Home Rubrik Konstruktives Schwarzsehen will gelernt sein

Konstruktives Schwarzsehen will gelernt sein

    0

    Medien sind übersät mit Schreckensnachrichten. Wird mit solchen Berichterstattungen unnötig Öl ins Feuer gekippt, oder ist es eine Notwendigkeit, über alle Schreckensereignisse genaustens informiert zu sein?

    Nehmen wir den Tages-Anzeiger Online als Beispiel. An einem Sonntagnachmittag (17. April 2011) findet man in der Rubrik Meistgelesen folgende Titel an der Spitze:

    1. «Die DNA-Spuren an der Schiffsschraube waren von mir»
    2. Unentschieden in Basel
    3. Mysteriöser Fund auf dem Thunersee
    4. Ghadhafis Bomben töten lautlos
    5. Wie lange das AKW Fukushima noch lecken wird
    6. Hamilton bricht Vettels Dominanz
    7. 25 Jahre nach der Katastrophe bleiben viele Fragen offen
    8. Nicolas Cage verhaftet

    Dramen, Krieg, Atomkatastrophen und tragische Einzelschicksale. Dazwischen zwei Sportresultate. Ein solches Bild bietet sich durchs Band, von Blick bis NZZ, auf allen Onlineportalen. Noch mehr als die Programmansage „Sex sells“ trifft „Leid und Elend sells“ zu. Wie kommt es, dass wir vor allem an Negativschlagzeilen interessiert sind? Es besteht sicherlich kein Mangel an positiven oder anderen informativen News und Reportagen. Dennoch scheint es, als interessierten sich die Leute hauptsächlich für Negativschlagzeilen. Ich versuche im Folgenden, mögliche Gründe und Konsequenzen dieser Affinität aufzuzeigen.

    Schadenfreude ist sicherlich ausschlaggebend für den Nachrichtenkonsum. Prominentestes Beispiel neuster Zeit ist dabei Karl T. zu Guttenberg mit seiner Plagiats-Affäre. Man ergötzt sich daran, dass einer erfolgreichen Persönlichkeit die Legitimation entzogen wird. Unter diesen Aspekt ist der Artikel über Nicolas Cage der obigen Liste einzuordnen. Auch eine gewisse Eifersucht spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Daneben hat Schaulust einen Einfluss darauf, welche Art von Information konsumiert wird. Wir betrachten aus sicherem Abstand etwas Tragisches und empfinden Mitleid, jedoch wollen wir nichts Näheres damit zu tun haben, also keinesfalls selber betroffen sein.

    Bei unbedachtem Konsum von Schreckensnachrichten entzieht sich der Leser einer Verantwortung. Man wird über einen Missstand informiert, wird jedoch in den meisten Fällen kaum selber aktiv. Man nennt dieses Phänomen „soziale Lähmung“: Verantwortung wird abgeschoben, je mehr andere Personen über einen Missstand informiert sind, was dazu führt, dass mögliche Hilfeleistungen unterlassen werden.

    Keine Frage: Negative Nachrichten gehören in die Medien. Tragische Ereignisse geschehen auf der Welt, ob die Medien nun darüber berichten oder nicht. Ein Ausblenden à la „aus den Augen, aus dem Sinn“ wäre auf keinen Fall angebracht, denn die Problematik mit der Verantwortungsabschiebung wäre so nicht gelöst, sondern noch verschlimmert.

    Als mögliche Lösung sehe ich einen kritischeren Umgang mit Negativschlagzeilen, und zwar sowohl seitens der Rezipienten als auch seitens der Medien. Als Rezipient sollte immer auf den feinen Unterschied zwischen sich informieren und sich belustigen geachtet werden. Dient die Schreckensnachricht wirklich dazu, mehr zu erfahren und ein tieferes Verständnis für ein Problem zu gewinnen? Oder handelt es sich um blosse Unterhaltung auf Kosten einer tragischen Begebenheit, ohne dass man wirklich an einer Lösung des Problems interessiert ist?

    Für die Medien gilt Ähnliches. Wird etwas aufgebauscht, um Leser oder Zuschauer zu gewinnen? Wird an wunden Stellen von Individuen unnötig gestochert? Ist ein provokativer Titel für das Überbringen der Botschaft unabdingbar?

    Man ist ja nicht naiv. Ein gewisses Mass an Schwarzsehen oder -malen ist sicherlich angebracht. Nur sollte beachtet werden, dass die Farben nicht aus dem Leben verdrängt werden.

    Text: Conradine Zellweger

    Hoi ich bin dieperspektive. Ich stelle hier alle Texte von dir und sonstigen Schreiberlingen auf die Webseite. Auch Anlässe und wichtige Infos stelle ich online. Wenn du also mal einen Text für mich hast: artikel@dieperspektive.ch. Wenns es etwas Pressantes ist, erreichst du mich am besten über Facebook oder Twitter. Im Newsletter zeige ich dir immer die wichtigen Dinge, die um uns so geschehen. Dafür kannst du dich im Hauptmenü unter Abonnieren eintragen. Dort kannst du auch unsere Printausgabe bestellen.

    Ähnliche Artikel

    0

    0