Home Thema WG Die erste WG

Die erste WG

0

Dieser Moment, als ich mit zwanzig endlich von zu Hause auszog, der war grossartig. Ungefähr genauso spannend jedoch war wohl die Vorstellung, dass ich mit zwei meiner besten Freundinnen eine Wohngemeinschaft gründen würde. Ich war mir bewusst, dass dies kein geringes Risiko war und ich damit gleich zwei Freundschaften auf einen Schlag aufs Spiel setzte. Aber ich wollte es unbedingt. An einem warmen Spätsommerabend trafen wir uns auf einem Fussballfeld am Stadtrand, um uns zu beraten. Es gab eine wichtige Frage zu klären, die das Projekt beinahe zum Scheitern gebracht hätte, bevor es richtig losgehen konnte: wo sollte diese WG gegründet werden? Zur Auswahl standen zwei Städte, die eine geschwisterliche Hassliebe verbindet und die beide nicht unbekannt sind für ihren stark ausgeprägten Lokalpatriotismus. In Winti hatten wir alle drei den Grossteil unseres Lebens verbracht, unsere Freunde lebten dort und wir trugen viele gute Erinnerungen von dieser Stadt in unseren Herzen. Aber in Züri studierten wir seit einem Jahr und die Stadt lockte mit neuen Abenteuern. Wir liessen den Zufall entscheiden. Dort wo wir zuerst eine passende Wohnung fänden, würden wir uns niederlassen.

Dass wir schliesslich in der Limmatstadt landeten, ging wahrscheinlich zum grössten Teil auf meine Kappe. Als wir die erste, lang ersehnte Zusage für eine Dreizimmerwohnung bekamen, war ich Feuer und Flamme. Beim Anblick meiner tausend Ausrufezeichen auf Facebook mussten einige gedacht haben, ich hätte einen an der Klatsche. Dabei war es bloss Ausdruck meiner überschwänglichen Euphorie. Meine Freundinnen mussten mehr Mut aufwenden, um sich von ihren Wurzeln zu distanzieren. Ich redete ihnen ein, dass unsere Winti-Freunde Verständnis haben würden. Leider irrte ich mich. Wie sich später herausstellen sollte, zerbrachen wahrhaftig viele Winti-Freundschaften. Aus den Augen, aus dem Sinn. Vielleicht war es die kaum zu überwindbare Distanz, welche eine zwanzigminütige Zugfahrt in Anspruch genommen hätte. Verständlich. In einem Zeitalter, in dem jede zweite Beziehung eine Fernbeziehung über zwei Kontinente hinweg ist, kann man nicht erwarten, dass jemand seine Komfortzone verlässt und für einen Kaffee in eine andere Stadt fährt. Ironischerweise wohnen die meisten dieser Personen heute selber in Züri. Und einige Freundschaften konnten glücklicherweise später wiederbelebt werden, als man sich physisch wieder näher war.

Schon lustig, irgendwie.

Nachdem meine überzeugenden Überredungskünste also gefruchtet hatten, unterschreiben wir den Vertrag und es fühlte sich an, als hätten wir soeben im Lotto gewonnen. Es kümmerte uns nicht, dass die Wohnung weder im Kreis 3 noch 4 noch 5 noch 6 lag. Wir trösteten uns damit, dass schliesslich nicht jeder ein lässiger Szeni sein konnte, der im Erismannhof wohnt und die Langstrasse sein Wohnzimmer nennt. Nein, unsere WG lag total uncool im Kreis 11. Zwei Tramstationen vom Schwamendingerplatz entfernt. Dort, wo die Strassenbahn unterirdisch fährt und alles so futuristisch gebaut ist, dass man meinen könnte, man wär irgendwo mitten in Berlin. Zumindest hab ich das immer allen so erzählt. Andere hätten wohl gesagt, dass sie nachts Angst haben, alleine durch den Tunnel zu spazieren. Dass da nur Verrückte und Junkies rumlungern. Was natürlich nicht stimmt. Der einzige Penner, den ich regelmässig antraf, kam aus Holland und sprach fliessend Deutsch. Sein schneeweisses Haar war genauso lang wie sein ebenfalls schneeweisser Bart, und manchmal sah man nur noch diese Zotteln um die Ecke flattern. Er bewegte sich schnell und geräuschlos, schielte möglichst unauffällig in die Abfalltonnen und war äusserst gesprächig. Als er mich einmal um 5 Stutz für eine neue Hose bat, drückte ich ihm einen Fünfliber in die Hand und lächelte, wohl wissend, wofür er das Geld ausgeben würde. Zwei Tage später wartete er vor dem Tunneleingang auf mich und streckte mir stolz eine Plastiktüte entgegen. Darin lag, ordentlich zusammenfaltet, eine neu gekaufte Jeans.

H&M, schmunzelte er, nur 30CHF.

Die ersten Wochen als WG waren eine grosse Herausforderung und ein harter Test für unsere Freundschaft. Ich erinnere mich an unzählige Ikea-Besuche, bei denen man der Versuchung widerstehen musste, das gesamte Warenhaus in den Einkaufswagen zu packen. Möbel wurden in Bussen und Trams quer durch die Stadt geschleppt. Kompromisse waren erforderlich – nicht zuletzt, da wir alle drei Dickköpfe waren nicht gerne klein beigaben. Es folgte die schmerzliche Erkenntnis, dass das Leben verdammt teuer ist. In den ersten Wochen füllten wir deshalb den Kühlschrank ausschliesslich mit Lebensmittelprodukten von M-Budget und Prix Garantie. Der Spinat schmeckte zwar wie Gras, aber Hauptsache er war billig. Erst als eine meiner Freundinnen ein Ultimatum stellte und damit drohte, wieder auszuziehen, wenn wir nicht anders einkaufen würden, kam auch ich zur Vernunft. Ab sofort wurde auf das Bio-Label geachtet (von den einen mehr als von den anderen) und es galt die gesunde, neumodische Devise lokal-regional-saisonal. Abends schnippelten wir Gemüse und kochten Ragouts, verweilten bis spät am Küchentisch und träumten vom Leben. Oder wir sassen mit einem Glas Rotwein auf unserem knapp drei Quadratmeter grossen Balkon und trotzten den abgasausstossenden Autokolonnen, die vor unserer Nase um die Wette stanken.

Und wir waren glücklich dabei.

Aber ja, selbstverständlich war auch bei uns nicht immer alles Friede Freude Eierkuchen. Wie in allen WGs kam es gelegentlich zu Reibereien und Streitigkeiten. Einmal zofften wir uns, weil wir uns uneinig waren, wie gross die Kartoffelstücke für die Salzkartoffeln sein sollten. Ein andermal waren es irgendwelche doofen Pullis, die statt 30° ausversehen mit der 40° heissen Wäsche gewaschen wurden. Ja ehrlich. Wenn wir schon keine Mitbewohner hatten, die nachts besoffen auf den Teppich pinkelten, mussten eben andere Streitpunkte her. Zugegeben, auch bei uns wuchsen Pilze im Kühlschrank, im Bad und an den Wänden hinter den Kleiderschränken. Die Abflüsse waren immer wieder verstopft und ich pfiff meine Mitbewohnerin hundertmal an, weil sie ihre Haare nicht aus dem Duschabfluss klaubte. Aber im Grossen und Ganzen gaben wir uns grosse Mühe und zeigten uns proaktiv. Kaum zu glauben, aber nicht einmal ein Putzplan musste erstellt werden. Niemand drückte sich davor, den Staubwedel in die Hand zu nehmen, wir hatten dieselbe Vorstellung von Sauberkeit, das Altpapier wurde stets gebündelt und vor die Tür gestellt, das Altglas gemeinsam wöchentlich entsorgt und mit dem Einkaufen sprachen wir uns ab.

Die Jahre vergingen und unsere kleine WG fiel irgendwann auseinander. Wohngemeinschaften sind selten für die Ewigkeit gedacht, aber das ist vielleicht auch besser so. Wir hatten alle drei andere Zukunftspläne und wagten uns zögerlichen Schrittes in die weite Welt hinaus. Die eine verschwand für ein Auslandsemester nach Süditalien, die andere zog mit dem Freund nach Südamerika. Ich blieb vorerst tapfer zurück und war neugierig auf die neuen Mitbewohner. Es kamen glücklicherweise nur gute Leute, mit denen ich bis heute Kontakt pflege, so gut es eben geht. Aber es war nicht mehr dasselbe. Ich musste lernen, dass jede Wohngemeinschaft eine andere, eigene Dynamik entwickelt. Und dass die Vertrautheit unter Mitbewohnern selten so gross ist, dass drei Leute gleichzeitig im Badezimmer duschen, sich schminken und auf der Toilette ihr (kleines) Geschäft verrichten. Meistens haben Menschen, die zusammen in einer WG wohnen, andere Tagesrhythmen, eigene Freunde und  verschiedene Vorstellungen des Zusammenlebens. Als die neuen Mitbewohner einzogen, blieben die Zimmertüren plötzlich mehrheitlich geschlossen. Zusammen gegessen wurde nur noch selten und die gemeinsamen Abende, an denen man eng aneinander gekuschelt auf dem Secondhand-Sofa über die Balkonbrüstung schielte, gehörten der Vergangenheit an. Das musste ich lernen zu akzeptieren. Und irgendwann ging ich ebenfalls meine eigenen Wege, übergab mein Zimmer jemand anderem und verliess Zürich schweren Herzens. Ich erinnere mich, wie ich in der letzte Nacht, zwischen Kartonkisten und Möbelstücken eingeklemmt, im Schlafsack auf meiner Matratze lag und an die Decke starrte.

Wie schnell die Zeit vergeht, dachte ich noch, bevor ich endlich die Augen schloss.

Und dann war ich plötzlich in Genf. In einer WG, in der mir mein Mitbewohner regelmässig die Salami aus dem Kühlschrank klaut. Um sie dann zwei Tage später, vom schlechten Gewissen getrieben, wieder zu ersetzen. In einer WG, in der häufig mehr Leute übernachten als Betten vorhanden sind. Und wir in der Küche immer zu wenig Stühle haben.

Aber dazu ein andermal.

 

Text: Nadja Hauser

Hoi ich bin dieperspektive. Ich stelle hier alle Texte von dir und sonstigen Schreiberlingen auf die Webseite. Auch Anlässe und wichtige Infos stelle ich online. Wenn du also mal einen Text für mich hast: artikel@dieperspektive.ch. Wenns es etwas Pressantes ist, erreichst du mich am besten über Facebook oder Twitter. Im Newsletter zeige ich dir immer die wichtigen Dinge, die um uns so geschehen. Dafür kannst du dich im Hauptmenü unter Abonnieren eintragen. Dort kannst du auch unsere Printausgabe bestellen.