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Monopoly: Ein Spiegel der Gesellschaft

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    Von Fionn Meier

    Jeder kennt es, doch kaum jemand seine Geschichte: Monopoly. Doch zu Unrecht. Die Geschichte des Spiels enthält nicht nur Intrigen und Machenschaften, sondern verhält sich auch wie ein kleiner Spiegel der Gesellschaft selbst.

    Es war 1935, Amerika befand sich noch mitten in der Wirtschaftskrise, als die Parker Brothers Monopoly in ihren Katalog aufnahmen. Angepriesen hatten die damals führenden Spielzeughersteller das Spiel wie folgt: „Monopoly: The Great Financial Game is sweeping the country because it appeals to every American‘s love of bargain and business dealing. Give a Monopoly party and guests want to play all night!“ Die Parker Brothers hatten ihre Karte auf das richtige Spiel gesetzt. Trotz der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse wurde das Spiel zum durchschlagenden Erfolg. In Stuben, an Küchentischen und in Spielzimmern begannen Millionen von Kindern und Erwachsenen, ihre Alltagsorgen vergessend, darum zu wetteifern, zuerst alle Grundstücke aufzukaufen und durch hohe Mieten ihre Mitspieler in die Insolvenz zu treiben.

    Das Monopol auf Monopoly

    Von den hohen Verkaufszahlen überrascht, begannen die Gebrüder Parker schnell die Patentrechte sämtlicher Spiele mit gewissen Ähnlichkeiten aufzukaufen. Sie eroberten sich so das Monopol auf Monopoly und stellten damit sicher, dass der ganze Erfolg des Spiels allein in ihre Kasse fliesst. Man könnte denken, sie hatten die Botschaft des Spiels verstanden. Doch, wie wir später noch sehen werden, leider nur zur Hälfte.

    Auch Ralph Anspach wurde von den Parker Brothers zurückgepfiffen, als er 1973 ein Spiel mit dem Namen «Anti-Monopoly» auf den Markt bringen wollte. Begründung: Verletzung des Markenrechts auf «Monopoly». Für Anspach, Professor für Wirtschaftswissenschaften, waren Monopole die Wurzel des Übels. Nur eine Wirtschaft, welche aus kleinen, sich konkurrierenden Unternehmen besteht, führt seiner Ansicht nach zu Wohlstand und Fortschritt. Unzufrieden über die im Spiel Monopoly implizit enthaltene Botschaft, dass immer die Monopolisten gewinnen, erfand er eine Spielvariation mit Regeln, bei denen kleine Unternehmer die Monopolisten besiegen können.

    Überzeugt davon, dass er das Recht hatte, dieses Spiel zu verkaufen, verlagerte er nun seinen Kampf gegen Monopole von der rein theoretischen Ebene auf einen konkreten Fall in der Praxis: gegen das Monopol auf Monopoly. Durch einen glücklichen Zufall bekam er zudem bald Wind davon, dass das Patent der Parkers Brothers auf das Spiel Monopoly eventuell nicht ganz sauber sein könnte. Er begann zu recherchieren.

    Entdeckungsreise zur Erfindern: Lizzie Magie

    Die damals von den Parker Brothers offiziell erzählte Geschichte über den Ursprung des Spiels Monopoly war folgende: Familienvater Charles Darrow, arbeitslos zur Zeit der Wirtschaftskrise, kam auf die Idee, ein Spiel gegen die Langeweile zu erfinden. Er erfand Monopoly und verkaufte seine Rechte am Spiel mit Anspruch auf Gewinnbeteiligung an die Parker Brothers – ein klassischer Fall eines erfolgreichen Self-Made Man. Doch wie Anspach entdeckte, gibt es einen Hacken an dieser Geschichte: Charles Darrow hatte das Spiel gar nicht erfunden.

    Anspach fand heraus, dass Darrow das Spiel von Quäkern aus Atlantic City kennenlernte, bei denen ein vergleichbares Spiel mit dem Namen Monopoly schon seit mehreren Jahren im Umlauf war, jedoch nicht kommerziell vertrieben wurde. Bevor dieses Spiel bei den Quäkern bekannt wurde, wurde es zudem schon an verschiedenen Universitäten von Studenten gespielt. Ausgedacht hatte es sich Lizzie Magie, die 1903 das Spiel unter dem Namen «The Landlords Game» patentieren liess.

    Unbekümmert über diese Geschichte begann Darrow, nachdem er mit diesem Spiel bekannt gemacht wurde, es selber herzustellen und zu verkaufen. Als die Parker Brothers kurze Zeit darauf bei ihm Interesse an diesem Spiel bekundeten, gab er sich als dessen Erfinder aus und verkaufte ihnen die Rechte daran weiter. Die Gebrüder Parker entdeckten zwar schnell, dass Darrows Geschichte nicht stimmte. Doch anstatt die Geschichte richtig zu stellen, kauften sie umgehend auch noch das Patent von Lizzie Magie, verkauften ein paar Exemplare ihres Spiels, nahmen es danach wieder aus dem Sortiment und liessen ihren Namen der Vergessenheit anheim geraten.

    Es dauerte mehrere Jahre bis Anspach diese Geschichte in allen Details rekonstruiert hatte. Zweimal hatte er vor Gericht gegen die Parker Brothers verloren. Doch beim dritten Versuch hatte er Erfolg. Das oberste Gericht gab ihm Recht und er durfte »Anti-Monopoly« verkaufen.

    Das ursprüngliche Ethos

    Anspach war tief bewegt, als er entdeckte, dass die Erfinderin von Monopoly gar nicht die Absicht hatte, ein Spiel zu erfinden, das Monopole und Landbesitz zu einer erstrebenswerten und lustvollen Beschäftigung hochstilisiert, sondern das ihr Motiv das genaue Gegenteil war: Zu zeigen dass Spekulation mit Land zu Armut und Ungleichheit führt.

    Lizzie Magie war eine Anhängerin der Ideen von Henry George, einer der damals einflussreichsten Sozialreformer Amerikas. Seine grundlegenden Reformideen sind einfach, aber zugleich radikal. Seiner Ansicht nach ist es ein fundamentaler Irrtum, Land wie eine andere Ware zu behandeln. Im Unterschied zu den eigentlichen Waren wird Land weder durch Arbeit erschaffen, noch kann es bei steigender Nachfrage vermehrt werden. Da das Land einfach vorhanden ist, ohne dass es durch die Arbeit von jemandem erschaffen wurde, sollte es seiner Ansicht nach auch der Allgemeinheit gehören und diejenigen, die das Land benutzen, der Allgemeinheit eine Gebrauchssteuer zahlen. Diese betrachtete er als die einzige gerechte Steuer um die Staatsausgaben zu finanzieren. Er nannte sie daher auch «single tax».

    Um diese Ideen einer breiten Schicht der Bevölkerung zugänglich zu machen, ersann Magie das Spiel «The Landlords Game». Dieses konnte man in zwei Varianten spielen – mit oder ohne »single tax« Regeln. Sie wollte mit diesen zwei Varianten zeigen, wozu das gegenwärtige Landsystem führt und was man dagegen tun könnte. Sie war überzeugt, dass dadurch Veränderungen möglich sind: „Let the children once see clearly the gross injustice of our present land system and when they grow up, if they are allowed to develop naturally, the evil will soon be remedied.“ Doch dieses ursprüngliche Ethos – die zweite Hälfte der Botschaft des Spiels – versandete in den finanziellen Interessen der Parker Brothers.

    Mehr als ein Spiel…

    Die Geschichte enthüllt: Monopoly ist mehr als nur ein Spiel. Und zwar in doppelter Hinsicht. Es ist einerseits ein Spiel, welches Menschen inspirierte, es mit neuen und eigenen Regeln zu spielen und heute in verschiedensten Variationen existiert. Anstatt vom Monopoly könnte man auch von Monopolies sprechen. Andererseits enthält das Spiel Aspekte der sozialen Wirklichkeit und vermittelt somit einer breiten Schicht der Bevölkerung Vorstellungen über das Funktionieren der Gesellschaft. Vorstellungen, die wiederum die soziale Wirklichkeit beeinflussen. Das Spiel und seine Geschichte verhalten sich dadurch wie ein kleiner Spiegel, in dem sich Entwicklungen bestimmter sozialer Anschauungen und Wirklichkeiten widerspiegeln.

    Lizzie Magie versuchte mit ihrem Spiel «The Landlords Game» die Ideen von Henry George der breiten Bevölkerung zu vermitteln. Ihr Spiel verschwand jedoch bald wieder von der Bildfläche – wie auch die Ideen von Henry George. Ralph Anspach wollte mit seiner Variation die Vorteile eines freien Marktes ohne Monopolisten darstellen. Er hatte mit seiner Variante nur mässigen Erfolg. Die von den Parker Brothers in Umlauf gebrachte Variation, die erfolgreichste Variante von Monopoly, vermittelte einer grossen Schicht der Bevölkerung die Vorstellung, dass Land für sich einen Wert besitzt, der ohne Arbeitsaufwand zunehmend steigt. Eine Vorstellung, die auch der westlichen Wirtschaft des 20. Jh. zugrunde lag, sich jedoch spätestens 2008 als Illusion herausstellte. Dass zurzeit verschiedene Menschen daran sind, eine neue Variation dieses Spiels zu entwickeln (siehe Informationsbox), könnte, als Spiegel der Gesellschaft, wiederum mehr als nur ein Zufall sein.

    Den Monopoly-Text im Winterthurer Stadtfilter Radio kannst du dir hier anhören.
    Quellen zum Text:
    Mary Pilon (2015) The Monopolists. New York: Bloomsbery.
    Magazin: Associate! Ausgabe Oktober, 2015. Center for Associative Economics.
    Projekt: Pent Up! – Monopoly wird assoziativ
    Inspiriert durch die Geschichte von Monopoly wurde in der englischen Hafenstadt Folkestone das Projekt gestartet, eine assoziative Variation von Monopoly zu testen, doch nicht auf dem Brett im gemütlichen Stubenzimmer, sondern mit richtigem Land und Geld. Basierend auf den Ideen von Rudolf Steiner – Begründer der Assoziativen Wirtschaft ­­– sollen die Mieten nicht mehr von den Grundstückpreisen abhängig gemacht werden, sondern von der Profitabilität des darauf wirtschaftenden Unternehmens. Zudem soll das Geld, welches nach dem Unterhalt der Grundstücke übrigbleibt, nicht wie beim »The Landlords Game« dem Staat zufliessen, sondern als Schenkungsgeld direkt der Bildung und Kultur zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt hiesst Pent up! und ist Teil von FinanceFolkestone.
    Mehr Infos:
    Magazin: Associate! Ausgabe Oktober, 2015. Center for Associative Economics.
    http://www.financefolkestone.com
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