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Das Zürich der Zukunft

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Das rot-grün dominierte Zürich versucht trotz rasantem Wachstum in umwelt- und wohnpolitischen Themen eine Vorreiterrolle einzunehmen. Ein Überblick über die brennendsten Politikfelder.

Die grösste Stadt der Schweiz steckt mitten in grossen Herausforderungen, neue kommen laufend dazu. Im Zentrum stehen zwei Volksabstimmungen und das Bevölkerungswachstum, das Zürich wohl innert 20 Jahren zur halben Millionenstadt bringen wird. Das Stadtzürcher Stimmvolk ist wie die Regierung und das Parlament sozial und umweltfreundlich geprägt. Zum Ausdruck brachten dies auch die Abstimmungen über die 2000-Watt-Gesellschaft im Jahr 2008 und über mehr bezahlbare Wohnungen im Herbst des vergangenen Jahres. Beide Vorlagen wurden angenommen und müssen nun von der Stadt, zusammen mit der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Wohnbevölkerung, umgesetzt werden.

Tram fahren und weniger heizen

Das ehrgeizige Ziel, pro Person und pro Tag nur 2000 Watt Energie zu verbrauchen, fordert von allen Beteiligten grossen Einsatz. Dieser Wert wurde zuletzt in den 60er Jahren erreicht. Inzwischen besitzen fast ausnahmslos alle Personen ein Auto, ein Mobiltelefon, mehrere Computer und Laptops, eine Spülmaschine und viele weitere energiefressende technische Geräte. Von der verbrauchten Energie stammen 60% aus fossilen Quellen, der Rest setzt sich aus atomarer und erneuerbarer Energie zusammen. Das Problem der fossilen Energieträger besteht auf mehreren Ebenen. Einerseits sind Benzin und Heizöl endlich, das heisst nicht ewig verfügbar und andererseits ist der CO2-Ausstoss dadurch enorm. Bis im Jahr 2050 soll sich darum der CO2-Ausstoss von heute sechs auf neu eine Tonne reduzieren. Ergänzend will Zürich erreichen, dass drei Viertel der verbrauchten Energie bis 2050 aus erneuerbaren Ressourcen hergestellt wird. Privatpersonen können, so eine Stellungnahme der Stadt Zürich, mit einfachen Mitteln den heutigen Verbrauch von 6000 Watt erheblich senken. Die Stadtbevölkerung soll beispielsweise Zug und Tram fahren, weniger heizen, sowie saisonal und regional konsumieren. Dass diese Massnahmen nicht reichen werden, um den Energieverbrauch um zwei Drittel zu verringern, ist wohl allen klar. Die ETH Zürich erstellte darum ein Modell, in dem aufgezeigt wird, dass die 2000-Watt-Gesellschaft möglich ist, ohne gross zu verzichten. Nötig sind vor allem Gebäudesanierungen, leistungsfähigere Elektrogeräte und so wenige und kleine Auto in der Stadt wie möglich. Alles Massnahmen, die die Stadt selber mit neuen Auflagen und als gutes Beispiel initiieren muss.

In den vier Jahren, die seit der Abstimmung vergangen sind, hat die Stadt schon 80 Projekte gestartet, die zum Ziel beitragen werden. Trotzdem stellen sich unausweichlich zwei Fragen: Was passiert, wenn die Wohnbevölkerung das Ziel nicht erreicht, das es sich selber gesteckt hat? Und wenn es klappen sollte: Reicht die 2000-Watt-Gesellschaft? Schliesslich verzeichnet die Stadt täglich neue Bewohner, wodurch der absolute Energieverbrauch zwangsläufig stetig ansteigt.


Bald wohnt ein Drittel in günstigen Wohnungen

Lebensqualität dank Infrastruktur

Die Limmatstadt zählte per Ende 2011 390‘082 Einwohner. Doch dürfte bereits diese Zahl veraltet sein. Zürich geht bis ins Jahr 2025 von einem Bevölkerungswachstum auf bis zu 468‘200 Personen aus, wie der Sprecher der Präsidialdepartements Nat Bächtold auf Anfrage mitteilte. Ein solcher Anstieg bedeutet, dass die städtische Infrastruktur pro Jahr über 5500 neue Personen verkraften muss. Bächtold sieht das «Pflegen und Erneuern der Infrastruktur als eine Daueraufgabe der Stadt Zürich, die massgeblich zu unserer hohen Lebens- und Standortsqualität beiträgt». Die Zuzüger wollen arbeiten, essen, einkaufen und natürlich auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein. Allein im Zürcher Hauptbahnhof steigen täglich über 300‘000 Menschen ein, aus oder um. Andreas Uhl, Mediensprecher der VBZ, sieht auch für seinen Betrieb eine grosse Herausforderung. Das Angebot der Verkehrsbetriebe werde entsprechend der Nachfrage erhöht. Neue Tram- und Buslinien, grössere Fahrzeuge und eine höhere Frequenz lauten die Ziele, mit denen das deutliche Mobilitätswachstum bewältigt werden soll. Doch ist ein Ausbau der Trams und Busse nicht in Stein gemeisselt wie Uhl betont: «Viele Vorhaben sind davon abhängig, ob der Stimmbürger den Vorlagen zustimmt und ob die öffentliche Hand den nötigen Subventionsbedarf für die höheren Betriebskosten aufbringen kann». So könne es kommen, dass «die Belegungen in den Fahrzeugen höher werden und tendenziell weniger freie Sitzplätze angetroffen werden». Nicht nur die vielen neuen Bewohner und das wachsende Bedürfnis nach Mobilität, auch die Umsetzung der Stadtinitiative wird eine stärkere Verlagerung von den PKW zum ÖV bringen.

Gesucht: Günstige Wohnung

Ob all die vielen Menschen nach Zürich kommen und mit dem Züri-Tram unterwegs sind, hängt stark davon ab, wie sich der hiesige Wohnungsmarkt entwickeln wird. Nicht nur an der seit kurzem autofreien Weststrasse schiessen die Mieten in die Höhe. Bis auf wenige Ausnahmen, steigen sie in der ganzen Stadt. Nur Genossenschaften, Stiftungen und die Stadt selber stellen günstigen Wohnraum zur Verfügung. Das führt dazu, dass bei einer Wohnungsbesichtigung nicht selten eine Warteschlange in der Länge von bis zu 50 Metern entsteht. Dies kann so nicht weitergehen sagte das Zürcher Stimmvolk im November 2011 und sagte ja zum «wohnpolitischen Grundsatzartikel». Dieser besagt, dass bis spätestens im Jahr 2050 mindestens 33% der Wohnungen im Besitz der Gemeinnützigkeit sind. Bis heute werden nur 25% der Wohnungen kostendeckend vermietet. Die Mietzinsen der anderen schiessen weiter unkontrolliert nach oben. Ob das Ziel erreicht werden kann ist nicht sicher. Um es in die Tat umzusetzen, müssen entweder die Stadt oder die Genossenschaften und Stiftungen sehr viele Liegenschaften kaufen. Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin aus Zürich und wohnpolitische Expertin, ist zuversichtlich, dass dies umgesetzt werden kann, denn «Immobilien refinanzieren sich selber, da den Kaufpreisen (Kapitalkosten) Einnahmen (Mieterträge) gegenüberstehen. Das sind ja keine a fond perdu Beiträge wie beim Strassenbau wo keine monetäre Erträge gegenüberstehen». Mit dem vorhandenen Eigenkapital, günstigen Hypotheken und den Mieteinnahmen ist die Finanzierung gewährleistet. Um die letzten Lücken zu schliessen sammelt Badran im Moment Unterschriften für eine Initiative, die verhindern will, dass Häuser an den Meistbietenden verkauft werden und die ein Vorverkaufsrecht für die Gemeinden erwirken soll. Mit einem Fonds soll zudem das Bauen von gemeinnützigem Wohnungsbau gefördert werden.

 Lebensqualität dank Infrastruktur:  Der HB Zürich ist mit über 300‘000 Pendlern pro Tag der grösste Bahnhof der Schweiz

Radikales Umdenken

Wie Zürich im Jahr 2050 aussehen wird, steht noch in den Sternen. Die meisten der offiziellen Prognosen reichen nur bis in die Mitte der kommenden 20er Jahre. Aufgrund der Annahmen, die heute getroffen werden können, fallen die Spekulationen nicht gerade rosig aus. Die 2000-Watt-Gesellschaft wird nicht erreichbar sein, wenn im gleichen Tempo weitergemacht wird. Die Stadt Zürich, aber auch alle darin wohnhaften Personen müssen radikal umdenken, was zu einem kurzen Anstieg der Kosten für Energie und Geräte führen wird. Investitionen zahlen sich innert weniger Jahre aus. Die halbe Million Menschen, die 2050 zu einem Drittel in günstigen Wohnungen in Zürich leben wird, trifft nur dann die heutige hohe Lebensqualität an, wenn die Stadt ihre ehrgeizigen Ziele umsetzen kann.

Text: Simon Jacoby

Hmm, was gibt es da zu sagen? Ich schreibe und lese wahnsinnig gerne. Vor allem Politik und Gesellschaft und Kultur und YOLO interessieren mich sehr fest. Auch Häschtägs mag ich.