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«Bei diesem Business wollte ich nicht mehr mitmachen»

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Raffael Gasparini kommt aus der Snowboard-, Skate-, Surfbranche: Er war Einkäufer in Trendläden. Als er die Machenschaften der Textil-branche und Grosskonzernen zu hinterfragen begann, konnte er nicht mehr anders als auszusteigen. Vor sechs Jahren eröffnete Raffael seinen eigenen Kleiderladen « auras fair & style store ». Das Konzept: alle Kleider müssen nachhaltig sein.

dieperspektive: Warum hast du einen nachhaltigen Kleiderladen gegründet?
Raffael Gasparini:
 Früher als Einkäufer für Trendstores habe ich Kleider ausgepackt, und mir begannen die Augen zu Tränen vor lauter Giftstoffen. Manchmal waren die Shirts noch feucht und man musste die Mittel mehrere Tage verdampfen lassen. Ich dachte mir, das kann doch nicht sein. Die Textilindustrie richtet viel Leid an. Extrem viele Bauern erkranken schwer an allen diesen Giften. Nach zehn bis fünfzehn Jahre sind die Anbaugebiete so verseucht, dass die Firmen die Länder verlassen. Bei diesem Business wollte ich nicht mehr mitmachen.

Du bezeichnest dich als Pionier der fairen und modischen Bekleidung in der Schweiz. 

Wir waren der erste Fashion Trend-Laden, der 100 Prozent nachhaltig ist. Vorher gab es Läden wie Claro und so weiter – diese Kleider waren aber auch optisch öko.. Unsere Idee war es, Kleider zu verkaufen, die nicht nach Bio aussehen. Vor knapp sechs Jahren als ich den Laden eröffnete fand ich nicht einmal genügend Kleider, die unseren Kriterien entsprachen. Der Laden war halb leer.

Hast du damit auch einen aufkommenden Trend bedient?
Anfangs dachte ich, in einem Jahr machen das alle Brands. Darum wollte ich sofort eröffnen, um nicht zu spät zu sein. Damals glaubte ich, in ein paar Jahren gibt es nur noch nachhaltige Produkte. Das war eine grobe Fehleinschätzung. Langsam beginnt das Interesse an faire Textilien zu steigen. Es ist nicht so, dass wir schon viel Gewinn machen – seit einem Jahr lebe ich immerhin am Existenzminimum. Die fünf Jahre davor war ich drunter.

Biologisches und regionales Essen ist schon längst verbreitet. Bei der Bekleidung hingegen gibt es wenige Produkte von grossen Anbietern. Woran liegt es, dass die Leute sich nicht besonders darum kümmern, wie fair ihre T-Shirts sind?
Ich glaube viele Menschen sind da etwas egoistisch. Beim Essen betrifft uns Bio persönlich. Wir bezahlen etwas mehr, um keine Giftstoffe zu essen. Die Gesundheit der Bauern und die Umwelt sind dabei zweitrangig. Viele denken Textilien, die mit Pestiziden produziert wurden, schaden uns als Person nicht. Das ist aber falsch. Da besteht ein Mangel an Information.

Was genau verstehst du unter fairer Bekleidung?
Wir verkaufen auch recyclete Mode, dort sind die Ursprungs-Stoffe dann zum Teil nicht Bio, aber nachhaltig ist das Produkt trotzdem. Ich habe fünf transparente Kriterien für meinen Store. Alle unsere Produkte müssen eines dieser Kriterien erfüllen, wobei mittlerweile 95 Prozent der Kleider das Kriterium Bio erfüllen. Aber konkret: Unsere Produkte sind Fairtrade, Recycling, Marken die an soziale Projekte gekoppelt sind, Seconhand und eben Bio.

Wir kaufen in der Schweiz Kleider von internationalen Marken, welche zu Bedingungen produzieren, die in der Schweiz nicht erlaubt sind wie Kinderarbeit und Umweltvergehen. Müsste man da eine gesetzliche Grundlage schaffen, damit solche Produkte nicht mehr verkauft werden dürfen?
Das finde ich eine super Idee. Beispielsweise könnte man den Zoll auf zertifizierte Produkte aufheben. Aber es geschieht genau das Gegenteil. Das ist doch absurd. Aber der Filz verdient nun mal an den Entwicklungsländern. Darum passiert gar nichts.

Nike plant gemäss ihrem Report eine nachhaltige Firma zu werden. Was hältst du davon, wenn sich grosse Unternehmen, die jahrelang wegen schlechten Arbeitsbedingungen in den Schlagzeilen waren, sich plötzlich öko und sozial geben?
Diese Unternehmen funktionieren nur nach Profit. Wenn sie nachziehen mit der fairen und nachhaltigen Produktion, dann begrüsse ich es natürlich. Mir geht es um die Sache. Was jedoch wirklich schade wäre, wenn uns die Grossen dann die Ressourcen wegnehmen. Denn das Angebot an fairen und biologischen Rohstoffen ist ja noch immer sehr beschränkt. Für alle kleinen und nachhaltigen Läden wäre das ein Horrorszenario.

Wie lautet deine Prognose für die nächsten fünf Jahre bezüglich fairer Bekleidung in der Schweiz?
Ich glaube, es entwickelt sich eine stabile Kundschaft für diese Produkte. Die Einsicht wird kommen, aber das braucht seine Zeit.

Hast du weitere Pläne mit deinem Laden?
Ich eröffne möglichst bald einen Online-Shop. Auch wenn mir das von der Philosophie her etwas widerstrebt. Aber hey, ich habe dafür extra ein Firmenkonto bei einer nachhaltigen Bank gemacht, sowie einen Hoster gefunden, der seine Server mit Solarstrom betreibt.

Habe Publizistik studiert und interessiere mich für die verschiedene journalistische Formen. Bei dieperspektive bin ich als Redaktor tätig und kümmere mich um die Verlagsarbeit. Im Zeitalter der Überinformation überlege ich mir bei jedem Satz zweimal, ob er sich zu sagen lohnt.

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