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Hippiekacke 2.0

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Vor gut zwei Jahren sorgte das Video Hippiekacke in der wahren Hauptstadt der Schweiz für Furore. Seit damals hat sich einiges verändert.

Der Szeni – oder Hippie – aus Zürich erkannte sich im Film von Ian Constable sofort wieder. Nennen wir den Szeni Hans. Das Jahr 2009: Der Hans geht also im Hive gogen tanzen, er trinkt vor dem Xenix ein Bier, er fährt mit dem Rennvelo ins Atelier, er hat ein iPhone, er stärkt sich nach einer langen Ausgangsnacht mit Frühstück im Kafi Schnaps um anschliessend an der Uni ein wenig zu fachsimpeln mit seinen Kollegen aus dem Studium der Publizistik.

Die Zeiten haben sich ein wenig verändert. Wir schreiben das Jahr 2012: Der Hans trägt heute einen schönen Schnauzer. Und er geht nicht mehr ins Hive, sondern ins Gonzo oder in den Garten von Frau Gerold. Im Hive hats ihm inzwischen zu viele Gymischüler und Agglo-Menschen. Aber auch das Gonzo dürfte bald wieder vorbei sein. Rennvelo fährt der Hans immer noch. Und auch spielt er immer noch Boule – oder sowas ähnliches – vor dem Xenix. Aber er trinkt da nicht mehr sein Bier, nein, der Hans trinkt jetzt nicht mal mehr Apérol Spritz, sondern Hugo. Das kitzelt so schön auf der Zunge. Vor zwei Jahren war der Hans in Südamerika «go rääisä». Die Indios haben scheinbar an Attraktivität eingebüsst. Wer heute noch nach Ecuador geht ist schon fast ein bisschen Retro. Heute geht der Hans lieber nach Asien – genauer gesagt nach Thailand, Vietnam oder Indonesien. Da kauft er sich dann ein gefälschtes iPhone, weil in der Schweiz inzwischen jeder Hans und jede Hänsin ein originales iPhone hat. Das ist nicht mehr hipp. Das mit dem Kafi Schnaps ist zwar nicht ganz vorbei, aber auch da hats Hans inzwischen zu viele normale Städter. Neue Lokale wie «Dini Muetter» sind jetzt der Renner. Ist ja auch klar, da ist es viel gemütlicher. Diese Liste könnte unendlich lang weiter geführt werden. Das Problem des heutigen Szeni ist, dass er sich sehr schnell weiter entwickelt – muss er auch, weil alle paar Tage eine neue Bar aufmacht, die sofort in Beschlag genommen werden muss.

Zum Schluss noch was über das logische Loch im Leben des Szenis: Der Hans möchte in möglichst kein Schema passen. Die maximale Individualität also. Doch diese maximale Individualität wird tausendfach kopiert. Obwohl es unzählige Szenis gibt, möchte Hans nicht als solcher bezeichnet werden, denn mit dem Zuordnen zu den Szenis wird seine Individualität aufgehoben und der Hans gehört wieder zu den Anderen. Alles umsont.

Text: Simon Jacoby

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  • http://www.monsieurcroche.ch Monsieur Croche

    Entweder sind Szenis einfach geistig minderbemittelt (und zu Selbstreflexion unfähig) oder sie belügen sich ständig selbst. Muss mir ja keiner erzählen wollen, dass er Fixie fährt, weil das in Zürich besonders praktisch ist (Tramschienen, Hügel, kaum Radfahrerwege) oder er einen Fjällräven Kanken-Rucksack trägt, weil er ihn in einem Brocki gefunden hat ^^