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Das Leben eines tot geglaubten Industrieareals

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Graffiti, Ruinen, schräge Fetische und unermüdliche Natur. Wir haben eine Industrieruine in Zürich besucht und waren erstaunt, welch unterschiedliche Welten dort aufeinandertreffen. Eine Bild-Reportage über den Verfall einer alten Spinnerei und deren neues Innenleben.

Ein hoher Zaun soll das Areal von unerwünschten Besuchern frei halten. Doch auch der Zaun ist schon in die Jahre gekommen. Die Gebäude sind verlassen. Man hört die eigenen Schritte an den Wänden widerhallen. Überall liegen Ziegelsteine und Metallteile. Viele Eingänge sind zugeschüttet, Decken eingestürzt und überall liegen verkohlte Holzbalken. Wir gehen vorsichtig um die Ecken und versuchen, nicht zu viel Lärm zu machen. Beim kleinsten Geräusch bleiben wir wie angewurzelt stehen. Der feuchte Modergeruch begleitet uns auf Schritt und Tritt. Erst eine halbe Stunde zuvor sind wir in Bülach aus der S-Bahn gestiegen und haben uns auf den Weg zum ehemaligen Industriegelände gemacht. Das ist längst vergessen. Die Zeit im Innern dieser Gebäude scheint nicht nach dem Diktat unseren Uhren zu laufen. Hier regieren seit über dreissig Jahren die Naturgewalten über Mauern und Maschinen.

1982 wurde die ehemalige Spinnerei geschlossen und es begann ein Tauziehen zwischen Denkmalschutz und dem Besitzer. Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte. Dieses Sprichwort trifft auch im Fall der alten Spinnerei zu. Sprayer, Künstler und dubiose Gestalten haben in den alten Gemäuern Spuren hinterlassen. Viel Abfall und unzählige Graffiti sind zwischen den Artefakten der Spinnerei zu finden. In einer besonders dunklen Halle stossen wir auf einen Altar aus Brettern sowie mehreren Sitzreihen unter einem hausähnlichen Konstrukt. Die zusammengeflickten Holzobjekte ergeben eine Art Kirche. Vor dem Altar finden wir einen Stuhl mit einem beschriebenen Dokument. Es sind Anweisungen eines Fetischisten, wie er erniedrigt werden will. Schwierig, sich auszumalen was sich hier für Szenen abgespielt haben. In einer anderen Halle riechen wir frische Farbe. Hier muss vor wenigen Tagen oder sogar Stunden ein Graffito entstanden sein.

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Trotz dem vielen Dreck und der Angst vor Einstürzen wandern wir gebannt durch die Hallen. Hier werden wir Zeuge der alten Schweizer Textilindustrie. Erleben die Spuren des Vandalismus. Sehen Requisiten von Okkultismus und begreifen, was die Natur in dreissig Jahren mit einem Gebäude anstellen kann. Ein Denkmal mit vielen Gesichtern.

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Habe Publizistik studiert und interessiere mich für die verschiedene journalistische Formen. Bei dieperspektive bin ich als Redaktor tätig und kümmere mich um die Verlagsarbeit. Im Zeitalter der Überinformation überlege ich mir bei jedem Satz zweimal, ob er sich zu sagen lohnt.

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