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Hobby-Loser

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Alles, wirklich alles würde ich dafür geben, wieder Kind sein zu dürfen. Noch einmal die sorgenfreie Zeit geniessen, die auf brutale Weise nur in vagen Erinnerungen zurückbleibt, sobald man sich in der beklemmenden Welt der Erwachsenen wiederfindet. Es ist wahr, ich hatte als Kind erheblicher weniger Ängste. Was interessierte mich in jenen Tagen das Werben um eine Frau, das Bezahlen von Rechnungen oder meinen gottverfickten sozialen Status? Meine grösste Sorge als Kind waren nicht die Monster in mir, sondern die auf dem Dachboden. Nun als junger Erwachsener – was das auch immer bedeuten mag – schaue ich mit neidischem Lächeln auf die einfältigen und freudlosen Gedanken zurück, die ich als Kind manchmal hatte. Eines ist sicher: Das Beste liegt hinter mir…

Ich bin auf dem Weg in meine Stammkneipe. Ich nenne sie «Dirty Harry’s». Die lausigste Bar mit den minderwertigsten Gästen und doch die einzige Heimat. Vielleicht die letzte Stätte, wo Rauchen, Trinken und Erbrechen noch zum guten Ton gehören. Dort werde ich mir zu dieser späten Stunde doch noch ein letztes Bier gönnen. Und ich dachte, der Höhepunkt meines Tages war das Aufwachen ohne aufschäumenden Durchfall. Mein Magen rumort etwas. Eigentlich sollte ich alles andere, doch den Teufel werd’ ich tun.
Es ist eben doch nicht alles schlecht an der Apathie des Erwachsenseins. Zugeben, wir sind alle eine Bande von 15-jährigen, mit der Erfahrung von 27-jährigen, dem Aussehen von 21-jährigen und so grün, als bewegen wir uns stetig zwischen Lollipops und Blowjobs. Aber: Die Welt der Erwachsenen bietet einen einzigen Vorteil, den selbst die schönste Kindheit in den Schatten stellt, nämlich die absolute Freiheit sämtliche Ängste mit dem Konsum von Genussmitteln zu betäuben, und zwar in dem Masse und in der Form, wie es einem angemessen erscheint. Für mich ist und bleibt das Konsumieren meine grösste Errungenschaft. Und die Einzige. Während alle sich von Panikattacke zu Panikattacke angeln, stets mit der Hoffnung auf etwas neues, bleibe ich dem guten, alten Versagen und Kapitulieren treu.
Ich betrete meine Bar und der gammelige Gestank verlorener Menschen dringt in meine Nase. Egal, in welche Richtung ich blicke, ich sehe die quälende und lähmende Angst vor dem Scheitern, die meinen Blick erwidert. Hier werden alle Seelen jeden wachen Moment ihres Lebens von den Schatten der Vergangenheit und den Fantasien der Zukunft geplagt. Alle auf der Suche nach unvergänglichem Vergnügen, welches bald in Scham gepaart mit einem Kater endet. Es ist leicht zu durchschauen, wer heute erfolgreich sein wird und wer die Reste frisst. Entweder ist man Zuschauer oder Macher.
Einige Mädels tummeln sich am Tresen. Alle verwahrlost, aber geil. Zu geil für mich. Leider. Ich nehme mein Bier und verziehe mich. Heute bleibe ich wohl Zuschauer. Es ist eine unbequeme Situation, aber was ist schon eine einsame Nacht in einem einsamen Leben? Es liegt nicht mal an meinem invaliden Aussehen oder meinem ehrlichen Selbsthass, mehr darin, dass niemand die Qualitäten hinter meinem Aussehen und Selbsthass erkennt.
Ich gönne mir endlich einen grossen Schluck Bier. Sofort schiesst ein klumpiger Brei mit etwas Magensäure reflexartig meine Speiseröhre hoch. Verfluchtes Kater-Sodbrennen. Sogleich schlucke ich die Ware wieder runter und spüle nach. Als ich meinen Blick langsam schweifen lasse, erkenne ich jemanden, der nicht zum Klientel passt. Alleine steht sie an der Bar und nuckelt an einem Bier. Blond, klein, fett. Ich frage mich, was sie hier sucht. Verloren hat sie bestimmt nichts. Vielleicht ist es nur die irrationale Angst davor Beziehungen einzugehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das Gleiche sucht wie alle anderen. Sie erwidert meinen Blick und lächelt. Interessant. Auch wenn sie im Vergleich zu den aufgetakelten, leichten Mädchen, die schon von Gott und der Welt gefickt wurden, wie ein halbschüriger Replacement-Fuck wirkt, so hat sie doch etwas unaussprechlich Besonderes. Sie kommt auf mich zu. Mutiges Mädel. Zu Tode gefürchtet ist eben auch gestorben. Doch nun bekomme ausgerechnet ich ein mulmiges Gefühl und das ist kein gutes Zeichen. Mein einziger Schutz ist die bodenlose Gleichgültigkeit gegenüber allem. Ich hoffe sehr, dass sie keinen Funken Selbstachtung in sich trägt, nur um alles zu erleichtern, nur damit niemand etwas zu verlieren hat.
Harry – dirty Harry, wie ich ihn nenne, oder Heinrich, wie ihn die anderen nennen – schaut unserem Spiel zu. Harry ist ein verwesender Held und das älteste Männlein im Wald der Zapfhähne. Ein Mann, der ein Schnapsglas bis zum Rand und einem selbst bis zum bitteren Ende füllt. Er bleibt mit seinen müden Augen an uns fixiert. Was in seinem Kopf vorgeht, kann ich beim besten Willen nicht erahnen. Vielleicht weiss der alte Knabe mehr als ich.
Mein Magen meldet sich. Ich furze leise. Jetzt geht die Post ab – in meinem Magen ist die Hölle los. Zwei weitere zischen leise und der ätzende Gestank verteilt sich. Nicht, dass mir das unangenehm wäre. Aber nein, ich liebe alle meine Fürze. Sie durchdringt meine Wolke und verzieht keine Mine. Ich weiss wie brennend meine Gase sind. Wie gesagt: mutiges Mädel. Ekelhaft ist es, in einer Welt voller Männer eine Frau zu sein. Aber ich darf es mir erlauben. Die Regeln beim Replacement-Fuck sind simpel. Sobald keine Ansprüche mehr bestehen, ist alles erlaubt. Jeder Hurenbock weiss das. Sie ist ganz nah bei mir. Wir beginnen zu plaudern. Ich weiss nicht genau, was ich an dieser Frau besonders finde aber die vorsichtige Annäherung und unser harmloses Geschwätz bereitet mir irgendwie Freude. Das mulmige Gefühl schwindet, die Bedeutungslosigkeit bläht sich wieder auf. Leichtes Spiel mit offenen Karten. Ihre himmelschreiende Mittelmässigkeit ist geradezu überwältigend. Dabei ist mir völlig egal wer sie ist. Alles was ich weiss ist, dass wir die heutige Nacht zusammen verbringen werden, auf der Suche nach etwas kurzlebiger Befriedigung.
Wir gehen zu ihr nach Hause. Lange werde ich nicht bleiben. Wer mit Hunden zu Bette geht, steht mit Flöhen wieder auf. Ihre Wohnung ist ein einziges Loch. Sie will mir etwas anbieten. Keine Zeit verplempern und gleich zur Sache kommen. Sie lässt sich auf ihr Doppelbett plumpsen, ich kraxle auf ihr hoch und beginne meinen Kampf mit ihrem schweissnassen, teigigen Körper. Ich spiele kurz etwas an ihr herum, sie lässt alles zu. Ein kleines Quieken gibt sie von sich, als meine Geheimratsecken die Innenseite ihrer Schenkel streicheln. Es wird Zeit zu kommen, um endlich wieder gehen zu können.
Ich lege los. Volle Fahrt. Auf dem Weg zum Zenit meiner Ekstase. Doch… ich erschlaffe plötzlich. Keine Ahnung wieso. Es liegt nicht an ihr. Ich gebe nochmals alles. Die grösstmögliche Mühe. Alles Tricks, alle Techniken, alle Kunstgriffe. Es will nicht klappen. Ihre Enttäuschung leuchtet in ihren Rehaugen auf. Nichts ist passiert. Nichts für niemanden. Sie rollt sich abweisend zur Seite. Ich liege neben ihr und starre an die Decke. Vielleicht ist es die Hitze, die ihr massiger Körper ausgestrahlt, oder einfach der modrige Geschmack ihrer Vagina, der noch in meinem Gaumen klebt, aber ich muss von hier weg. Ich stehe auf, kleide mich und verschwinde, als ob nie etwas war. Auf der Strasse gebe ich meiner Zigarette Feuer und ziehe den losen Kragen meiner Jacke hoch. Eine weitere vergebene Nacht im Sammelsurium aller Nächte. Aber ich habe sie mir verdient. Sämtliches Scheitern habe ich mir hart erkämpft. Schliesslich ist es nur eine Frage der Übung. Ich bin so oft gescheitert. Ich habe keine Angst mehr. Ich bin ein stolzer Versager.

 

Text: Dominik Wolfinger. Jahrgang 88. Liechtensteiner. Dramaturgiestudent.
Bild: Carmen Lebeda

 

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