Home Rubrik Politik Das letzte Duell ist da: Es geht um Grundsätzliches

Das letzte Duell ist da: Es geht um Grundsätzliches

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Peter Werder

Das ist unser letztes Duell, Herr Jacoby. Ich werde Ihre naive Sicht auf die Welt sicher vermissen. Auch im Gemeinderat in Adliswil sehen wir uns nicht mehr, da sie umgezogen sind. Wir hätten es in den vier gemeinsamen Jahren – auf der entgegengesetzten politischen Seite – fast einmal zu einem gemeinsamen Vorstoss gebracht. Sie erinnern sich?

Simon Jacoby

Ja, da fühlte ich mich Ihnen mehr verbunden als meiner Fraktion, die das Kiffen nicht liberalisieren wollte… Schade, dass es nicht geklappt hat. Es war das einzige Mal, wo Sie auf der richtigen Seite gestimmt hätten.

Peter Werder

Kann ich nachvollziehen, dass Sie das so sehen. Wenn es um Eigenverantwortung oder eine tiefere Staatsquote, um tiefere Gebühren oder Steuern geht, also um wichtige liberale Themen, da bekommen Sie ein ganz fest schlechtes Gewissen, gäll. Aber sagen Sie mal: Wenn Sie zum Schluss Ihre politischen Positionen auf den Punkt bringen müssten, wie würde das klingen?

Simon Jacoby

Ich habe nur ein schlechtes Gewissen, wenn ich es unversucht lasse, für möglichst alle die gleichen und besten Chancen zu erreichen. Meine politischen Positionen lassen sich mit einem Wort beschreiben: vernünftig. Sprich: staatskritisch, gesellschaftlich liberal und extrem kritisch gegenüber allen, die Gewinne auf dem Buckel ihrer Angestellten machen. Zudem – und das ist heute nicht ganz unwichtig:

Ich freue mich über jede Einwandererin und will, dass sie sich bei uns willkommen fühlt.

Peter Werder

Klingt gut, mindestens am Anfang: Ich bin auch staatskritisch und liberal (nicht nur gesellschaftlich). Das mit den Gewinnen haben Sie wohl einfach ökonomisch noch nicht verstanden. Wenn Sie keine Gewinne machen, können Sie nicht investieren. Dann sind irgendwann die Maschinen alt, Sie machen kein Business mehr, und dann müssen Sie die Angestellten entlasten. Wenn Sie keine Gewinne machen, können Sie, um zu investieren, kein Geld aufnehmen und dafür Zinsen zahlen. Bevor ich zu den Einwanderern komme: Ist das verständlich, hat das vielleicht etwas in Ihrem staubigen Klassenkampf-Bilderbüechli-Denken bewegt?

Simon Jacoby

Staubig? Kapitalismuskritik ist heute so sexy wie noch nie zuvor. Ich bin nicht gegen Gewinne an sich – das mit dem Investieren macht durchaus Sinn. Aber nehmen wir das Beispiel Apple (Schweizer Unternehmen wie Glencore usw. sind da genau gleich): Die Arbeiterschaft in den chinesischen Fabriken wird ausgebeutet. Da gibt es nicht wirklich Unterschiede zu den Sklaven von früher. Während Apple wie im letzten Quartal 5,5 Milliarden Franken Gewinn macht, schuften sich die iPhone-Bastler zu Tode. Das nervt mich. Gewinne dürfen nicht auf dem Buckel der Arbeiter erzielt werden, sie haben ein Recht auf anständige Löhne.

Peter Werder

Ja, die Löhne und vor allem die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Einverstanden.

Das sollten die Unternehmen verbessern. Auch wenn hohe Gewinne Arbeitsplätze sichern, und auch wenn höhere Löhne zu höheren Verkaufspreisen führen, die sie dann kaum bezahlen werden. Kapitalismuskritik – da gehen wir einig – ist wichtig, nur das bringt den Kapitalismus weiter. Es nützt aber nichts, wenn Sie an den Grundwerten wie Wettbewerb oder Eigenverantwortung schrauben, sondern an der konkreten Umsetzung. Das macht das ganze System besser. Und auch das nur dann, wenn es innerhalb des Systems – mit Anreizen – passiert.

Die Sozialisten sind ja auch nicht mehr gegen Lohnarbeit, sondern für höhere Löhne. Also akzeptieren Sie mittlerweile das System.

Simon Jacoby

Nein, das System ist falsch. Ein System, in dem Gutmensch ein Schimpfwort ist, ist ein Arschloch. Geld regiert unsere Welt. Es bestimmt, wann wir aufstehen, was wir essen, wie wir uns kleiden und wo wir uns die Körperhaare rasieren.

Peter Werder

Ich hab für meine Rasur noch nie Geld bekommen. Und bitte verschonen Sie mich mit Details, wo Sie sich rasieren, sollte man das nicht von weitem sehen.

Da wären wir bei den Einwanderern. Ein beliebtes Thema auf Ihrer Seite – man ist so ein Gutmensch, wenn man alle willkommen heisst. Und niemand ist ein Rassist. Logo.

Menschen, die in die Schweiz kommen, weil wir hier ihre Arbeitskraft brauchen: Sind die auch willkommen? Das wäre ja dann eine Art Kapitalismus, ein Teil des Wettbewerbs. Freier Personenverkehr nicht aus Humanität, sondern als Konsequenz des Kapitalismus.

Simon Jacoby

Ja, auch Einwanderer, die hierher kommen, um zu arbeiten, sind willkommen. Warum denn nicht?

Sie können ja nichts dafür, dass es hier so läuft. Wichtig ist einzig, dass wir diese Fremden nicht als Arbeitskräfte sondern als Menschen sehen. Sie wissen, auf welches Zitat ich anspiele?

Peter Werder

Ich mag dieses polit-intellektuelle Getue von Schriftstellern nicht, auch wenn sie Max Frisch heissen. Es behauptet niemand, dass Arbeitskräfte keine Menschen seien. Aber gerufen hat man Arbeitskräfte. Was ist schlimm daran? Sie stellen auch Grafiker oder Texter an, von denen Sie eine Leistung erwarten, für die Sie sie bezahlen – und nicht einfach Menschen, denen Sie ein bisschen Geld geben, weil sie – huiiiiiii – einfach nur nette Menschen sind.

Simon Jacoby

Ich will gar niemandem Geld geben und ich will auch kein Geld von irgendjemandem. Das Problem ist, dass ich aber Geld brauche. Sehen Sie, worauf es hin läuft? Ich lebe in einem System, das ich doof finde. Sie finden es gut. Darum finden wir uns leider nicht.

Peter Werder

Es gibt keine Freiheit, das System zu verlassen? Meinen Sie das?

Simon Jacoby

Ja, weil der bürgerliche Staat, den Sie auch gerne liberal nennen, leider jede kleinste Freiheit (ausser die des Konsumenten) im Keim erstickt.

Peter Werder

Und wie lautet Ihre denkbare Alternative?

Simon Jacoby

Haha, Sie sind lustig. Und da haben Sie einen Punkt. Ich habe da auch keine Lösung. Das müssen wir zusammen entwickeln. Erste Schritte würden sicher in etwa so aussehen: Wirtschaft demokratisieren, Banken verstaatlichen – ebenso Immobilien usw… Wobei ich mit diesem Staat dann nicht den heutigen Lahmarsch-Staat meine, sondern etwas Neues und Dynamisches.

Peter Werder

Ihre Traumwelt ist eine Diktatur von wenigen, die sich im Staat das Recht herausnehmen zu entscheiden, was richtig und falsch ist – auch wenn Sie das mit Ihrem Nachsatz ausschliessen wollen. Alle Erfahrungen haben gezeigt, dass das nicht funktioniert – die Menschen fliehen aus solchen Systemen. Meine Realwelt ist eine Diktatur der Mehrheit. Das ist mir immer noch lieber.

Wissen Sie was, ich habe eine ganz andere Vermutung.

Simon Jacoby

Ich will gar keine Diktatur, sondern alles basisdemokratisch. So wie bei den linken und autonomen Bewegungen: Occupy Wallstreet beispielsweise. Aber ja, was ist Ihre Vermutung?

Peter Werder

Sie sind einfach faul und stellen sich dem Wettbewerb nicht.

Simon Jacoby

Oh doch. ich stelle mich nicht nur dem Wettbewerb, ich will ihn sogar auch noch bekämpfen. Ich wurde noch nicht weichgespült.

Peter Werder

Bekämpfen Sie nicht den Wettbewerb, akzeptieren Sie ihn – akzeptieren Sie das System und lernen Sie, damit Gutes zu tun, ganz nach der Gelassenheitsdefinition von Niebuhr: (Jetzt kommt mal ein Zitat von mir – sogar eines von einem Pfarrer) „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ich bin nicht gläubig, ich bin einfach ein Verfechter der Gelassenheit. Vielleicht sollten Sie ab und zu eins kiffen?

Simon Jacoby

Dieses Angebot nehme ich gerne an. Im Sommer lade ich Sie ein auf eine schöne Wiese. Wir liegen in den Blumen, hören Manu Chao, legen die Köpfe auf unsere Bücher von Jean Ziegler und rauchen einen Joint und dippen im MDMA.

Dann haben wir uns sicher ganz lieb.

Peter Werder

Wenn ich auf Drogen wäre, wäre ich wohl auch in Ihrer Partei.

 

Dies ist (vorläufig?) das letzte Duell. In den vergangenen zwei Jahren sind hier gehörig die Fetzen geflogen. Es hat Spass gemacht. dieperspektive bedankt sich bei Peter Werder für die spitzen Worte und wünscht ihm für die Kantonsratswahlen alles Gute.

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