Home Rubrik Das Duell: Hat man früher mehr gewagt?

Das Duell: Hat man früher mehr gewagt?

    0

    Peter Werder

    Sie reden in Ihrem Heftli über die Angst vor dem Scheitern. Ich finde: Das ist schlimmer geworden. Früher hat man mehr gewagt. Heute will man sich auf alle Seiten absichern.

    Conradin Zellweger

    Das stimmt nicht ganz. Schauen sie mal, wie heute Start-Ups aus dem Boden sprissen. Das ist doch nur möglich, weil wir uns mittlerweile wagen, unsere eigenen Ideen und Projekte umzusetzen.

    Peter Werder

    Dass es noch Start-Ups gibt, ist toll – aber es wird für Jungunternehmer immer schwieriger, weil es immer mehr Vorschriften gibt. Das führt zu mehr Kosten, mehr Risiko, gegen die Vorschriften zu verstossen, was wiederum höhere Ansprüche an alle Beteiligten stellt. Fehler passieren aber immer. Das gehört zum Leben.

    Conradin Zellweger

    Sie finden jetzt wahrscheinlich, dass der Staat uns ganz unserem Schicksal überlassen soll?

    Peter Werder

    Wir haben eine Anspruchshaltung entwickelt, dass uns der Staat vor allen Gefahren schützen soll. Ein Beispiel: Eine ausrangierte Dampflokomotive, die seit 30 Jahren auf einem Spielplatz in Adliswil steht, muss verschwinden – weil Beamte rausgefunden haben, dass es zu gefährlich ist, darauf zu spielen. Sollte tatsächlich etwas passieren, gäbe es mit Sicherheit besorgte Eltern, welche nach Verantwortlichen suchen würden. Wir erwarten immer mehr Schutz vom Staat, und je höher dieser Anspruch wird, desto höher ist auch das Risiko, dass etwas passiert. Umso mehr sichern sich Beamte ab. Ein Teufelskreis. Da sollten wir mal einen Marschhalt einlegen.

    Conradin Zellweger

    Schade. Solche Eingriffe von Beamten finde ich auch unnötig. Aber um das geht es Ihnen doch gar nicht. Sie wollen die Sozialleistungen kürzen!  Ginge es nach Ihnen, wäre der Spielplatz privatisiert und würde Eintritt kosten. Bei Unfällen würde der Spielplatzbetreiber keine Haftung tragen.
    Zum Glück haben wir nicht die gleiche Rechtslage wie in den USA. Dort getrauen sich die Leute nicht einmal mehr eine Person wiederzubeleben, weil sie danach für gebrochene Rippen verklagt werden können… Abstrus, nicht wahr?

    Peter Werder

    Genau. Aber das ist genau die Folge von solchem Staatsinterventionismus.

    Conradin Zellweger

    Die USA haben auch ein sehr liberales Rechtssystem… Das hat genau null mit Staatsinterventionismus zu tun.

    Peter Werder

    Der Staat reguliert, damit nichts passiert – wie in den USA. Das ist nicht liberal, wie es unser Land kennt – worauf unser System baut. Das ist US-liberal. Das ist kommunistisch. Die USA waren einst ein freiheitliches Land mit Mut zum Scheitern. Mut bedeutet immer überwundene Angst. Das gehört zusammen. Vom Mut ist nicht viel geblieben, ausser eine Gesellschaft, die sich überall absichert und gleich nach Schadenersatz schreit. Und wir sind auf einem ähnlichen Weg.

    Conradin Zellweger

    Haha. Die USA kommunistisch! Dort kann doch jeder soviele Maschinengewehre besitzen wie er will, respektive wie er sich leisten kann. Wir haben offensichtlich ein ganz unterschiedliches Verständnis vom amerikanischen Liberalismus. Und nicht, dass sie mich falsch verstehen – ich bin auch gegen die vielen pingeligen Gesetze. Klar gehören Fehler zum Leben. Ich glaube es ist heute einfacher in Würde zu scheitern als je. Heute kriegen Sie zumindest noch Sozialhilfe und verhungern nicht gleich, wenn Ihr kleines Restaurant eingeht oder Sie an der Börse alles Geld verlieren.

    Peter Werder

    Das ist doch genau das Problem! Erstens unternimmt der Staat alles, damit ich nicht scheitere – und wenn ich scheitere, dann fängt mich ein Netz aus Plüsch und Verständnis auf. Das fängt schon in der Schule an. Und führt bis zum Sozialsystem.

    Conradin Zellweger

    Im Gegenteil! Sie haben ja alle persönlichen Freiheiten um zu Scheitern. Nennen Sie mir etwas, dass Sie wegen dem bösen Staat nicht machen können. Aber wenn sie wirklich scheitern, dann werden sie zum Glück aufgefangen. Das macht uns doch nicht ängstlicher. Das gibt doch Mut, trotzt Risiko etwas auszuprobieren.

    Peter Werder

    Genau das stimmt nicht. Menschen macht man nicht mutig, indem man ihnen die Konsequenzen ihres Handelns abnimmt, sondern indem man sie befähigt, mit der Angst vor diesen Konsequenzen umzugehen. Sie meinen, wir seien frei und der Staat rede uns nicht rein? Bauen Sie mal ein Haus, oder bauen Sie in einem bestehenden Haus eine Wohnung aus. Eröffnen Sie eine Kinderkrippe, oder stellen Sie ein Tischchen mit zwei Stühlen vor einem Kiosk auf. Versuchen Sie, Taxifahrer zu werden. Dann werden Sie erleben, wie präsent der Staat ist. Es ist überreglementiert, wo man hinsieht, damit wir nicht scheitern. Und Sie merken das nicht??

    Conradin Zellweger

    Konnte mir leider noch kein Haus leisten… Aber zum Beispiel die  Reglementierungen in der Gastronomie  finde ich auch völlig abstrus. Diese Regel mit Lüftungen et cetera. Das dient doch nur dazu, dass die grossen Gastro-Multis keine Konkurenz bekommen. Bringen tut das ganz und gar nichts. Beim Taxifahren ebenfalls. Wenn Sie mit Uber fahren wollen, nur zu. Ich will sie als Letzter davon abhalten.

    Peter Werder

    Ich fahre seit Wochen nur noch mit Uber, weil ich hoffe, damit einen kleinen Beitrag zur Aufhebung der Regulierung leisten zu können. Und weils bequemer und billiger ist. Und weil die bei Uber alle nett sind.

    Lustig – dass Sie all die Regulierungsbeispiele doof finden und trotzdem ein Sozi sind. Wo ist Ihre soziale Ader? Wo ist das schlechte Gewissen? Wo ist die Idee der staatlich gemachten Gleichheit? Sie müssten doch Feuer und Flamme sein, wenn der Staat uns vor dem Scheitern bewahrt, weil sich die Menschen grundsätzlich nicht selber wehren können (ausser, sie verdienen viel Geld)?

    Conradin Zellweger

    Herr Werder,  es ist ja nicht so, dass ich jedem Aussteiger hinterherlaufen würde und ihm Geld für sein Schrebergärtli geben will. Aber es gibt nunmal Personen, die können nicht genug Geld für Ihren Lebensunterhalt verdienen. Was wollen Sie mit diesen Menschen machen? Für Sie heisst Aufhebung der Regulierung immer auch gliech Abschwächung des Sozialstaats. Das ist Humbug. Diese Zwei Dinge muss man getrennt betrachten. Bünzli-Vorschriften: I dislike. Sozialleistungen: I Like. So schauts bei mir aus.

    Peter Werder

    Ihre Gesinnungsgenossen sehen das etwas anders. Schauen Sie sich nur mal die Regulierung im Umfeld von Billag und Service Public an. Weil wir mittlerweile gezwungen werden, die SRG zu finanzieren, braucht es peinlichst genaue Vorschriften darüber, wie der Online-Auftritt unseres Staatssenders aussehen darf.

    Conradin Zellweger

    Dieses Beispiel ist gut. Die Bevölkerung hat sich für die Billag ausgesprochen. Damit die SRG aber mit ihrem subventionierten Angebot das privatwirtschaftliche Angebot nicht konkurenziert, waren diese «peinlichst» genauen Vorschriften notwendig. Das sollte Sie doch freuen, wenn ein Staatsbetrieb im Zaum gehalten wird und mehr Platz für private Medienhäuser bleibt..

    Peter Werder

    Das sind Bünzli-Vorschriften! Und der Sozialstaat ist da besonders auffällig, weil Geld umverteilt wird. Da ist Missbrauch naheliegend. Befürworter wie Sie hinterfragen viel zu wenig, ob den Sozialhilfebezügern mehr Eigenverantwortung zugemutet werden könnte. Aber – und da finden wir uns wohl: Es gibt Menschen, die zur Eigenverantwortung nicht befähigt wurden und nicht befähigt werden können, und denen müssen wir helfen.

    Habe Publizistik studiert und interessiere mich für die verschiedene journalistische Formen. Bei dieperspektive bin ich als Redaktor tätig und kümmere mich um die Verlagsarbeit. Im Zeitalter der Überinformation überlege ich mir bei jedem Satz zweimal, ob er sich zu sagen lohnt.