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«Jeder weiss, dass man mit dem Spielen Geld verliert»

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    Interview von Nadja Hauser

    In der Schweiz betreiben laut Studien der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK) über 120‘000 Personen exzessives Glücksspiel, von denen jeder fünfte seiner Spielsucht in Casinos nachgeht. Im Interview erklärt Franz Eidenbenz, Leiter Behandlung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, wann Spielen zum Problem wird und wie man Betroffene therapiert.

    Nadja Hauser: Herr Eidenbenz, was versteht man unter Glücksspielsucht?
    Franz Eidenbenz:
    Wenn man von Glückspiel spricht, stellt sich automatisch die Frage, ob um Geld gespielt wird. Die Möglichkeit, durch das Spiel Geld gewinnen zu können, ist zentral. In unserem Zentrum für Spielsucht beschäftigen wir uns mit allen Arten von Geldspielen und deren Folgen für Betroffene und ihre Angehörige. Unsere Klienten setzen über alle möglichen Kanäle Geld ein: über das Internet, über Online-Casinos, über mobile Geräte, bei Sportwetten, bei Casino-Besuchen innerhalb und ausserhalb der Landesgrenzen und bei illegalen Spielangeboten.

    Wann ist ein Spiel illegal?
    In der Schweiz werden Glücksspiele durch strenge gesetzliche Auflagen reguliert. Nur Spielbanken mit einer offiziellen Konzession sowie die Landeslotterien sind legal und dürfen Glücksspiele betreiben und anbieten. Gleichzeitig gibt es viele illegale Angebote in Internetcafés, Kebab-Ständen oder Restaurants. Es ist nicht immer einfach zu erkennen, was legal und was illegal ist.

    Inwiefern unterscheidet sich die Spielsucht von anderen Süchten?
    Bei einer Spielsucht konsumiert man nichts direkt, wie dies beispielsweise bei einer Alkohol- oder Drogensucht der Fall ist. Man kann also keinem Mittel die Schuld für sein Verhalten geben. Beim Glücksspiel, das es seit Menschengedenken gibt, spielt das Geld eine zentrale Rolle. Ohne das Geld verliert das Spiel für die Konsumenten schnell seinen Reiz.

    Was macht die Spielsucht so interessant?
    Das Interessante am Thema Glückspielsucht ist, dass das Spiel in seiner Ausführung sehr simpel ist und jeder weiss, dass man mit dem Spielen Geld verliert. Das wissen auch viele der Betroffenen. Trotzdem entsteht eine eigenartige Anziehung mit der festen Überzeugung „heute ist mein Glückstag und ich werde gewinnen“. Glücksspielsüchtige sind meist liebenswerte und sparsame Menschen, die in der Lage sind, intelligent zu handeln. Sobald sie aber in eine Spielatmosphäre geraten, ist ihr Handeln nicht mehr rational und wird von eigenartigen Beweggründen und Wahrnehmungsverzerrungen bestimmt.

    Wie sieht der typische Spielsüchtige aus?
    Es ist immer gefährlich, von Standardtypen zu sprechen, weil schnell Klischees entstehen. Ich möchte betonen, dass jeder Fall sehr individuell zu betrachten ist. Trotzdem gibt es natürlich statistische Korrelationen. Beispielsweise sind es fast ausschliesslich Männer, die spielen. Das Spielen beginnt oft mit einem Gewinn und dem entsprechenden Hochgefühl oder Rauscherlebnis. Glücksspielsüchtige haben ein Impulskontrollproblem und finden immer einen Grund zu spielen. Wenn sie gewinnen, spielen sie weiter, weil sie sich in einer Gewinnsträhne glauben und wenn sie verlieren, um den Verlust wieder zurückzugewinnen.

    Wie erklären Sie sich, dass mehr Männer als Frauen betroffen sind?
    Man kann da Hypothesen aufstellen. Eine davon könnte sein, dass Männer grundsätzlich risikofreudiger sind. Aber eigentlich wissen wir es nicht genau.

    Ist Spielsucht zu einem gewissen Teil genetisch bedingt?
    Es gibt tatsächlich einen Anteil genetischer Begünstigungen und wir beobachten, dass Spielsucht innerhalb von Familien gehäuft vorkommt. Allerdings ist schwer zu sagen, wie viel die Betroffenen von ihrem Umfeld erlernen und wie viel sie tatsächlich geerbt haben. Nicht jeder, der in diesem Umfeld aufwächst, wird gezwungenermassen spielsüchtig. Aber das Umfeld hat sicherlich eine sehr prägende Wirkung.

    Welche externen Faktoren begünstigen die Spielsucht?
    Der Hauptfaktor, der ein solches Verhalten begünstigt, ist die Verfügbarkeit. In der heutigen Zeit hat man beispielsweise über das Internet sehr leicht Zugriff auf Online-Glücksspiele, insbesondere über Smartphones. Und selbstverständlich muss man Geld zur Verfügung haben, das man einsetzen kann. 

    Es wird argumentiert, dass man durch das Benutzen von Jetons in den Casinos leichter den Bezug zur Realität verliert. Wenn man also mit echtem Geld spielen würde, wären einige dann weniger gefährdet?
    Das spielt sicherlich eine Rolle. In den Casinos gibt es noch andere Umstände, die ihre Besucher dazu verleiten, länger zu spielen. So gibt es praktisch nie Tageslicht, sodass nicht bemerkt wird, wie die Zeit vergeht und wie viel Geld ausgegeben wird. Aber das alleine kann nicht der Grund sein, weshalb jemand spielt oder zu viel Geld verspielt.

    Wie therapiert man einen Spielsüchtigen?
    Das lässt sich gar nicht so einfach in ein paar Sätzen erklären. Grundsätzlich wird zuerst eine Spielsuchtanamnese gemacht, d.h. wir analysieren die gesamte Spielgeschichte unserer Klienten. Damit versuchen wir zu verstehen, was die Auslöser für das Spielverhalten sind, was den Betroffenen in die Spielsucht getrieben hat und ihn immer noch dort hält. Im Gegensatz zur Einzeltherapie besteht in der Gruppentherapie der Vorteil, dass die Betroffenen offen über ihre Schwierigkeiten mit anderen, die dieselben Erfahrungen teilen, sprechen können.

    Wie wichtig ist dieser mündliche Austausch?
    Der ist sogar sehr wichtig. Glückspiel hat viel mit Verstecken und Unehrlichkeit zu tun. Das heisst nicht, dass Glücksspielsüchtige in anderen Lebensbereichen auch nicht ehrlich sind. Sobald es aber um das Thema Spiel geht, ist davon auszugehen, dass die Betroffenen nicht, oder zumindest nicht auf Anhieb, die Wahrheit sagen. Es kommt ja auch nicht besonders gut an, wenn man erzählt, dass man am letzten Abend Hunderte von Franken verloren hat. Es ist bereits ein grosser Erfolg, wenn Betroffene offen über ihre Sucht sprechen können.

    Kommen die Betroffenen von selbst in Ihr Zentrum oder werden sie von ihren Angehörigen hergebracht?
    Beides kommt vor. Meistens entwickelt sich bei den Betroffenen aber erst eine Änderungsbereitschaft, wenn Druck aus ihrem Umfeld entsteht. Oder wenn ihnen finanziell das Wasser bis zum Hals steht.

    Ist Spielsucht heilbar?
    Spielsucht ist heilbar. Man muss sich allerdings fragen, wann jemand als geheilt gilt. Bei einem Glücksspielsüchtigen würde man von einer kompletten Heilung sprechen, wenn er kein Geld mehr verspielt. Aber nicht alle schaffen es, völlig abstinent zu werden. In diesen Fällen ist eine Verbesserung der Gesamtsituation bereits positiv zu werten. Dies schaffen praktisch alle, die sich ernsthaft mit ihrer Sucht auseinandersetzen.

    Was bedeutet eine Verbesserung der Gesamtsituation?
    Das bedeutet, dass man sich vor Risikosituationen schützt. Wenn sich ein Glücksspielsüchtiger während einer Phase der Langeweile oder Angespanntheit in der Nähe eines Spielautomaten befindet, ist dies für ihn eine Risikosituation. Das muss er verstehen und dann versuchen, dieses Risiko zu umgehen.

    Der deutsche Rechtspsychologe Gerhard Meyer sagt, Zocken an der Börse sei wie ein Glücksspiel. Sehen Sie hier ebenfalls einen Zusammenhang?
    Wir haben tatsächlich verschiedene Betroffene, die im Bankenumfeld tätig waren und ein analoges Verhalten entwickeln mit Börsenspekulationen und Devisenhandel. Dieser Zusammenhang besteht ganz klar. Ein guter Teil von unseren Fällen bringt dieses Risiko mit.

    Gibt es eine Geschichte, welche Sie besonders bewegt hat?
    Es gibt viele Geschichten, die uns täglich berühren. Betroffene der Glücksspielsucht hatten im Leben oft nicht so viel Glück – im Sinne von Zuwendung und geliebt werden. Dies versuchen sie dann unbewusst zu kompensieren, indem sie in dieses vermeintliche Spielglück einsteigen. Es ist sehr berührend, wenn man die genauen Umstände versteht, die einen Spieler dazu gebracht haben, alles zu verlieren. Es ist aber ebenso berührend, wenn es Betroffenen gelingt, das „wahre“ Glück im Leben (wieder) zu finden.

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