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Konfetti zum Schluss

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    Von Conradin Zellweger

    Ein post mortem Portrait über den Spitalclown Johannes Zürrer (1958 – 2015)

    Wenn andere weinten, dann begann er ganz zart zu spielen. In traurigen und hoffnungslosen Momenten führte Dr. Jo Kinder, Angehörige und Pflegepersonal für kurze Zeit in eine Welt abseits von Krankenakten, Überlebenswahrscheinlichkeit und Blutwerten. Er hat es immer wieder geschafft, dass einem Kind, das im Sterben lag, ein Lächeln über das Gesicht huschte. Johannes Zürrer war Spitalclown der Theodora Stiftung.

    „Wenn mich ein Besuch stark mitnimmt, setze ich mich schon mal einen Moment hin, bevor ich die nächste Zimmertür aufmache“, sagte Johannes über seine Arbeit. Dr. Jo machte nicht viel Klamauk. Er verhalf den Kindern zu etwas Normalität, zu einem Spiel – auch wenn diese von Schläuchen und Gurten auf die massiven Spitalbetten gedrückt wurden. Johannes wusste um den feinen aber wichtigen Unterschied von ihm zu anderen Zirkusclowns bestens Bescheid: „Manche, die unsere Arbeit nicht kennen, befremdet der Gedanke, dass ein Clown mitten ins Sterben platzt. Sie stellen sich Slapstick-Nummern aus dem Zirkus vor, bei denen einer dem anderen die Sahnetorte ins Gesicht drückt. Doch wir bewegen uns viel mehr im Bereich der Poesie und der Magie und untersteichen damit die Würde des Moments. Ich trage weder zu grosse Schuhe noch eine rote Pappnase, und mein Ziel ist es nicht, ein Kind in schallendes Gelächter ausbrechen zu lassen, sondern einen entspannten Moment zu schaffen.“

    Marisa, die Tochter von Johannes Zürrer sitzt am Küchentisch und kämpft mit den Tränen. Diesen Herbst hat sie ihren Vater verloren – die Patienten ihren Spitalclown. Johannes ist an Krebs gestorben. Selbst als er schon von der schweren Krankheit geschwächt war, hat er mit Marisa Gespräche über die Arbeit geführt; ihr erklärt auf was es beim Spielen ankommt, auf was sie achten muss, wenn sie auf der Bühne steht. Heute steht Marisa ohne Ihren Vater auf der Bühne. Sie hat die Requisiten von ihrem Vater übernommen. Sie spielt Solotheater und leitet ein Theaterprojekt, welches ihr Vater hätte durchführen sollen.

    Marisa erinnert sich gerne an seine unerschöpfliche Fantasie. Gespielt hat er mit allem, was ihm ins Auge stach. Beim Spazieren inspirierte ihn die Natur zum Spiel, zu Hause ein Stuhl, am Spitalbett eines sterbenskranken Kindes ein Blatt Papier: „Ich wusste, er mag Eiscreme. Auf ein Papier zeichnete ich ihm ein Eis und sang ein Lied. Ich spürte, wie er und seine Angehörigen sich entspannten. Einige Stunden nach diesem Besuch fiel er ins Koma und starb. Als ich der Mutter eine Woche später im Spital begegnete, bedankte sie sich bei mir dafür, dass sie ihren Sohn in den letzten Stunden seines Lebens mit einem Lächeln sah.“

    Dr. Jo war früher Goldschmied gewesen, gründete aber schon in der Jugend eine Theatergruppe. Später half er beim Auf- und Abbau in einem Zirkus. Als dort der Clown ausfiel, sprang Johannes ein. Im Zirkus Fliegenpilz lernte er seine Frau kennen und bekam mit ihr die zwei Töchtern Marisa und Selina. Johannes war der poetische Clown, er kam dank dem Zirkus um die Welt: Japan, Grönland, Belgien. 1998 wurde er wegen den Kindern sesshaft und stieg bei der Theodorastiftung als Spitalclown ein.

    Johannes spielte mit der Situation, wie sie da war und blieb immer frei vom Werten, sagt Marisa. Es war ein Spiel welches jedoch als einziges Ziel das Wohl des Kindes bezweckt. Johannes formulierte das so: „Das Spiel des Spitalclowns entsteht aus der Interaktion mit einem Kind, es ist keine Ich-Produktion.“ Er hatte aber längst nicht nur mit dem Tod zu tun. Viele Kinder haben das Spital genesen verlassen, vielleicht manchmal mit der Erkenntnis, dass es doch nicht ganz so schlimm war. Da war nämlich dieser Clown.

    2013 die Diagnose Krebs. Die Einsicht seiner langjährigen Arbeit als Spitalclown: „Humor passt auch zu Krankheit und Sterben“ Aber bisher war er immer für den Humor da. Jetzt plötzlich sollte er beide Seiten verkörpern? Den Sarg trugen Clowns auf den Schultern zum Grab – sie waren Freunde von Johannes. Einer spielte Saxofon. Viele Leute erwiesen im September Dr. Jo auf dem Friedhof die letzte Ehre. Neben Erde und Rosenblättern rieselte Konfetti in das Grab herab.

    *Die direkten Zitate von Johannes Zürrer stammen aus „Der Leidfaden – Fachmagazin für Kriesen, Leid, Trauer“ (H4, 2013)
    Infos zu Marisa Zürrer: marisazuerrer.ch
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