Home Rubrik Kultur Israelische Ritter gegen palästinensische Bauernjungen?

Israelische Ritter gegen palästinensische Bauernjungen?

Von Aussen scheint es ungerecht. Während in der Metropole Tel Aviv die Leute nach wie vor Kaffee trinken und draussen sitzen, bleiben die Palästinenser Gazas in ihren Häusern. Wenn in Israel die Sirenen heulen, rennt man in den Bunker, in Gaza hört man den Knall des Anschlags und hofft auf Verschonung. In Israel richten die Angriffe der Hamas einen geringen Schaden an, in Gaza zerstört die israelische Armee Nachbarschaften und Familien. Es scheint ungerecht. Es ist ungerecht. Aber gerechtfertigt.

Die Tatsache, dass Israel während des neuesten Konflikts fast keine Todesopfer zu verzeichnen hatte, während in Gaza bereits fast 200 ihr Leben liessen, unterstützt die Welt in ihrer Haltung, Israel als den übermächtigen, ungerechten und unverwundbaren Feind wahrzunehmen. Israel steht als Ritter mit Rüstung einem Bauernjungen im Jutesack gegenüber, so die allgemeine Wahrnehmung. Zudem operiert Israel in einem von ihnen selbst abgesperrten Gebiet, was so etwa einer Antilopenjagt im Raubkatzenkäfig gleichkommt. Auch dieses Bild entspricht der Aussenwirkung.

Dieser Konflikt ist bestimmt ungerecht. Die Frage ist jedoch: Für wen? Es ist ein Konflikt, der wieder einmal auf dem Rücken der Bevölkerung Gazas ausgetragen wird. Einer Bevölkerung, die nicht entkommen kann und nicht geschützt wird. Eine Bevölkerung unter einem von ihnen gewähltem Regime, dass in erster Linie nicht die Zivilbevölkerung schützen will, sondern ihre eigenen Interessen über die Sicherheit ihrer Leute stellt, unter diese Interessen fällt die Zerstörung Israels. Die Hamas hat Raketen. Viele Raketen, teure Raketen. Die Hamas hat sich in den letzten Jahren aber nie darum gekümmert, für ihr Volk ein Sirenensystem zu installieren, das frühzeitig vor Anschlägen warnt. Oder Bunker zu bauen, in die man flüchten kann. Die Hamas fordert ihre Bevölkerung in Gaza sogar auf in ihren Nachbarschaften zu bleiben, während die israelische Armee vor ihren Angriffen dazu auffordert, diese zu verlassen. Als Märtyrer werde man sterben, sage die Hamas. Die Leute der Hamas sind jedoch die ersten, die nach Warnungen das Weite suchen, so berichten es verschiedene Palästinenser im Gazastreifen.

Israel geht bestimmt nicht zimperlich vor, im Gegenteil. Hätte Israel von Anfang an eine Bodenoffensive gestartet, wären sicherlich weniger unschuldige Zivilisten ums Leben gekommen. Man hätte noch gezielter arbeiten können. Wäre die Operation Protective Edge von Anfang an eine Bodenoffensive gewesen, hätte man aber auf israelischer Seite einige Tote mehr verzeichnet. Dass das nicht dem Interesse Israels entspricht, erklärt sich von selbst.

Die Hamas hat seit Beginn der neuesten Eskalationen über 1’000 Raketen auf Israel abgefeuert. Wie viele Tote das gegeben hätte, würde Israel nicht über sein Abwehrsystem Iron Dome verfügen, kann man sich kaum ausmalen. Die Hamas nimmt nicht nur Opfer auf ihrer Seite ein Kauf, sondern strebt mit ihren Attacken die gezielte Tötung von Zivilbevölkerung an. Die Hamas kämpft gegen einen Staat, Israel gegen eine Terrororganisation, die ihre eigene Bevölkerung instrumentalisiert. Es gab bis anhin zu viele Opfer in Gaza, das sei unbestritten. Aber hätte die Hamas ein ehrliches Interesse, sie alle zu schützen, hätte sie sich auf den Waffenstillstand mit Israel eingelassen oder wenigstens die Schutzmöglichkeiten in Gaza so ausgebaut, dass wenigstens etwas Sicherheit für die Bevölkerung gewährleistet ist.

Es ist ein Konflikt, in dem man die Zivilbevölkerung unabhängig von deren Regierung beurteilen muss. Ja: Steht auf für Gaza. Steht auf für die vielen Todesopfer. Aber man darf das Urteil über diesen Konflikt nicht anhand der Zahl der tatsächlichen Todesfälle fällen. Wer Israel in Zeiten wie diesen verurteilt, hat alles Recht der Welt dazu. Aber wer Israel verurteilt, muss mit der Hamas mindestens genauso hart, wenn nicht härter ins Gericht gehen.

 

Text: Joëlle Weil, freie Journalistin in Tel Aviv
Bild: Tumblr

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  • Brent Spar

    Das Argument ist also, was den Interessen Israels dient, ist gerechtfertigt… zum Beispiel, zwanzig Unschuldige wegbomben, um einen Schuldigen (vielleicht) zu erwischen. Der Zweck heiligt die Mittel. Lustig. Die Hamas benutzt dasselbe Argument für ihre Raketen..
    Oder geht’s um Sippenhaft? Trägt der 6-Jährige, der weggebombt wird, weil sein Onkel/Vater/Bruder für die Hamas sympathisiert irgendwelche Mitschuld? Falls ja, willkommen in Nordkorea!
    Was mich wütend macht, ist nicht die offensichtlich asymmetrische Kriegsführung, nicht der Vorsatz, Raketen, Tunnels oder die Hamas selbst zu vernichten. Natürlich ist der Vorsatz gerechtfertigt. Es geht darum, dass die Israel auf dem Weg dorthin jeden Respekt vor unschuldigem, menschlichem Leben abgelegt hat und -gratuliere- sich somit mit Hamas auf eine Stufe stellt.. Man hat jetzt viel gemeinsam..
    Ach übrigens… wieso sollte die Hamas „ein Sirenensystem installieren, das frühzeitig vor Anschlägen warnt“? Plant Israel etwa welche?