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Nachhaltigkeit – eine kritische Betrachtung

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Nachhaltigkeit – der Begriff ist in aller Munde. Nach Jahrzehnten des Kampfes scheint das Wort in Wirtschaft und Gesellschaft angekommen zu sein: Coop und Migros überbieten sich gegenseitig mit immer grüneren Ideen, die Energiewende findet im Parlament eine Mehrheit und für umweltschädigende Unternehmungen wird es zunehmend schwieriger, sich zu rechtfertigen.

Trend gut, alles gut? Könnte man meinen. Ich wage jedoch zu behaupten, der Weg zu einer ökologischen Gesellschaft ist viel steiniger und könnte mit tiefer greifenden Veränderungen verbunden sein als wir uns das vorstellen und wünschen.

Vor 30 Jahren bestand die Umweltbewegung aus aufgebrachten Bürgern, welche auf der Strasse einen respektvolleren Umgang gegenüber der Umwelt forderten. Heute sieht die Situation grundlegend anders aus: Der Gedanke des Umweltschutzes findet vermehrt in der Wirtschaft Anklang. Dieser Trend ist grundsätzlich wünschenswert und ein Verdienst der Grünen Parteien, die den Gedanken des Umweltschutzes in der Mitte der Gesellschaft platzieren konnten. In den letzten Jahren hat sich Beispielsweise der Wirtschaftsdachverband «Swisscleantech» gebildet und wird heute als einflussreiche «Stimme der grünen Wirtschaft» wahrgenommen. Die Forderungen nach «mehr Umweltschutz» verbinden den Wirtschaftsverband und die Umweltbewegung, die Motive dafür sind jedoch sehr unterschiedlich. Während für die Umweltbewegung der Schutz der Natur im Zentrum steht, ist für den Wirtschaftsverband Umweltschutz Mittel zum Zweck: Primäres Ziel ist nicht die Umwelt zu schützen, sondern die Möglichkeit mit nachhaltigem Wirtschaften Geld zu verdienen und so einen neuen Wachstumsmotor zu erzeugen. Der Schutz der Umwelt ist somit nur ein angenehmer Nebeneffekt, nur eine hinreichende, aber im Gegensatz zur Profitmaximierung keine notwendige Bedingung.

Der Umweltgedanke ist in der Schweiz heute so tief verankert wie noch nie. Viele Ideen und grosse Energie ist vorhanden: So entstehen Beispielsweise neue Phänomene wie «urban gardening»,  «containern» oder eine «Nachhaltigkeitswoche», wie sie vom 2.-6. März an den Zürcher Hochschulen stattfindet. Positive und unterstützenswerte Initiativen. Dabei darf es allerdings nicht bleiben. Die Umweltbewegung muss sich stärker den theoretischen Grundlagen ihres Handelns bewusst werden und sich mit ihnen befassen. Ansonsten drohen Aktivitäten nur in oberflächlichen Verbesserungen zu enden ohne die Wurzeln der Probleme überhaupt in Betracht zu ziehen. Folgende zwei Grundsatzfragen scheinen mir dabei zentral und sollten viel stärker, kritischer und offener diskutiert werden:

Erstens: Wirtschaftswachstum und Umwelt

Die erste Frage betrifft die Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum und Umweltschutz: Ist exponentielles Wirtschaftswachstum auf einem endlichen Planeten möglich ohne die Umwelt zu zerstören? In Anbetracht der enormen Bedeutung dieser Frage finden sich erstaunlich wenige Antworten. Sie ist aber entscheidend, da die daraus entstehenden Schlussfolgerungen das Handeln der Umweltschützer massiv beeinflussen sollten. Wäre Wirtschaftswachstum mit der Umwelt grundlegend nicht vereinbar, hätte beispielsweise die Harmonie zwischen dem Wachstumsverband «Swisscleantech» und den «wahren Umweltschützern» keine Zukunft. Zudem ergibt sich daraus eine weitere Frage: Um das daraus folgende Ziel einer wachstumslosen Gesellschaft zu erreichen, muss zuerst verstanden werden wie Wirtschaftswachstum überhaupt zustande kommt. Eine zweite sehr Grundlegende Frage.

Zweitens: Entstehung von Wirtschaftswachstum

Zugegeben, die Zusammenhänge sind kompliziert und es gibt wohl nur wenige Menschen, die einen vollständigen Durchblick haben. Ich habe ihn zumindest nicht. Auf der Suche nach Begründungen des Wachstumszwanges finden sich verschiedene Theorien: Für die Einen besteht der Grund im Konkurrenzsystem. Um fortbestehen zu können, muss jedes Unternehmen seinen Gewinn maximieren und wachsen, was zu einer wachsenden Wirtschaft führt. Andere sehen die Schuld in der Existenz von Zinsen, worauf aus einem Geldbetrag immer mehr entstehen muss. Für Dritte ist Wirtschaftswachstum eine Folge von Forschung, Innovation und dem Trieb des Menschen.

Am Ende ist mit den vielen Fragezeichen nur etwas klar: Wenn Umwelt und Wirtschaftswachstum nicht vereinbar wären, sind aus Umweltschutzgründen tiefgreifende Veränderungen der Wirtschaft unabdingbar. Lasst uns die vielen Fragen mit Inhalt füllen! Kritisch, differenziert und ohne Rücksicht auf Eigeninteressen. Nur so kann definiert werden, wie die Umwelt in den nächsten Jahrzehnten optimal geschützt werden kann.

 

Autorenbeschrieb: Levin Koller, Student Umweltnaturwissenschaften ETH.

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