Home Rubrik Endlich

Endlich

0

Es begann, als ihm bewusst wurde, dass er ganz alleine war. Gregor wusste nicht mehr, wann das war oder durch was der Prozess ausgelöst wurde. Doch es war egal – wie alles. Die Wahrnehmung der Einsamkeit und Sinnlosigkeit seines Seins hatte er nie ganz nachvollziehen können, obgleich sie ihn nur sehr zögerlich und beinahe lustvoll übermannte. Jetzt war es zu spät. Jede Zelle, jedes Haar seines Körpers war davon befallen. Gregor hatte in seinem kurzen Leben alles versucht, hätte niemals aufgegeben. So tief sassen Instinkte und Verstand. Er war Freund und Feind. Er war konstruktiv und zerstörerisch. Hatte geholfen, hatte vernachlässigt. Hatte gefühlt und hatte verdrängt. War ungeduldig und lethargisch. War Konsument und abstinent. Wollte eigentlich nur gefallen und Gefallen finden.

Irgendwann beschloss er, gegen seine Ängste anzukämpfen. Er verbannte sie und damit die Freuden, die unweigerlich daran gebunden waren. Das Loch das zurück blieb, wurde mit Zweifel gefüllt. Nichts hält, nichts hat Wert, alles ist eine Lüge. Das Schwarze wächst, zerfrisst Selbstachtung und Liebe. So viele Male hatte er das Bild im Kopf vom reichen, dicken Mann, der aus dem Fenster sieht und sich fragt, wie er leben soll, während ein schwacher Obdachloser unter demselben Fenster auf der Strasse sitzt und sich dasselbe fragen muss. So viele Male hatte er versucht, mitzuspielen, um, wann immer er stolperte, ins Bodenlose zu fallen. So viele Male musste er sich fragen, ob dies wirklich die Realität oder bloss ein schlechter Traum sei. Die Taubheit, die Kritik, der Kampf um und gegen ihn selbst war zur Sucht geworden, seine Gedanken, nicht mehr gehorchend, zur Schlinge. Die Bedrohungen klopften nun an jede Tür und zogen eine schmerzende Ahnung des Nichts hinter sich her. Gregor fand keinen Weg zurück, verlor sich selbst und was blieb, war vollkommenes Unbehagen.

Gregor stand auf. Nicht der Rede wert. Wenig später verliess er seine Wohnung. Er ging auf dem Trottoir in einer Strasse, die er mal gekannt hatte. Heute war sie ihm so fremd wie nie zuvor. Der Mann mit beiger Baskenmütze, der um diese frühe Uhrzeit schon an einem der zwei Tischchen vor der Tür des kleinen Restaurants sass und lächelnd ein Bier trank, war ihm komplett unbekannt, obschon er ihn jeden Tag dort sitzen sah und auch schon mit ihm gesprochen hatte. Alles war weit, weit weg. Gregor fühlte sich leer, als er mechanisch das Restaurant passierte. Mit jedem Schritt wusste er weniger wohin er ging und warum. Arbeiten? Er blickte nach unten und sah seine Füsse. Die schwarzen Lederschuhe schienen es eilig zu haben. «Halt!» wollte er ihnen zurufen und sie zum Stehenbleiben zwingen, doch er hatte keine Macht über sich.

Gregor stand vor der Tür des Grossraumbüros im ersten Stock. Es war still. Seltsam still. Er öffnete die Tür und trat ein. Er ging wie jeden Morgen zuerst zur Kaffeemaschine und machte sich einen Espresso. Damit ging er zu seinem Arbeitsplatz und schaltete den Computer ein. Er blickt um sich und realisierte, dass er der Erste im Büro war. Er setzte sich. Benutzer Gregor S. stand auf dem Bildschirm und darunter war eine Fläche, wo er sein Passwort eingeben sollte. Wie jetzt? Ich weiss mein Passwort nicht mehr, dachte Gregor. Es entfiel ihm in just dem Moment, als er es abrufen wollte. Er wusste genau, dass es eine Zeichenkombination war, die er schon seit immer für sämtliche Passwörter benutzte. «Ich weiss mein Passwort nicht mehr», sagte Gregor nun laut.  Jahrelang, jeden Tag hatte er es irgendwo eingegeben. Je länger er den Bildschirm anstarrte, desto schwächer wurde die Erinnerung. Er raufte sich die Haare. So was gibt es doch gar nicht. Als er einen verwirrten Blick auf die Tastatur warf, sah er, dass diese von Haaren übersät war – seinen Haaren. Das war so absurd, dass er grinsen musste. Er griff sich an den Kopf und merkte, wie sie schmerzlos nachliessen. Gregor lachte und riss sich alle aus. Seltsam fühlte er sich, doch nicht schlecht. Er stand auf. Das Büro war noch immer leer. Er rannte zur Toilette. Als er abermals lachen musste, wie er sich mit Glatze da stehen sah, viel ihm ein Schneidezahn aus und landete im Waschbecken. Auch dies ohne Schmerz. Gregor spürte nichts, ausser etwas Warmem, ganz tief, etwas, dass er schon lange vergessen hatte. Er zog sich vollständig aus und schmiss seine Kleider auf den Boden. Als er sich sämtliche Zähne ausgerissen hatte und merkte, wie sich nun auch die Haut von seinen Fingern und seiner Brust zu lösen begann, sah er seinem entstellten Spiegelbild in die Augen und zwinkerte ihm zu.

Endlich.

Text: Pascal ist Winterthurer, bastelt an seiner Masterarbeit und scheitert fürs Leben gerne
Bild: Carmen Lebeda

Hoi ich bin dieperspektive. Ich stelle hier alle Texte von dir und sonstigen Schreiberlingen auf die Webseite. Auch Anlässe und wichtige Infos stelle ich online. Wenn du also mal einen Text für mich hast: artikel@dieperspektive.ch. Wenns es etwas Pressantes ist, erreichst du mich am besten über Facebook oder Twitter. Im Newsletter zeige ich dir immer die wichtigen Dinge, die um uns so geschehen. Dafür kannst du dich im Hauptmenü unter Abonnieren eintragen. Dort kannst du auch unsere Printausgabe bestellen.