten die Ferienwohnung auf der Peloponnes bereits im März gebucht.

In der Schule wurde es schlimmer. Um Aleksa wuchs eine Blase aus Angst und Achtsamkeit. Manchmal fühlte ich mich wie ein Eistaucher, wenn ich in der Pause mit ihr sprach. Um mich zu verabreden, schrieb ich ihr die Rudertermine lieber über Whatsapp. Ich schien von einem Traumzustand in den nächsten zu wechseln, von der Schule zum Rudern, vom Rudern nachhause. Die verschiedenen Teile meines Lebens waren durch eine unsichtbare Seifenhaut getrennt. Wenn ich hindurch ging, veränderten sich die Schatten, die Gedanken, wahrscheinlich auch meine Stimme. Ich wurde zu einer Person, um die man sich sorgen machte.

Ich konnte ihr nicht folgen, ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.

Aus einem Gespräch der Anderen erfuhr Aleksa von Griechenland. Sie erzählte mir eine Geschichte mit einem Stier und einer Biene. Ich konnte ihr nicht folgen, ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.

Die letzten Schulwochen vergingen, ohne dass ich viel davon mitbekam. Aleksa kam seltener zum Unterricht, nur noch ein oder zwei Mal zum Training. Ich ruderte wie verrückt. Beim Wettkampf fuhr ich Skiff und wurde Dritte.

Im neuen Schuljahr stand ihr Name nicht mehr auf der Klassenliste. Niemand schien sich darüber zu wundern. Aleksa wäre mit ihrer Familie zurück an die Küste gezogen, erklärte der Klassenlehrer, ihrem Vater hätte das Klima hier nicht bekommen.

Ein grauer Septembernachmittag. Ich ging mit Matze durch das Wäldchen neben der Schule, was wir schon lange nicht mehr gemacht hatten. An den Nadelspitzen der Fichten tanzten tausende kleine Wassertropfen und an unseren Schuhen klebte ockerfarben der Lehmboden. Er rauchte, was lächerlich aussah. Wir redeten nicht viel. Einmal blieb er stehen, um an einem bemoosten Stein den gröbsten Dreck von seinen Schuhen zu wischen. „Weisst du noch,“ sagte ich und schaute dabei auf seine Füsse, „die Beichte bei der Erstkommunion: Ich hatte das Gefühl, Sünden erfinden zu müssen, damit der Pfarrer nicht enttäuscht ist. Jetzt -…“, ich wusste nicht weiter und musste blinzeln. „Du spinnst“, sagte er im Aufrichten und küsste mich leicht auf die Wange. Durch die Zigarette roch er alt. Dann lächelte er auf eine seltsam verwackelte Art und lief davon. Ein Junge, der den Bus nicht verpassen durfte. Nach einigen Schritten drehte er sich ohne anzuhalten noch einmal um und rief: „Ich kann dir ihre Adresse besorgen, dann kannst du ihr schreiben.“ Ich grub meine Fingernägel tief in die Handflächen und schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich durch die Gipfel der Fichten verschwommen die Herbstsonne. Mehr nicht.

 

Text: Simsim Sesam, 25, studiert frische Winde und globales Fieber in Zürich.

 

 

 

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