Home Thema WG nach-knall: liebe ego-konkurrentinnen und ego-konkurrenten

nach-knall: liebe ego-konkurrentinnen und ego-konkurrenten

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damit eines klar ist: die wg ist ein gemeinschaftswerk. im bestenfall ein kunstvolles kollektiv, im schlechtesten fall bloss eine wirtschaftliche zweckgemeinschaft. aber auf alle fälle eine GEMEINSCHAFT, die in diesem fall – selbstredend – mit WOHNEN zu tun hat (im gegensatz beispielsweise zur fahrgemeinschaft).

es gäbe also geschichten zu erzählen: von dieser, die im hinteren zimmer links gewohnt hat. oder von jenem, der gerade im zimmer neben der küche eingezogen ist. oder von den dachstockbewohnern. geschichten von leuten. verschiedenen leuten, weil in einer wg – meist – mehrere wohnen. und alles könnte obendrein, einfach weil’s lustig ist, frei erfunden sein.

stattdessen eine statistische zahl zur perspektive n°38: 81,2% der texte sagen ich – ich – ich! direkt aus dem eigenen leben in die therapiezeitung perspektive zur persönlichen psychohygiene (informationsgehalt: zero). beispiel gefällig? „aber ich wollte es unbedingt“, sagt nadja. – und nur, weil ihr euch einen hipster-anstrich gibt, seid ihr noch lange nicht progressiv. ihr entscheidet den neoliberalen konkurrenzkampf bloss durch den coolness-faktor statt durch knallharte währung. – aber das ist schliesslich alles folgerichtig. joannas credo heisst: „ich habe mehr als genug“ – „schuhe“, beispielsweise. wie öde und klischiert. und wer mit niemandem reden will, schreibt auch nur von sich und beansprucht dann im gegenzug für eine person über fünfzig quadratmeter wohnraum. aber ein grosses ego braucht halt platz. nicht, tamara? oder ist das ego am ende klein und versteckt sich bloss in einer grossen wohnung? wie dem auch sei: glücklicherweise zeigst du dich lernfähig und lebst wieder in einer wg.

immerhin hält die chefinkolumnistin aline – trotz ich-gefasel – am sinn der wg fest: kannsch wohnen wo willsch, am idaplatz oder am „Menu platz“. ein wg isch ein sache, „in dem allen mithelfen“. alles klar? wg: progressiv und international. schliesslich hat die wg das – bünzlige – model schlummermutter ersetzt. im 21. jahrhundert dürfen sogar frauen problemlos in einer wg leben. Tillsammans, der schwedische wg-film, hat diesbezüglich alle tabus gebrochen, oder war das welivetogether.com? es gib nichts mehr wirklich zu verlieren – zumindest keinen sogenannt anständigen ruf. das zeichnet die wg aus: 45,5% der texte in der perspektive n°38 reden beim thema wg über eine gewisse freizügigkeit im umgang mit sex (was einmal mehr beweist, dass sex nicht fehlen darf). von eigenartigen begebenheiten, wie „in Überlautsärke Pornos zu schauen.“ (kommt das oft vor? oder ist das dein sublimierter wunsch, marco, der sich nun als verbot gegen andere richtet?) – über mehr oder weniger subtile anspielungen: „aber ich wollte es unbedingt.“ – bis zum ehrencodex des one-night-stands: „Über One-Night-Stands wird nicht geredet. Aber es ist absolut legitim etwas lauter zu sein und die Mitbewohner zu wecken, sodass diese merken, dass du nicht alleine warst.“ solche situationen ergeben sich bevorzugt an bzw. nach wg-partys – dazu das kotzen: diesen allgemeinplatz noch unterzubringen, ist nur konsequent. dank sei den heiligen drei königen der wg-saufereien: simeon, jordan und laurin (kiffer sind die drei könige nachweislich auch).

alles in allem ist eine wg unglaublich liebenswürdig und ein intelligentes wohnkonzept. ob es aber diese aufgeblasene blick-am-abend-liebeserklärung braucht? die vorgeschriebenen 160 zeichen hätten bei weitem gereicht. oder 53 zeichen im fall des wohl als motto gedachten, aber dann nicht eingehaltenen satzes: „Vieles bleibt auch unausgesprochen“. was dann doch ausgesprochen wird, ist dafür nichtssagend: „Natürlich ist das Zusammenleben nicht immer einfach.“ und endlich das geständnis: „Danke Dir, meine liebste WG!! Ich möchte dich nie verlassen.“ – glaubst du so wenig an deine liebe, julia, dass du sie dir wie die blick-am-abend-junkies öffentlich einreden musst? und rolandsky? was ist mit rolandsky? wer weiss das schon: „jemand bezahlt die miete.“ – ich hoffe nur, ihr lest auch alle, was die anderen in der n°38 so für ich-gefasel verbreiten. dann bestünde wenigstens die hoffnung, dass die perspektive in richtung kunstvolles kollektiv und nicht nur in richtung wirtschaftlicher zweckgemeinschaft zeigt: wenn euch schon jemand die miete bezahlt!

euer geneigtester und treuster leser kommunalkitsch

p.s. und dann gibt es da, ganz zum schluss, noch gedichte. so kleine putzige dinger. wie meinte doch einer so schön: „Eigentlich, ja eigentlich müsste es viel mehr Gedichte geben. Ich meine zu behaupten, dass sie, die Gedichte, uns viel öfters begegnen sollten, den Tag durch – auch abends.“

 

Text: Fabian Schwitter

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