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Der Szeni-Drögeler

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Unsere Generation schluckt alles, was sie in den Mund kriegen kann. Warum das ganz verständlich ist.

Es war einmal ein junger Zürcher, nennen wir ihn Alex. Der hatte schon mal was von Max Weber gehört. War das nicht der Bundeskanzler? Nein, das war der Soziologe. Die meisten haben keine Ahnung, wer das war. Max Weber sprach von der Entzauberung der Welt. Die Welt verliert also ihren Zauber. Warum wohl? Wegen der verdammten Religion natürlich. Der protestantische Arbeitsethos führt dazu, dass ein Kapitalist das Geld nur um des Geldes Willen anhäuft. Geht es nach Calvin, der das Ganze erfunden hatte, soll Alex immer nur arbeiten. Ausser am Sonntag, dann soll er in die Kirche gehen, beten und auf die Woche zurückschauen.
Obwohl niemand eine Ahnung von Max Weber hat, wissen alle, dass Alex nicht so lebt. Wir jungen Zürcher sind verzogene, hedonistische und wohlstandsverwahrloste Kinder der früheren Zwinglianer.
Zurück also zu Alex, den Drogen und der Entzauberung der Welt. Alex lässt sich seine Welt nicht entzaubern. Im Gegenteil. Wer nach dem protestantischen Arbeitsethos lebt, verpasst alle Versuchungen. Das weiss Alex. Er weiss zum Teufel auch, dass man Versuchungen nicht widerstehen kann. Das geht einfach nicht. Das ist wie mit den Fehlern. Aus einem Fehler wird gelernt, nur damit wir wieder aufstehen und dann mit dem Kopf gegen die nächste Wand rennen. Alex geht es dermassen gut in Zürich, dass alles so einfach läuft. Ein Nebenjob reicht, um das lässige Leben in den Kreisen 3, 4 oder 5 zu finanzieren. Da bleibt viel Zeit, den Versuchungen nachzugehen. Alkohol, Disko, Zukki-Hund, MDMA, LSD, Koks, Psylos, Hasch, Gras und so weiter. Das gehört alles dazu. Nur, weil Alex der Versuchung nicht wieder stehen kann. Ist das schlimm? Schlimm ist nicht die Verzauberung, die Alex sich gönnt. Schlimm sind nicht die gelegentlichen Trips. Schlimm ist die Wohlstandsverwahrlosung, die alle 5 Sekunden ein Kind verhungern lässt. Während Alex auf Wolke 17 durch das Gonzo schwebt und Formen und Farben bewundert.

Text: Simon Jacoby

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