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DIE BESTE METHODE GEGEN SCHLAFSTÖRUNGEN

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Ich zippe an meinem Beruhigungstee, den ich für 5.70 CHF kurz vor dem Boarding gekauft habe, nehme einen Zug von meiner E-Zigarette mit Mürre-Aroma und geniesse meine «zusätzliche Beinfreiheit». Endlich schlafen! Ich lasse die Sichtblenden runter (Europa sieht nachts von oben doch eh überall gleich aus), lege mir mein Nackenkissen zurecht, Ohropax rein, Schlafmaske über die Augen – und es kann losgehn.

Aus der Ferne höre ich noch die beruhigenden Sicherheitshinweise von Didier (Von MO bis DO ist er jeweils Chef de cabine, ab Freitag übernimmt dann die liebe Sonja. Ich bin mit beiden per Du. Die ganze Menschheit ist mit Didier und Sonja per du, ob man nun will oder nicht). Ich döse langsam weg, der müde Körper freut sich über die summende Geräuschkulisse und mit dem Hochfahren der Triebwerke spüre ich gerade noch, wie sich mein Atem senkt und sich meine tiefsten Schnarchgeräusche in den Rhythmus des Geratters legen.

Naja, und dann schlafe ich drei, vier Stunden durch. Da kriegt mich dann auch keiner wach. Klar, als starker Schnarcher kann man in diesem Fall von purem Egoismus reden, aber was soll ich sagen? Ich kann mich nun mal nur beim Fliegen richtig entspannen. Und ich stecke Didier und Sonja genug Trinkgeld zu, als dass die irgendwas unternehmen würden, wenn sich mal wieder jemand beschwert.

Seit ich meine Wohnung aufgegeben habe und meine Nächte im Luftraum über Osteuropa verbringe, sind meine Schlafstörungen endlich weg. Ich habe alles probiert: die krassesten Schlafmittel,  diverse Therapieformen, saunieren, Globulis, ätherische Ölwickel, Sport… Alles! Aber nichts hat so sehr geholfen, wie der sanfte Schlaf in 3000 Meter Höhe.

Klar, zu Beginn ging das ins Geld. Aber mit guter Planung und den Vielfliegerlounges in Zürich und wahlweise Kiew oder Helsinki ist man in manchem Monat tatsächlich deutlich unter der üblichen Wohnungsmiete! Und ich bin ja nicht obdachlos. In meinem Büro habe ich alles, was ich sonst so brauche: Badezimmer, Mikrowelle, Kaffeemaschine und einen kleinen Kühlschrank. Auch die Utensilien sind nun billiger: Ein Nackenkissen ist ja mit dem Verkauf meines Bettes und den wegfallenden Waschkosten für die Bettwäsche fast hundertfach amortisiert.

Natürlich, der einstündige Aufenthalt vor dem unmittelbaren Rückflug ist jeweils ein unangenehmer Riss aus der Tiefschlafphase, allerdings tut dieses kurze Beinevertreten dem Rücken ziemlich gut. Zudem habe ich gute Kontakte geschlossen und die besten Möglichkeiten für Croissants ausgecheckt. In Kiew beispielsweise gibt es direkt bei Gate 28 einen klitzekleinen Snackstand, an welchem Lena arbeitet. Die Croissants werden immer 15 Minuten vor meiner Ankunft geliefert und sie lächelt jeweils, wenn ich um die Ecke komme und mit Handzeichen zwei Stück bestelle. Ich weiss nicht, ob sie oder der Snackstand Lena heisst. Jedenfalls steht dieser Name auf ihrem T-Shirt.

Beim Rückflug komme ich dann nach zwei weiteren Stunden Tiefschlaf in eine angenehme Dösphase, in welcher die Träume und die Wirklichkeit verschmelzen. Dann führe ich seltsame Konversationen mit Sonja, das Flugzeug macht Loopings und manchmal lehne ich meinen schnarchenden Kopf an die Schulter meines Sitznachbars.

Die Frage nach meiner persönlichen CO2-Billanz ist tatsächlich eine heikle. Wenn man jeden Tag fliegt, gibt es da natürlich keine Entschuldigung. Ja, ich belaste die Umwelt durchschnittlich hoch. Aber rein nervlich bin ich, zumindest im Arbeitsalltag, viel angenehmer für meine Mitmenschen. Auch im Flugzeug beschwert sich überhaupt nicht jeder. So mancher Sitznachbar hat auch schon seinen Arm um mich gelegt und laut mit mir mitgeschnarcht. Willkommen im 21. Jahrhundert.

 

Autor: Laurin Buser, Slam Poet

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