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Sammler erklärt sich

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Meine Wohnung ist zugegeben

voll von Kunst und Versuchen an Kunst
voller Gewürze ich habe mehr als genug
Bücher und Taschen und Hosen und Schuhe
es fehlt mir an nichts und auch Schmuck
habe ich echten unechten dann Musik E und
Musik U ich bin gut bestückt mit Vorratsdosen
habe viele viele Notizzettel und Stifte und Crèmchen
so viele so viele so viele habe ich.

Doch genauso ist vieles erst gar nicht vorhanden.
Hab keine Kissen mit Gesichtern drauf nicht ein
einziges Plüschtier auf Kuschelkurs liegt
auf meinem Bett wartend auf eine Gutenachtgeschichte
auf keinem Globus kann ich mit meinem Finger
herumreisen keine Kaffeemaschine brummt je
nicht einmal Skis habe ich obwohl ich leidlich
fahren kann einen Neopren-Anzug besitze ich
nicht dazu gibt es keinen Grund und obwohl
auch ich Weihnachten feiere verfüge ich über
Weihnachtsmusik nur wenn sie aus dem Radio
kommt ich kann hier nicht Wohnwandmöbeln
entlang klettern denn solche gibt es hier nicht
kein Moos keine Palmen und keine blühenden
Kakteen auch sind hier nirgends ovale Bilder
zu finden keine Stützstrümpfe keine Eile mit Weile
Nagellack ja aber kein grüner keine gefärbten
Strähnchen können mir je vom Haupt fallen in
einen blubbernden Whirpool kann ich mich abends
nicht setzen keine Harfe spielen wenn mir danach ist
keine Mickymausohren anlegen keinen Weichspüler
in die Waschmaschine leeren mit keinem Rasenmäher
herumkurven zum Spass selten Bier trinken denn
wenn dann Wein und erst seit kurzem kann ich
in echte Gummistiefel steigen dafür nicht einmal
Eis am Stiel lecken alles ist reduziert auf vereinzelte
Bedürfnisse so dass ich guten Gewissens trotz
Anhäufung Besitztum gewissem Überfluss
von einer Form von Minimalismus sprechen kann.

Text: Joanna Lisiak, diverse Einzelpublikationen sowie zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Zuletzt: „Besonderlinge – Galerie der Existenzen I; II“, Wolfbach, Zürich

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