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Entfaltung – und das zu überwindende Erbe der Griechen

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Fionn Meier, August 2015

 

Nicht mehr nach dem «Was», sondern nach dem «Wer» beliebte es Max Stirner im Aufgang der Moderne zu fragen. Ein neuer Ausgangspunkt zum Verständnis des Menschen, der Freiheit und Verantwortung wurde damit geschaffen und die Überwindung der griechischen Philosophie nahm ihren Anfang.

Der Aufbruch in die Philosophie, ins Denken und Abstrakte, begann bei den Griechen und damit auch die Unterscheidung von »Wesen« und »Erscheinung«. Allen Erscheinungen in Raum und Zeit liegt dieser von den Griechen hervorgerufenen Denkungsart zufolge ein ideelles Wesen zugrunde. Ein Wesen, das ewig und unveränderlich ist und den in Raum und Zeit auftretenden Erscheinungen bestimmend zugrunde liegt. Platon versetzte diese ewige Wesen als Ideen in den Ideenhimmel, Aristoteles als Entelechien in die Dinge selbst. Die Vorstellung eines ewigen Wesens lässt sich durch folgende Überlegung gewinnen: Die Gesetzmässigkeiten des Kreises lassen sich rein gedanklich aus der Idee des Kreises ableiten. Diese ideell erfassten Gesetzmässigkeiten sind massgebend für alle Kreise, die als Erscheinung in Raum und Zeit der sinnlichen Wahrnehmung gegeben werden können. Die Idee des Kreises, welche diese Gesetzmässigkeiten in sich trägt, ist das ewige Wesen des Kreises, von dem die in Raum und Zeit in Erscheinung tretenden Kreise jeweils nur unvollkommene Abbilder sind. Diese Art zu denken ist das Erbe der Griechen. Sie hat sich tief in die Erbsubstanz der europäischen Kultur verankert und ist beinahe bei jedem grossen Denker in verschiedenen Variationen als implizite oder explizite Voraussetzung vorhanden.

Dieser Denkweise zufolge liegt auch dem Menschen ein von Raum und Zeit unhabhängiges Wesen zugrunde. Entfaltung des Menschen kann daher nur die Entfaltung des in Erscheinung tretenden Menschen bedeuten, jedoch nicht seines zeitlosen, ewigen Wesens. Über zweitausend Jahre versuchten die Philosophen griechischer Tradition diesem Wesen des Menschen auf die Spur zu kommen, oder gar dem Menschen einzutrichtern, was dieses Wesen sei – die Vernunft, die Moral, das Wahre, das Gute, das absolute Subjekt, das Göttliche, usw… Gemeinsam an all diesen in der abendländischen Geschichte aufgetretenen Variationen ist, dass ein Wesen gesucht oder beschrieben wird, das, obwohl in seiner Existenz unabhängig von den einzelnen Individuen, bestimmend denselben zugrunde liegt.

Dass diese Denkungsart den Menschen zum blossen Vollstrecker eines schon vorhandenen Wesens macht, und nicht zum Schöpfer seiner selbst, seines ganz eigenen Wesens, dagegen erhob sich in der Dämmerung des modernen Zeitalters der unvergleichliche Protest Max Stirners:

„Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn.

Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin.

Mir geht nichts über Mich!“

Und weiter:

„Man hat immer gemeint, Mir eine ausserhalb Meiner liegende Bestimmung geben zu müssen, so dass man zuletzt Mir zumutete, Ich sollte das Menschliche in Anspruch nehmen, weil Ich – Mensch sei. Dies ist der christliche Zauberkreis. Auch Fichtes Ich ist dasselbe Wesen ausser Mir, denn Ich ist Jeder, und hat nur dieses Ich Rechte, so ist es »das Ich«, nicht Ich bin es. Ich bin aber nicht ein Ich neben andern Ichen, sondern das alleinige Ich: Ich bin einzig. Daher sind auch meine Bedürfnisse einzig, meine Taten, kurz Alles an Mir ist einzig. Und nur als dieses einzige Ich nehme Ich Mir Alles zu eigen, wie Ich nur als dieses Mich betätige und entwickle: Nicht als Mensch und den Menschen entwickle Ich, sondern als Ich entwickle Ich – Mich.“  

                                                                        – Stirner: Der Einzige und sein Eigentum

Max Stirner – noch heute als Dissident vermieden und verschwiegen – will sich sein Wesen nicht vorgeben lassen, weder philosophisch von einer Idee, noch theologisch von einem über ihm stehenden Gott, sondern als vergänglicher Mensch es als sich selber erst erschaffen: „Jedes höhere Wesen über mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell‘ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, da steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: Ich hab‘ mein‘ Sach‘ auf Nichts gestellt.“ Die Frage nach dem »Was« des Menschen, seinem Wesen, kann für Stirner daher auch nur durch sich selber, den konkret existierenden Menschen ihre Antwort finden: „Das Ideal »Der Mensch« ist realisiert, wenn die christliche Anschauung umschlägt in den Satz: »Ich, dieser Einzige, bin der Mensch«. Die Begriffsfrage: »Was ist der Mensch?« hat sich dann in die persönliche umgesetzt: »Wer ist der Mensch?« Bei »was« sucht man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei »wer« ist’s überhaupt keine Frage mehr, sondern die Antwort ist im Fragenden gleich persönlich vorhanden: die Frage beantwortet sich von selbst“ (Stirner, ebd.).

Die Überwindung der griechischen Denkungsart fängt nicht dort an, wo man nach materialistischer Gesinnungsart und Verkennung der in den Ideen selbst vorhandenen Gesetzmässigkeiten, alles ideelle nur als Ausfluss gesellschaftlichen Verhältnisse oder materieller Prozesse im Gehirn erklärt, sondern mit der Überwindung der griechischen Denktradition, dass das Wesen des Menschen schon vorhanden sei, und nicht etwa erst durch den einzelnen, vergänglichen Menschen aus dem Nichts erschaffen werden müsste. Diese ungriechische Idee wurde erstmals in klarster gedanklicher Form durch Stirner in die Welt gesetzt. Die Überwindung des griechischen Erbes nahm damit ihren Anfang. Doch einem letzten Rest der griechischen Denktradition hat auch Stirner sich unterworfen. Er kommt durch seine Überlegungen zum Schluss, dass dem nur sich selbst entfaltenden Einzigen keine Verantwortung für die Entwicklung der Menschheit zukomme: „Dass der Einzelne für sich eine Weltgeschichte ist und an der übrigen Weltgeschichte sein Eigentum besitzt, das geht übers Christliche hinaus. Dem Christen ist die Weltgeschichte das Höhere, weil sie die Geschichte Christi oder »des Menschen« ist; dem Egoisten hat nur seine Geschichte Wert, weil er nur sich entwickeln will, nicht die Menschheitsidee, nicht den Plan Gottes, nicht die Absichten der Vorsehung, nicht die Freiheit u. dgl. Er sieht sich nicht für ein Werkzeug der Idee oder ein Gefäß Gottes an, er erkennt keinen Beruf an, er wähnt nicht, zur Fortentwicklung der Menschheit dazusein und sein Scherflein dazu beitragen zu müssen, sondern er lebt sich aus, unbesorgt darum, wie gut oder schlecht die Menschheit dabei fahre“ (Stirner, ebd.).

Welchem Denken entstammt diese Schlussfolgerung? Und welche Berechtigung kommt ihr zu? Wie Karl Ballmer, der bis anhin unbekannt gebliebene Maler und Denker aus Lamone, in nüchterner Beobachtung festellt, folgt Stirner bei dieser Überlegung der aristotelischen Logik: „Stirner gebraucht hier den Begriff »Menschheit« in einem unzureichenden Sinn. Indem er der Logik gemäss unausgesprochen voraussetzt, dass die Menschheit »Gattung« sei (was sie nach unserer Behauptung erst sekundär ist), unterwirft er sich – unbewusst und unbedacht – dem »Ideal« der Logik, gerät er unversehens unter die Knechtschaft einer traditionellen Idee“ (Ballmer: Max Stirner und Rudolf Steiner). Nach Ballmer ist die von den Griechen erschaffene Logik unzureichend um das Wesen der »Menschheit« zu begreifen: „Die »Menschheit« ist nicht Gattung, und wenn sie es ist, dann nach einer Regel, für die in der aristotelischen Logik kein Raum ist“ (Ballmer, ebd.). Um zum Verständnis des Verhältnisses des einzelnen Individuums zur Menschheit zu kommen, ist es, folgt man Ballmer weiter, notwendig, die aristotelische Logik durch einen von dem österreichischen Philosophen Rudolf Steiner neu geschaffenen Begriff zu ergänzen. Jener Begriff, der nach Ballmer das tatsächliche Verhältnis von Individuum und Gattung ans Licht bringt, formulierte dieser in einer seiner Jugendschriften wie folgt: „Es ist etwas ganz anderes, wenn man von einer allgemeinen Menschheit spricht, als von einer allgemeinen Naturgesetzlichkeit. Bei letzterer ist das Besondere durch das Allgemeine bedingt; bei der Idee der Menschheit ist es die Allgemeinheit durch das Besondere. Wenn es uns gelingt, der Geschichte allgemeine Gesetze abzulauschen, so sind diese nur insofern solche, als sie sich von den historischen Persönlichkeiten als Ziele, Ideale vorgesetzt wurden. Das ist der innere Gegensatz von Natur und Geist.“ (Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung).

Eine neuer Aussichtspunkt zum Verständnis der Entfaltung des Menschen und der Geschichte, zum Verhältnis des Einzelnen zur Menschheit und zum Wesen der Freiheit und der Verantwortung wurde durch diese das griechische Erbe überwindende Ideen geschaffen. Doch zu ungewohnt waren diese von Stirner, Steiner und Ballmer ins Leben gerufenen Vorstellungen, als dass sie bis anhin irgendwelche spürbare Resonanzen ausgelöst hätten. Anstatt mit diesen Begriffen die grossen Fragen der »philosophischen Anthropologie« anzugehen, beliebten es die modernen Denker in griechischer Tradition weiterhin nach dem vom konkreten Menschen unabhängigen »Was« zu fragen, oder mangels Erfolgs und in schon postmoderner Weise – gar nicht mehr zu fragen. Noch unbekannt und unerforscht sind die Konturen am neuen Horizont.

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