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Gescheiterte Liebe

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Für die Liebe sieht es schlecht aus. Etwa die Hälfte der Ehen scheitert. Das Bild der Liebe mit «happily after after», das gibt es höchstens noch bei Disney. Wo man kleinere und grössere Streitigkeiten versucht zu überwinden, sich Treue in guten wie in schlechten Zeiten schwört, an der Seite des Anderen trotz allen Ecken, Kanten und Macken bleibt, solche Beziehungen führten allenfalls unsere Grosseltern, wenn überhaupt.

Und die Beziehungen unserer Generation haben sich noch weiter von diesem Bild der Liebe entfernt. Das Kennenlernen verschiebt sich in die virtuelle Welt, die ersten Schmetterlinge im Bauch wurden zu Matches auf Tinder. Das erste Mal ist schon lange nicht mehr die langersehnte Hochzeitsnacht, sondern fällt immer mehr mit dem ersten Treffen zusammen. Liebeserklärungen drückt man durch Emoticons aus, Komplimente gibt es per Like und Berührungen werden durch das Streicheln des Touchscreens ausgetauscht.

Der Beziehungsalltag ist auch komplizierter geworden. Bei uns soll es keine fixen Rollenverteilungen mehr geben, keine Hierarchien, runter mit dem Patriachat. Wir wissen ganz genau was wir nicht wollen, aber wie die Alternativen aussehen haben wir nur bruchstückhaft vor Augen und diese auszuleben scheitert oft an der Realität. Diese Anforderungen an Beziehungen überfordert unsere Generation. So fest wir jegliche Einschränkungen in unserer Individualität auch verabscheuen, war es mit der Liebe nicht einfacher, als noch jeder wusste wo er hingehört und wie man sich verhalten soll?

All diese Entwicklungen haben unsere Hoffnung für die Liebe erschüttert, wir sind verunsichert. Oder ist es umgekehrt: Je mehr die Liebe an der Realität scheitert, desto mehr klammern wir uns an dieses Bild der Liebe?

Aber kann die Liebe überhaupt scheitern? Scheitert sie, wenn es neben der traditionellen Beziehung plötzlich Alternativen des Zusammenlebens gibt, wenn der Begriff der Ehe geöffnet wird, wenn LebenspartnerInnen zu LebensabschnitsspartnerInnen werden und der Vormarsch der virtuellen Welt auch vor unserer intimsten Sphäre keinen Halt macht?

Das Scheitern der Liebe heisst Resignation. Sie scheitert nicht an den Herausforderungen der heutigen Welt, sondern wenn wir nicht mehr daran glauben, dass es irgendwo in der weiten Welt jemanden gibt, den wir lieben werden. Wenn wir uns mit einer Beziehung abfinden, weil es einfacher ist als alleine zu sein und weiterzusuchen. Wenn sich ein seit neun Jahren verheiratetes Paar trennt, dann scheitert nicht die Liebe – im Gegenteil, sie trägt den Sieg davon. Scheitern wäre, wenn man zusammenbleibt, ohne eine Liebe wie man sie sich wünscht, weil man resigniert hat. Aber hier siegt die Liebe, weil beide darauf hoffen, dass sie die Liebe wiederfinden, und dann hat die Liebe erst eine Chance. Wenn wir die Liebe so sehen, dann scheitert die Liebe nicht an dem Heute, sondern höchstens an unserer Resignation.

 

Text: Julia Meier, studiert, wohnt und liebt in Zürich. Gehört zu den idealistischen Jusstudentinnen. Denkt gerne über die Welt nach und posaunt ihre Gedanken am liebsten ganz weit hinaus.
Bild: Carmen Lebeda

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