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Die graue Sonne

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Oktober. Pf, Oktober ist ein schwieriger Monat. Keine Chance mehr auf Sommer. Der Winter steht vor der Tür, ist aber noch nicht da. Oktober ist weder Fisch noch Vogel. So ein Zwischendings. Mit etwas Glück scheint die Sonne dann, wenn Zeit da wäre, um zu wandern. Und mit noch etwas mehr Glück packt einen genau dann die Wanderlust. Dann ist der Herbst, wie dieses Zwischendings genannt wird, wunderschön. Laub zwischen den Füssen, das raschelt. Der Himmel blau, die Wälder bräunlich rot. Der Boden immer ein wenig feucht, sodass die Schuhe, wenn der Weg plötzlich wieder asphaltiert ist, Muster hinterlassen. Abdrücke auf der grau-schwarzen Strasse, die weit weg von den nächsten Häusern nach vorne führt. Diese Abdrücke verdunsten nach kurzer Zeit. Niemand, der nachkommt, sieht, welche Schuhgrösse durchgewandert ist. Beim Wandern geht es meistens aufwärts. Strasse, Wege auf grünen Wiesen und braunen Erden, später Kies- und Steinwege. Immer weiter hoch. Die Luft wird kühler und dünner. Auch klarer. Die Sonne brennt zwar, aber in dieser Jahreszeit und in unseren Breitengraden können sogar Hellhäutige die Sonnencreme im Tal lassen. Der Atem wird schneller, die Schritte langsamer und die Steinchen unter den Füssen knirschen. Bis zum Gipfel. Oder bis zum Pass. Da hat es meist ein Kreuz. Und eine Sitzgelegenheit auf Steinen oder den letzten weichen und grasigen Matten. Und eine Aussicht in das entferntere Umland. Je nach Wetter (und Sehfähigkeit) sind die Täler, Berge und Dörfer gestochen scharf. Je nachdem sind sie verschwommen. Die Aussicht, die Klarheit und die Luft erinnern an sphärische Lieder wie «We Are The People» oder «Sonnentanz» und nicht zuletzt an «Le vent nous portera». Zeitlos, grenzenlos und unbestimmt. In diesen Momenten ist alles egal. Gleichgültig – aber ohne den negativen Beigeschmack, den diese Worte sonst mit sich schleppen. Der Wind will die Wandervögel wieder weg vom Gipfel haben. Oder weg von Pass. Der Abstieg gehört schon nicht mehr zum Wandern.

Fehlt das Glück, wird nicht gewandert. Dann wird in die Sonne gesessen. Mit Schal, Jacke und Kaffee. Wegen der dickeren Bekleidung fällt das Blättern der Zeitung, die zum Kaffee konsumiert wird, schwerer. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Ohne Sonne ist der Herbst kühl, feucht und grau. Der Oktober hat ein schönes und ein hässliches Gesicht. Wie fast alles in unseren Breitengraden. Graue Herbsttage sind so selbstverständlich, wie der schlechte Wortschatz von Fussballern. Kalte Füsse, trockene Hände und ein Schirm, der uns vor dem nassen Übel schützt und im Tram den Sitz durchnässt (und später den Arsch desjenigen anfeuchtet, der sich auf den nassen Sitz setzt – meistens bin ich das). An grauen Herbsttagen hilft Magenbrot, Beruhigungstee in der warmen Küche, ein Film unter der flauschigen Decke. Und nicht zuletzt Marroni, die so heiss sind, dass sich die Zunge das Cola mit Eis und Zitrone aus den Sommertagen zurückwünscht.

Wenn die Umstände garstig und stürmisch sind, müssen wir es selber in die Hand nehmen und das Gute und Schöne erzwingen. In der hedonistischen Schweiz dürfte das einfacher sein, als sonst wo auf der Welt.

Text: Simon Jacoby
Bild: Janine Benker

Bild: Janine Benker

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