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dieperspektive

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Peter Werder

Das ist unser letztes Duell, Herr Jacoby. Ich werde Ihre naive Sicht auf die Welt sicher vermissen. Auch im Gemeinderat in Adliswil sehen wir uns nicht mehr, da sie umgezogen sind. Wir hätten es in den vier gemeinsamen Jahren – auf der entgegengesetzten politischen Seite – fast einmal zu einem gemeinsamen Vorstoss gebracht. Sie erinnern sich?

Simon Jacoby

Ja, da fühlte ich mich Ihnen mehr verbunden als meiner Fraktion, die das Kiffen nicht liberalisieren wollte… Schade, dass es nicht geklappt hat. Es war das einzige Mal, wo Sie auf der richtigen Seite gestimmt hätten.

Peter Werder

Kann ich nachvollziehen, dass Sie das so sehen. Wenn es um Eigenverantwortung oder eine tiefere Staatsquote, um tiefere Gebühren oder Steuern geht, also um wichtige liberale Themen, da bekommen Sie ein ganz fest schlechtes Gewissen, gäll. Aber sagen Sie mal: Wenn Sie zum Schluss Ihre politischen Positionen auf den Punkt bringen müssten, wie würde das klingen?

Simon Jacoby

Ich habe nur ein schlechtes Gewissen, wenn ich es unversucht lasse, für möglichst alle die gleichen und besten Chancen zu erreichen. Meine politischen Positionen lassen sich mit einem Wort beschreiben: vernünftig. Sprich: staatskritisch, gesellschaftlich liberal und extrem kritisch gegenüber allen, die Gewinne auf dem Buckel ihrer Angestellten machen. Zudem – und das ist heute nicht ganz unwichtig:

Ich freue mich über jede Einwandererin und will, dass sie sich bei uns willkommen fühlt.

Peter Werder

Klingt gut, mindestens am Anfang: Ich bin auch staatskritisch und liberal (nicht nur gesellschaftlich). Das mit den Gewinnen haben Sie wohl einfach ökonomisch noch nicht verstanden. Wenn Sie keine Gewinne machen, können Sie nicht investieren. Dann sind irgendwann die Maschinen alt, Sie machen kein Business mehr, und dann müssen Sie die Angestellten entlasten. Wenn Sie keine Gewinne machen, können Sie, um zu investieren, kein Geld aufnehmen und dafür Zinsen zahlen. Bevor ich zu den Einwanderern komme: Ist das verständlich, hat das vielleicht etwas in Ihrem staubigen Klassenkampf-Bilderbüechli-Denken bewegt?

Simon Jacoby

Staubig? Kapitalismuskritik ist heute so sexy wie noch nie zuvor. Ich bin nicht gegen Gewinne an sich – das mit dem Investieren macht durchaus Sinn. Aber nehmen wir das Beispiel Apple (Schweizer Unternehmen wie Glencore usw. sind da genau gleich): Die Arbeiterschaft in den chinesischen Fabriken wird ausgebeutet. Da gibt es nicht wirklich Unterschiede zu den Sklaven von früher. Während Apple wie im letzten Quartal 5,5 Milliarden Franken Gewinn macht, schuften sich die iPhone-Bastler zu Tode. Das nervt mich. Gewinne dürfen nicht auf dem Buckel der Arbeiter erzielt werden, sie haben ein Recht auf anständige Löhne.

Peter Werder

Ja, die Löhne und vor allem die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Einverstanden.

Das sollten die Unternehmen verbessern. Auch wenn hohe Gewinne Arbeitsplätze sichern, und auch wenn höhere Löhne zu höheren Verkaufspreisen führen, die sie dann kaum bezahlen werden. Kapitalismuskritik – da gehen wir einig – ist wichtig, nur das bringt den Kapitalismus weiter. Es nützt aber nichts, wenn Sie an den Grundwerten wie Wettbewerb oder Eigenverantwortung schrauben, sondern an der konkreten Umsetzung. Das macht das ganze System besser. Und auch das nur dann, wenn es innerhalb des Systems – mit Anreizen – passiert.

Die Sozialisten sind ja auch nicht mehr gegen Lohnarbeit, sondern für höhere Löhne. Also akzeptieren Sie mittlerweile das System.

Simon Jacoby

Nein, das System ist falsch. Ein System, in dem Gutmensch ein Schimpfwort ist, ist ein Arschloch. Geld regiert unsere Welt. Es bestimmt, wann wir aufstehen, was wir essen, wie wir uns kleiden und wo wir uns die Körperhaare rasieren.

Peter Werder

Ich hab für meine Rasur noch nie Geld bekommen. Und bitte verschonen Sie mich mit Details, wo Sie sich rasieren, sollte man das nicht von weitem sehen.

Da wären wir bei den Einwanderern. Ein beliebtes Thema auf Ihrer Seite – man ist so ein Gutmensch, wenn man alle willkommen heisst. Und niemand ist ein Rassist. Logo.

Menschen, die in die Schweiz kommen, weil wir hier ihre Arbeitskraft brauchen: Sind die auch willkommen? Das wäre ja dann eine Art Kapitalismus, ein Teil des Wettbewerbs. Freier Personenverkehr nicht aus Humanität, sondern als Konsequenz des Kapitalismus.

Simon Jacoby

Ja, auch Einwanderer, die hierher kommen, um zu arbeiten, sind willkommen. Warum denn nicht?

Sie können ja nichts dafür, dass es hier so läuft. Wichtig ist einzig, dass wir diese Fremden nicht als Arbeitskräfte sondern als Menschen sehen. Sie wissen, auf welches Zitat ich anspiele?

Peter Werder

Ich mag dieses polit-intellektuelle Getue von Schriftstellern nicht, auch wenn sie Max Frisch heissen. Es behauptet niemand, dass Arbeitskräfte keine Menschen seien. Aber gerufen hat man Arbeitskräfte. Was ist schlimm daran? Sie stellen auch Grafiker oder Texter an, von denen Sie eine Leistung erwarten, für die Sie sie bezahlen – und nicht einfach Menschen, denen Sie ein bisschen Geld geben, weil sie – huiiiiiii – einfach nur nette Menschen sind.

Simon Jacoby

Ich will gar niemandem Geld geben und ich will auch kein Geld von irgendjemandem. Das Problem ist, dass ich aber Geld brauche. Sehen Sie, worauf es hin läuft? Ich lebe in einem System, das ich doof finde. Sie finden es gut. Darum finden wir uns leider nicht.

Peter Werder

Es gibt keine Freiheit, das System zu verlassen? Meinen Sie das?

Simon Jacoby

Ja, weil der bürgerliche Staat, den Sie auch gerne liberal nennen, leider jede kleinste Freiheit (ausser die des Konsumenten) im Keim erstickt.

Peter Werder

Und wie lautet Ihre denkbare Alternative?

Simon Jacoby

Haha, Sie sind lustig. Und da haben Sie einen Punkt. Ich habe da auch keine Lösung. Das müssen wir zusammen entwickeln. Erste Schritte würden sicher in etwa so aussehen: Wirtschaft demokratisieren, Banken verstaatlichen – ebenso Immobilien usw… Wobei ich mit diesem Staat dann nicht den heutigen Lahmarsch-Staat meine, sondern etwas Neues und Dynamisches.

Peter Werder

Ihre Traumwelt ist eine Diktatur von wenigen, die sich im Staat das Recht herausnehmen zu entscheiden, was richtig und falsch ist – auch wenn Sie das mit Ihrem Nachsatz ausschliessen wollen. Alle Erfahrungen haben gezeigt, dass das nicht funktioniert – die Menschen fliehen aus solchen Systemen. Meine Realwelt ist eine Diktatur der Mehrheit. Das ist mir immer noch lieber.

Wissen Sie was, ich habe eine ganz andere Vermutung.

Simon Jacoby

Ich will gar keine Diktatur, sondern alles basisdemokratisch. So wie bei den linken und autonomen Bewegungen: Occupy Wallstreet beispielsweise. Aber ja, was ist Ihre Vermutung?

Peter Werder

Sie sind einfach faul und stellen sich dem Wettbewerb nicht.

Simon Jacoby

Oh doch. ich stelle mich nicht nur dem Wettbewerb, ich will ihn sogar auch noch bekämpfen. Ich wurde noch nicht weichgespült.

Peter Werder

Bekämpfen Sie nicht den Wettbewerb, akzeptieren Sie ihn – akzeptieren Sie das System und lernen Sie, damit Gutes zu tun, ganz nach der Gelassenheitsdefinition von Niebuhr: (Jetzt kommt mal ein Zitat von mir – sogar eines von einem Pfarrer) „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ich bin nicht gläubig, ich bin einfach ein Verfechter der Gelassenheit. Vielleicht sollten Sie ab und zu eins kiffen?

Simon Jacoby

Dieses Angebot nehme ich gerne an. Im Sommer lade ich Sie ein auf eine schöne Wiese. Wir liegen in den Blumen, hören Manu Chao, legen die Köpfe auf unsere Bücher von Jean Ziegler und rauchen einen Joint und dippen im MDMA.

Dann haben wir uns sicher ganz lieb.

Peter Werder

Wenn ich auf Drogen wäre, wäre ich wohl auch in Ihrer Partei.

 

Dies ist (vorläufig?) das letzte Duell. In den vergangenen zwei Jahren sind hier gehörig die Fetzen geflogen. Es hat Spass gemacht. dieperspektive bedankt sich bei Peter Werder für die spitzen Worte und wünscht ihm für die Kantonsratswahlen alles Gute.

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Vorab eine (polemische) Kurzcharakteristik der mittelalterlichen Theologie: Der Mensch wird als ein Geschöpf Gottes angesehen. Als Wahrheit wird allein anerkannt, was im Buch der Offenbarung steht, und was die Herde tun soll, wird vom Hirte bestimmt. Jegliches selbständige Denken, Erkennen und Handeln wird geächtet und mit dem Scheiterhaufen bestraft (Kopernikus und Galilei konnten diesem Schicksal zwar geschickt entkommen, Giordano Bruno hingegen musste für sein selbständiges Streben nach Erkenntnis mit seinem Leben bezahlen.). Kurz gefasst: Das selbständige Erkennen der Wahrheit und die Entwicklung der menschlichen Individualität sind des Teufels.

Gut, dass wir das Mittelalter hinter uns haben! Wir leben heute, nach dem Zeitalter des Glaubens, im Zeitalter des Wissens, in dem es, nach Nietzsche, unanständig ist, Christ zu sein. Das Buch der Offenbarung ist ausgetauscht worden mit der empirischen Erfahrung. Wahr ist nicht mehr, was in der Bibel steht, sondern was gemessen, gewägt und gezählt werden kann. Doch wie steht die heutige Universität, die das Monopol der mittelalterlichen Kirche, die Welt zu erklären, übernommen hat, zum selbständigen Erkennen der Wahrheit und der Entwicklung der menschlichen Individualität?

Die Erfolgsgeschichte der Statistik hat dazu geführt, dass das menschliche Individuum immer mehr durch die Masse ersetzt worden ist. Man weiss heute zwar immer mehr über die Stadtbewohner, die Landbewohner, über die Mittel- Ober- und Unterschicht, über alleinerziehende Mütter, über die Kinder der alleinerziehenden Mütter, und so weiter, und so fort – doch was versteht man deswegen von einem Leonardo da Vinci, einem Wladimir Solowjew oder Max Stirner? Nichts! Auch nicht von Interesse, da in der Statistik: Nicht Signifikant. Die Vernachlässigung des Individuums durch die Statistik kann jedoch als eine Folgewirkung einer tiefer liegenden Ursache angesehen werden: Dem an den heutigen Universitäten vorherrschenden naturwissenschaftlichen Weltbild. Jemand, dem es als Verdienst hoch angerechnet werden sollte, dieses von den heutigen Universitäten vertretene Weltbild ernst zu nehmen und dessen Konsequenzen unverblümt auszusprechen, ist der in Mainz lehrende Professor Thomas Metzinger. Zwei kleine Kostproben aus seinem 2009 erschienen Buch «Der Egotunnel»:

„Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen glauben, war oder hatte niemand je ein Selbst. Es ist aber nicht nur so, dass die moderne Philosophie des Geistes und die kognitive Neurowissenschaft im Begriff stehen, den Mythos des Selbst zu zertrümmern. Vielmehr ist mittlerweile auch deutlich geworden, dass wir das philosophische Rätsel des Bewusstseins – die Frage, wie es jemals auf einer rein physikalischen Grundlage des menschlichen Gehirns entstehen konnte – niemals lösen werden, wenn wir uns nicht direkt mit der folgenden, ganz einfachen Erkenntnis konfrontieren: Nach allem, was wir gegenwärtig wissen, gibt es kein Ding, keine einzelne unteilbare Entität, die wir selbst sind, weder im Gehirn noch in irgendeiner metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt.“

Und weiter: „Neurowissenschaftler sprechen gerne von »Handlungszielen«, Vorgängen der »motorischen Selektion« und der »Bewegungsspezifikation« im Gehirn. Als Philosoph (und mit allem gebotenen Respekt) muss ich sagen, dass dies letztlich begrifflicher Unsinn ist. Wenn man das naturwissenschaftliche Weltbild ernst nimmt, dann existiert so etwas wie »Ziele« nicht, und es gibt auch niemanden, der eine Handlung auswählt oder spezifiziert. Es gibt überhaupt keinen Vorgang der »Auswahl«. Alles, was wir in Wirklichkeit haben, ist dynamische Selbstorganisation. Dieser Vorgang als solcher hat nicht nur kein Ziel, er ist auch völlig ich–frei.“

Eine ich-freie Individualität ist ein unmöglicher Begriff. Ohne Ich ist es unmöglich ernsthaft von einer menschlichen Individualität zu sprechen. Die meist implizite, bei Metzinger jedoch explizit dargestellte Kampfansage der heutigen Universität an das menschliche Ich ist daher in bester mittelalterlicher Tradition. Es gibt heute zwar keine Scheiterhaufen mehr, man kann daher weiterhin den »wissenschaftlichen Unsinn« behaupten, man habe ein Ich, ohne von der Universität verbrannt zu  werden. Aber aufgepasst, es ist nicht auszuschliessen, dass in absehbarer Zukunft in Talkshows darüber debattiert wird, ob man nun doch ein Ich habe oder nicht, worauf der Experte freundlich darauf hinweist, dass das Ich, zwar eine evolutionär notwendige, nichtsdestotrotz, nach aller modernsten Erkenntnis der Physik und Psychologie, eine Illusion sei. Er beteuert, dass er dies bedaure, dass aber die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaft auch ihre Vorteile haben, könne man doch mit den heutigen Mitteln diejenigen, die ab der Vorstellung, bloss ein vom Affen abstammender, ichloser Menschenkörper zu sein, in Depression zu verfallen drohen, mit allerlei Medikamenten zu mehr Glücksgefühlen verhelfen, als dies je in der Menschheitsgeschichte möglich war.

Soweit zur gemeinsamen Kampfansage der mittelalterlichen Theologie und der modernen Universität an die menschliche Individualität. Doch wie steht es um das selbständige Erkennen der Wahrheit? Hier erübrigt sich eine Kostprobe. Jeder halbwegs Studierte kennt das Mantra der heutigen Universität, dass man eine Hypothese (Idee) nur falsifizieren, jedoch niemals verifizieren könne. Ein Wissenschaftler mit dem Anspruch, nicht nur eine Hypothese zu vertreten, sondern eine Wahrheit erkannt zu haben, läuft allenfalls in Gefahr, von der universitären Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Individualität und selbständiges Erkennen der Wahrheit sind, in bester mittelalterlicher Tradition, auch an den heutigen Universitäten ­– des Teufels! Eine Tatsache, die Karl Ballmer (in «Wissenschaft», 1946) wie folgt zusammenfasst: „Wer von der »modernen Physik« seinen »neuen« Wissenschaftsbegriff meint beziehen zu sollen, der sollte erst einmal über die Methodengleichheit des Theologen und des Physikers ein wenig nachdenken – und über den bösartigen Antihumanismus dieser beiden Vertreter des »christlichen Abendlandes«.

Schauen wir uns diese Methodengleichheit des Physikers und des Theologen mit Hilfe von Karl Ballmer, einem der schärfsten Denker des 20. Jahrhunderts, ein wenig genauer an. Ballmer stellt fest, dass sowohl der Physiker, wie auch der Theologe, sein System auf der Grundüberzeugung aufbaut, dass das Reale (das Sein, oder «Gott») ein völlig ausserhalb des menschlichen Innenwesens Stehendes sei. Was ist damit gemeint? Wenn wir den Physiker fragen, was Farbe sei, erzählt er uns etwas von elektromagnetischen Schwingungen. Der Physiker vertheoretisiert die erlebte Farbe zu einer nicht erlebbaren hypothetischen Schwingung.  Diese Schwingung gilt als objektiv und real, während die Farbe zur subjektiven Vorstellung deklassiert wird. Metzinger versucht dieses Weltbild dem Laienpublikum wie folgt zu erklären: „Es ist anfänglich vielleicht beunruhigend, zu entdecken, dass es vor unseren Augen keine Farben gibt. Das zarte aprikosenfarbene Rosa der untergehenden Sonne ist keine Eigenschaft des Abendhimmels; es ist eine Eigenschaft des inneren Modells des Abendhimmels, eines Modells, das durch unser Gehirn erzeugt wird. Der Abendhimmel ist farblos. In der Aussenwelt gibt es überhaupt keine farbigen Gegenstände. Es ist alles genau so, wie es uns schon der Physiklehrer in der Schule gesagt hat: Da draussen, vor ihren Augen, gibt es nur einen Ozean aus elektromagnetischer Strahlung, eine wild wogende Mischung verschiedener Wellenlängen.“ Im Weltbild des Physikers existiert anstatt der erlebten Farbe Rot nur die elektromagnetische Schwingung mit einer Wellenlänge von 790-630 nm. Der Physiker schliesst das Innenwesen des Menschen aus seinem Weltbild aus und setzt an die Stelle, wo die Innenwelt zu stehen hätte, eine Hypothese. Genau gleich verfährt, so die Analyse Ballmers, auch der Theologe. Auch dieser stellt an der Stelle, wo die erlebten Innenerlebnisse des Menschen zu stehen hätten, ein ausserhalb des Menschen existierendes reales Etwas, das er als Gott bezeichnet. Das tragende Reale, beim Physiker wie beim Theologen, ist etwas, was nicht von den Innenerlebnissen des Menschen konstituiert wird.

Wird das tragende Reale in den allmächtigen Gott gesetzt, so lässt sich zumindest die Annahme treffen, dass Gott ein Tröpfchen »Ich« in die Menschengeschöpfe induziert. Wird das tragende Reale hingegen als ein »Ozean aus elektromagnetischer Strahlung« betrachtet, und die Wahrnehmung von Wärme, Geruch, Farbe, Ton, etc. als subjektive Erscheinung deklassiert, welcher keinen eigentlichen  Realitätsgehalt zukommt, so kann auch das »Ich« nur als eine Illusion betrachtet werden, das der Hypothese »Ozean aus elektromagnetischer Strahlung« zum Opfer gebracht werden muss.

Für alle diejenigen, die an dieser Stelle ab diesen sonderlichen Gedanken nicht kopfschüttelnd zum Bier greifen und allesamt, die Philosophen, Physiker und auch die Theologen, zum Teufel wünschen, oder sich ihres Ich’s schon dadurch vergewissert glauben, dass sie ihre Meinung – pardon Urteil – über Müll & Trash uneingeschränkt im virtuellen Raum kundtun können, sondern sowohl ihr Ich, als auch das naturwissenschaftliche Weltbild, ernst nehmen, lässt sich folgender Ausblick eröffnen: Trotz dem klaffenden Abgrund zwischen der Weltanschauung Ballmers und Metzingers ist eine zukünftige Versöhnung dieser beiden Weltanschauungen nicht auszuschliessen; stimmt doch Ballmer der Analyse von Metzinger, dass es eine unteilbare Entität »Ich« weder im menschlichen Gehirn noch in einer metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt gibt, und dass der Begriff der »motorischen Selektion« ein grober Unfug ist, vollumfänglich zu! (Siehe Ballmers Schrift: «Briefwechsel über die motorischen Nerven»).

In der Weltanschauung Ballmers kommt jedoch die Hypothese «Ozean aus elektromagnetischer Strahlung» als das tragende Reale ebensowenig in Frage wie die Hypothese «Gott». Wenn aber die Grundpfeiler der modernen Physik und der Theologie als das tragende Reale nicht in Frage kommen, was ist dann tragende Realität? – – – Im Sinne Ballmers ist diese Frage identisch mit der Frage nach dem Ursprung des Ich. Metzinger schafft das Ich ab, es hat keinen Platz in seinem Weltbild. Ballmer hingegen fordert das Abendland zur Redlichkeit auf, endlich die tradierte aristotelische Seele – von der die Theorie des «Selbstmodells» von Metzinger nur eine moderne Variation ist! – zu überwinden, indem als das Erstsubjekt der Sinneswahrnehmung die Welt selbst anerkannt wird. Dadurch ergibt sich eine Existenzmöglichkeit des Ich in und durch die Sinneswahrnehmung. In Ballmers eigenen, kristallklaren Worten: „Nicht die aristotelische »Seele« (der Meier, Müller, Huber) ist Subjekt der Sinnestätigkeit; Erstsubjekt der Sinneswahrnehmung ist die Welt selbst, der persönliche Gott und Tod in den wir sogenannten Menschen als Subjekte der Sinneswahrnehmung nur »eingeschaltet« sind, indem wir aus dem Können des Todes in jeder einzelnen Sinneswahrnehmung aus dem Tode zum »Leben« erstehen, wobei auch unser soidisant »Ich« mitentsteht. Die Sinneswahrnehmung ist nicht eine »Mitteilung« der Welt an Bürgersleute, sondern ist das Verhältnis der Welt zu sich selbst, in das die Bürgersleute nur eingeschaltet sind. Es wird ein Fortschritt des 20. Jahrhunderts sein, wenn man das Problem der »Urzeugung« als die Frage der Entstehung von »Ich« und »Seele« – in der Sinneswahrnehmung! – diagnostiziert.“ (Ballmer, «Problem der Physik», S. 4)

Ballmer betrachtet die Subjektivität nicht als ein Problem der Philosophie, der Psychologie, oder der Biologie, sondern als ein Problem der Physik. Er vollzieht eine kopernikanische Wende, neben der die Wende des Kopernikus bloss ein blasser Schatten ist. Er überwindet damit den diagnostizierten Antihumanismus, erschüttert dadurch jedoch die Grundfesten der theologischen, der naturwissenschaftlichen, wie aber auch der relativistischen Weltanschauung. Dass eine solche Weltanschauung nichtsdestotrotz vorerst auf wenig Anklang stösst, ist daher so sicher wie das Amen in der Kirche, die Impulserhaltung der Physik und die Talkshows im Fernsehen.

Literatur:
Ballmer, K. (1953) Briefwechsel über die motorischen Nerven. Besazio: Verlag Fornasella

Ballmer, K. (1996) «Wissenschaft». Besazio: Verlag Fornasella

Ballmer, K. (2002) Problem der Physik. Besazio: Verlag Fornasella

Metzinger, T. (2009) Der Egotunnel. Berlin: Berlin Verlag GmbH

 

Text: Fionn Meier, studiert VWL an der Uni Fribourg. Interesse: Philosophie, Geschichte und ‚Associative Economics‘.

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eine perspektive

 

Liebe Redaktion, liebe Schreibende

Scheitern! – Was für ein Thema. Eine Bemerkung vorab: Muss denn eine Ausgabe, die das Scheitern thematisiert, auch selbst scheitern? Zumindest scheint die Layout-Abteilung das gedacht zu haben, als sie das Cover entwarf. Und dann setzt das Editorial noch einen drauf und findet es toll, sollten die Leserinnen und Leser auch das Editorial für gescheitert erklären. Die Forderung also nach einem Leserbrief. Voilà. Ach, und ja: gescheitert!

Entre parenthèses:  Im Sinne eines realitätsnahen Journalismus wäre ich ab jetzt dafür, nur noch die wirklichkeitsbezogenen Statements des PersonenWagens abzudrucken: „Es gibt Menschen, die zur Eigenverantwortung nicht befähigt wurden und nicht befähigt werden können, und denen müssen wir helfen.“ – Damit wäre dann alles gesagt. (Dafür gäbe es mehr Raum für einen echten (Jung)Unternehmer wie Marcus Kuhn. – Nudge, nudge, wink, wink – know what I mean? – Und ja: Negative Forschungsresultate. Die Antwort folgt wenige Seiten später: Nach dir, werter Fionn, wäre die heutige Wissenschaft vielleicht eine einzige Ansammlung von negativen Resultaten. Grossartig. Ich bin dafür: Statt an den Börsen mehr wilde Spekulation an den Universitäten!)

Aber zurück zum Thema und dieser unseligen Voraussetzung des Scheiterns. Gleich der erste Artikel beginnt mit einem Verweis auf sein mögliches Scheitern. Hurrah! Aber vielleicht ist das auch eine kleine Schweizer Nationalneurose: Stapeln wir doch möglichst tief. – Also auch den Scheiterhaufen nicht zu hoch. Denn bei diesem Text gibt es ausser dem ersten Satz nichts zu verbrennen: Eine Kolumne im besten Sinn. Ich lese sie als zeitgemässen Heiratsantrag, liebste Tamara.

Und dann? – Es stellt eine abgründige Schwierigkeit dar, in einer Kritik einen Text mit Schweigen zu bestrafen. Deshalb flehe ich: Bitte, mein herzallerliebster Dominik (und vielleicht tust du dich bei dieser Gelegenheit mit dem glatzköpfigen Pascal zusammen, damit da auch noch was geht), bemühe dich beim nächsten Mal, „schliesslich ist es nur eine Frage der Übung.“ Vielleicht wird das aber auch nie besser, wenn ich mich an deine anderen Texte erinnere. Aber zugegeben, du hattest es diesmal unmittelbar nach Tamaras Vorgabe auch schwer. Vielleicht tut dir die Redaktion beim nächsten Mal einen Gefallen und achtet besser auf die Zusammenstellung der Texte.

Selina, du hingegen konntest dich auf die Redaktion verlassen. Durch die graphische Anordnung deines Textes kommt die ganze Rührseligkeit wenigstens nicht noch wie ein Gedicht daher, obwohl das zur Unverständlichkeit passen würde: Sind wir jetzt schwach oder sind wir stark? Ich versteh ihn nicht, diesen Quark.

Und euch liebe Maybes, Fabienne-Laura, Sabine und Carl Joseph (was für ein Name, direkt aus der k. u. k. Doppelmonarchie), empfehle ich die Gründung einer Selbsthilfegruppe. Dort könntet ihr euch gegenseitig vom selbstinduzierten und fremdinduzierten, ach so persönlichen Scheitern erzählen. Woran seid ihr denn eigentlich gescheitert? Das Zeug einmal auf den Tisch, statt nur Yolo: Das isch ebä s’Problem, i dem Läbe – drininä…!!! Oder: Das Ausbreiten von Allgemeinplätzen. Vielleicht würde sich dann unsere liebe Aline Trede mit ihrem Gerede vom Mut und ihren Durchhalteparolen freundlicherweise bereit erklären, die Leitung zu übernehmen.

Prosit Neujahr! Euer geneigter Leser

Franz Joseph

P.S. Ich schlage einen anderen Liedhinweis vor: „Love really bores me.“ (White Stripes) Dieses Liebesgesülze macht mich krank. Dreimal dieselbe Leier. Julia und Katharina, dann macht’s wenigstens wie Laurin, zuckt mit den Schultern und baut noch einen Joint, wenn’s sein muss. – Aber: Endlich einmal Liebe statt Sex.

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In einigen Monaten werde ich 29 Jahre alt sein und in mir macht sich langsam das ungute Gefühl breit, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Ich habe in jüngster Zeit vermehrt über mein Leben nachgedacht und mich immer mal wieder gefragt, was mir das vergangene Jahrzehnt so gebracht hat. Nun ja, ich habe das Gymnasium abgeschlossen und so gut wie nichts aus dem Zwischenjahr gemacht. Ich habe ein Studium aufgenommen und es wieder abgebrochen. Ich habe ein anderes Studium aufgenommen und es bis jetzt durchgezogen. Ich bin mit Freunden nach Wiedikon gezogen, aber habe an der Uni so gut wie niemanden kennengelernt. Ich habe ein halbes Jahr im Ausland studiert und war dabei in Gedanken viel zu oft woanders. Ich studiere nun in der Romandie, aber vermisse Zürich, die Langstrasse und den Exzess.

Im Grossen und Ganzen war das Jahrzehnt okay. Es hätte mich bestimmt schlechter treffen können und immerhin trage ich den Titel eines Bachelor of Arsch. Aber abgesehen von dem – es fühlt sich trotzdem ein wenig gescheitert an. Wenn ich dieses Lebensjahrzehnt einmal mit dem Klischee vergleiche, dann fehlt da der Sprachaufenthalt in den USA oder in Südamerika; dann war ich an zu wenigen wilden WG-Partys und dann hatte ich zu wenige Affären. Stattdessen war da zu viel Wankelmut, zu viel Arbeit und zu viel Melancholie. Und jetzt, wo ich vor einem neuen Lebensjahrzehnt stehe, habe ich Angst vor dem Scheitern. Ich habe Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen; den falschen Beruf zu ergreifen; mich in die falsche Person zu verlieben und später gemeinsam einsam zu sein. Ich fürchte mich davor, mich zu entscheiden; mich festzulegen. Ich bin ein Maybe. Die Möglichkeit des Scheiterns wirft einen langem Schatten auf alles Mögliche. Und mit Scheitern meine ich nicht etwa das Durchfallen bei der Autoprüfung, weil man noch zu viel Restalkohol im Blut hatte oder der Ausschluss vom Studium der mittellateinischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Ich spreche vom Scheitern im Leben und das Scheitern im Leben ist deshalb so schlimm, weil YOLO! Man kann im Leben nicht einfach auf die Rewind-Taste drücken und alle Fehler ungeschehen machen. Letzten Endes besteht immer die Möglichkeit des ultimativen Scheiterns und zumeist bemerkt man lange Zeit nicht oder ignoriert, dass man sich auf dem besten Weg dorthin befindet.

Andererseits verweist die Idee eines «gescheiterten» Lebens aber auch auf die Frage nach dem «richtigen» Leben. Wie sieht ein richtig gelebtes Leben aus? Der Gedanke mag banal anmuten, aber was ein «richtig gelebtes Leben» ist, hängt von gesellschaftlichen Normen und Vorstellungen ab. Die Angst vor dem Scheitern kann also auch als Angst vor dem Urteil der Anderen verstanden werden und wer sich vom Urteil der Gesellschaft zu lösen vermag, ist so gut wie sorglos, richtig? Doch wer ausser vielleicht ein Verrückter vermag sich dem Urteil der Gesellschaft zu entziehen? Und wenn Icona Pop «I don’t care, I love it» singen, dann glaube ich ihnen dies schlichtweg nicht. Menschen können sich dem Urteil ihrer Mitmenschen nicht einfach so entziehen; selbst der Stadelhofen-Punk stellt da keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil spürt jener das Urteil der Anderen noch viel schwerer auf sich lasten. Die symbolische Gewalt die ihm hierdurch widerfährt, ruft in ihm verständlicherweise eine aggressive Ablehnung aller bürgerlichen Wert- und Normvorstellungen hervor. So gesehen kann Flucht vor dem Urteil der Gesellschaft auch keine Lösung sein.

Was aber dann? Wie sollen wir mit der Möglichkeit des ultimativen Scheiterns umgehen? Nun, wir sind nicht die ersten, die sich mit solchen Fragen herumschlagen; schon etliche Jahre vor unserer Zeit gab es kluge Köpfe, die sich ganz ähnliche Gedanken machten. So glaube ich, dass wir auch heute noch viel von gewissen antiken Philosophen lernen können. Die Stoiker strebten zum Beispiel danach, allen vom Schicksal an sie herangetragenen Übel in «stoischer Ruhe» zu trotzen. Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Kontrolle über unsere Leidenschaften und Affekte, die zu Selbstgenügsamkeit und schliesslich zu Unerschütterlichkeit führen soll. Bei Seneca finden sich folgende Zeilen:

«Schmerz fühlt der aufrechte Mann allerdings auch; denn keinerlei gute Haltung kann die natürliche Empfindung abschwächen; doch er fürchtet ihn nicht; ungebeugt blickt er auf seine Schmerzen hinab.» (S. 152)

Für manchen Leser mag eine solche Aussage lächerlich anmuten – sie ist voller Pathos und dieser wiederum lässt uns an den Faschismus und die dunkelsten Momente der Menschheit denken. Vielleicht ist dies auch mitunter ein Grund dafür, warum wir die Tugend der Tapferkeit in die Abstellkammer der Geschichte verbannt haben. Ich persönlich wurde mit dem Ideal des emotionalen Mannes gross. Wie oft habe ich wohl schon Sätze gelesen à la «vielen Männern wurde bereits von Kindheit an gelernt, das starke Geschlecht zu sein». Solche Sätze waren dann mit der Aufforderung verbunden, Gefühle zuzulassen und Emotionen zu zeigen. Was dies angeht, war ich bestimmt ein gelehriger Schüler. Doch bei alledem geht vergessen, dass es auch ein Zuviel an Emotionen geben kann – dann nämlich, wenn sie unser Leben zu beeinträchtigen beginnen. Was aber ist Angst vor dem Scheitern, wenn nicht ein Gefühl, eine Emotion? Befragen wir wiederum Seneca:

«Für den Toren gibt es nirgends Ruhe. Über ihm und unter ihm lauert das, was ihm Furcht bereitet. Nach allen Seiten ist er in Angst. Gefahren folgen ihm und begegnen ihm. Vor allem hat er Furcht; denn er ist ungerüstet … Der Weise dagegen ist auf jeden Angriff gerüstet und gefasst; mag Armut, mag Kummer, mag Schmach, mag Schmerz auf ihn eindringen, er weicht nicht zurück. Unerschrocken geht er allem entgegen und geht hindurch.» (S. 142)

Und weiter:

«Du wirst aufhören, Furcht zu haben, wenn Du aufhören wirst zu hoffen; denn die Furcht begleitet die Hoffnung.» (S. 134)

Es macht Sinn, dass, wenn wir uns für unser Leben nichts Grossartiges erhoffen, wir dann auch nicht grossartig daran scheitern können. Doch wer von uns erhofft sich denn schon nichts Grossartiges von seinem oder ihrem Leben? Die Werbung verspricht uns schliesslich täglich, dass unser Leben grossartig sein wird und das Einzige, das wir dafür tun müssen, ist uns ein Axe-Deo zu kaufen, in Nike-Schuhen zu rennen, das Horizon Plus Combi-Abo zu besitzen, uns bei Helsana zu versichern, unser (nicht-versteuertes) Geld bei der Notenstein Privatbank anzulegen, einen BMW zu fahren, Schweizer Fleisch zu essen, mit Swiss zu fliegen und mit Gilbert Gress Weihnachtslieder zu singen. Es scheint einfach zu sein, ist es bekanntlich aber nicht.

Das Thema dieser Ausgabe lautet: «Warum hast du so verdammt Schiss vor dem Scheitern?» Nun, meine Antwort ist: weil ich mir von meinem Leben etwas erhoffe bzw. zu viel erhoffe und schliesslich fürchte ich mich davor, dass es vom kleinen Scheitern nur ein Schritt zum grossen Scheitern ist, sprich dem gescheiterten Leben. Ich habe, um ehrlich zu sein, kein Patentrezept für den schmerzlosen Umgang mit dem Scheitern. Zu lernen, das Scheitern und den Schmerz wie ein Stoiker zu begrüssen und zu ertragen, scheint mir jedoch einen Versuch wert zu sein.

Seneca, Annaeus L. (2009). Vom glückseligen Leben und andere Schriften. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 7790.

Text: Carl Joseph Trotta (28), Neuchâtel

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Für die Liebe sieht es schlecht aus. Etwa die Hälfte der Ehen scheitert. Das Bild der Liebe mit «happily after after», das gibt es höchstens noch bei Disney. Wo man kleinere und grössere Streitigkeiten versucht zu überwinden, sich Treue in guten wie in schlechten Zeiten schwört, an der Seite des Anderen trotz allen Ecken, Kanten und Macken bleibt, solche Beziehungen führten allenfalls unsere Grosseltern, wenn überhaupt.

Und die Beziehungen unserer Generation haben sich noch weiter von diesem Bild der Liebe entfernt. Das Kennenlernen verschiebt sich in die virtuelle Welt, die ersten Schmetterlinge im Bauch wurden zu Matches auf Tinder. Das erste Mal ist schon lange nicht mehr die langersehnte Hochzeitsnacht, sondern fällt immer mehr mit dem ersten Treffen zusammen. Liebeserklärungen drückt man durch Emoticons aus, Komplimente gibt es per Like und Berührungen werden durch das Streicheln des Touchscreens ausgetauscht.

Der Beziehungsalltag ist auch komplizierter geworden. Bei uns soll es keine fixen Rollenverteilungen mehr geben, keine Hierarchien, runter mit dem Patriachat. Wir wissen ganz genau was wir nicht wollen, aber wie die Alternativen aussehen haben wir nur bruchstückhaft vor Augen und diese auszuleben scheitert oft an der Realität. Diese Anforderungen an Beziehungen überfordert unsere Generation. So fest wir jegliche Einschränkungen in unserer Individualität auch verabscheuen, war es mit der Liebe nicht einfacher, als noch jeder wusste wo er hingehört und wie man sich verhalten soll?

All diese Entwicklungen haben unsere Hoffnung für die Liebe erschüttert, wir sind verunsichert. Oder ist es umgekehrt: Je mehr die Liebe an der Realität scheitert, desto mehr klammern wir uns an dieses Bild der Liebe?

Aber kann die Liebe überhaupt scheitern? Scheitert sie, wenn es neben der traditionellen Beziehung plötzlich Alternativen des Zusammenlebens gibt, wenn der Begriff der Ehe geöffnet wird, wenn LebenspartnerInnen zu LebensabschnitsspartnerInnen werden und der Vormarsch der virtuellen Welt auch vor unserer intimsten Sphäre keinen Halt macht?

Das Scheitern der Liebe heisst Resignation. Sie scheitert nicht an den Herausforderungen der heutigen Welt, sondern wenn wir nicht mehr daran glauben, dass es irgendwo in der weiten Welt jemanden gibt, den wir lieben werden. Wenn wir uns mit einer Beziehung abfinden, weil es einfacher ist als alleine zu sein und weiterzusuchen. Wenn sich ein seit neun Jahren verheiratetes Paar trennt, dann scheitert nicht die Liebe – im Gegenteil, sie trägt den Sieg davon. Scheitern wäre, wenn man zusammenbleibt, ohne eine Liebe wie man sie sich wünscht, weil man resigniert hat. Aber hier siegt die Liebe, weil beide darauf hoffen, dass sie die Liebe wiederfinden, und dann hat die Liebe erst eine Chance. Wenn wir die Liebe so sehen, dann scheitert die Liebe nicht an dem Heute, sondern höchstens an unserer Resignation.

 

Text: Julia Meier, studiert, wohnt und liebt in Zürich. Gehört zu den idealistischen Jusstudentinnen. Denkt gerne über die Welt nach und posaunt ihre Gedanken am liebsten ganz weit hinaus.
Bild: Carmen Lebeda

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Auf die Gefahr Chance hin, grandios zu scheitern, schreibe ich ohne Plan drauflos, was mir zum Scheitern gerade so einfällt und woher es seine Bedeutung haben könnte. Danach werde ich das KLUGE Buch1 fragen und schauen, wer von uns gescheiter war. Ich scheitere, du scheiterst, er scheitert.

Das Verb scheitern kennt kein direktes Objekt. Wenn wir es also sagen, ist es, als ob scheitern etwas wäre, das aus uns selbst heraus passiert. Wie gehen. Ich gehe, du gehst, er geht. Da braucht’s keinen zweiten dazu. Beim Scheitern möchte ich dies jedoch bezweifeln. Scheitern benötigt doch stets mindestens einen Fremdpunkt, jemanden, der einen von aussen betrachtet, oder beobachtet, und etwas von uns erwartet. Erfüllen wir nicht, sind wir in seinen Augen gescheitert – denken wir zumindest.

Scheitern kann jemandem nicht passieren, der eins ist mit und in sich. Scheitern impliziert Zweiheit, Zwiespalt, Ich und Du, Ich und ich oder Ja, aber.

Man kann in der Schule scheitern, an einer Herausforderung, im Arbeitsleben. Auch in der Ehe2, 3 kann man scheitern. All diese Situationen sind mit Erwartungen verknüpft. Ohne Erwartung kein Scheitern.

Das einzige heute noch gebräuchliche und mit scheitern verwandte Wort, das mir grad einfällt, ist das (Holz-)Scheit. Dieses wird verwendet, um einen Scheiterhaufen zu bauen, worauf man jemanden festband, der etwas vermeintlich Verwerfliches getan hatte. Hexen zum Beispiel. So eine Person hatte die geltenden Normen übertreten, war also an den Erwartungen anderer gescheitert und deshalb zum Scheiterhaufen verurteilt worden.4

Etwas ist zum Scheitern verurteilt5. Sagen wir noch heute. Oft für etwas, das den gängigen Standards zu wenig entspricht und gegen den Gewohnheitsgeschmack der grossen Masse geht und somit keinen Erfolg haben wird6. Wie z.B. bei Abstimmungen, wo die Mehrheit entscheidet, was durchkommt und was scheitert. Die Idee muss im zweiten Fall dann auch von der Minderheit fallengelassen werden.

Fazit: Scheitern ist also einerseits verurteilt werden, andererseits aber auch aufgegeben, dem Feuer übergeben, losgelassen werden.

Ob und wie weit mein etymopoetischer Ansatz gescheit7 ist? Fragen wir das Kluge Buch:

Buch: «Oh ja, ein bisschen poetisch war er tatsächlich, dein Versuch. Und weit daneben lagst du auch nicht. Die etymologische Erklärung fällt allerdings erwartungsgemäss etwas nüchterner aus:

Wie wir auch heute „Scheit“ noch als Teil des Holzes verstehen, so sagte man früher zum Beispiel für Schiffe, dass sie «zu Scheitern werden», wenn sie in Stücke brachen. Das wurde dann einfach abgekürzt und daraus das Verb scheitern gemacht. «Scheit» bedeutet ursprünglich «das Gespaltene» und geht auf dieselbe indogermanische Wurzel (*skēi) zurück wie «scheiden» (trennen). Ja genau, auch der Scheitel kommt daher.»

Voilà, der Kreis ist geschlossen, und ob wir uns scheiden lassen oder scheitern, macht keinen UnterSCHIED, es ist ein- und dasselbe!

1 KLUGE Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Auflage. Berlin; New York 2002.

2 Ist die Tatsache, dass wir uns von unserem Ehepartner gar nicht selbständig trennen können, sondern uns nur passiv scheiden LASSEN können, nicht Beweis genug dafür, dass „die Ehe“ längst gescheitert ist?

3 Wenn die Ehe scheitert, wer muss dann verbrannt werden? Er? Sie? Beide? Nur der Vertrag? Man schliesst Verträge in der Liebe?!!

4 Kamen Hexen auf den Scheiterhaufen, weil sie an den gängigen Normen gescheitert waren oder weil die gängige Norm an ihnen scheiterte?

5 Einer, der zum Scheitern verurteilt ist – ist das der, der verbrannt wird, oder nicht doch eher der, der dessen Scheiterhaufen bauen muss?

6 Was ist Erfolg? Das zu erreichen, was man sich vorgenommen hatte und vorstellen konnte oder ist Erfolg, Dinge zu erreichen, von denen man vorher nicht zu träumen wagte, ergo, die eben genau der gängigen Norm widersprachen?

7 Das Wort kommt natürlich aus der selben Ecke und hat grundsätzlich die Bedeutung „unterscheidend, unterscheidungsfähig.“

 

Text: Tamara Hofer, 32, Mensch in Ausbildung.

 

 

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Scheitern kommt nicht in Frage. Es gibt für ein Scheitern keinen Grund, es wurden uns alle Güter und alle Güte in die Wiege gelegt; wir kommen nicht aus zerrütteten Familien, hatten keine unglückliche Kindheit und haben auch keine unpassenden Namen. Alles ist wohlig und warm und ein bisschen unwirklich in unserem Leben. Es geht uns gut. Alles, was wir auf der Minusseite haben, ist ein leises Unbehagen mit dem System, von dem wir auch nicht immer eine klare Vorstellung haben. Hingegen bringen wir einen grossen Rucksack voller Fähigkeiten und Werkzeuge mit, mit denen wir unser Leben erfolgreich gestalten können. Erfolgreich gestalten müssen. MÜSSEN. MÜSSEN.

Wir müssen also erfolgreich sein, auch wenn wir gar nicht recht wissen, wie Erfolg denn zu definieren ist. Das macht die ganze Angelegenheit mit «probieren-und-vielleicht-scheitern» noch viel fragiler. Wir sind uns nicht sicher, ob wir die Definition unseres Erfolges der Gesellschaft überlassen sollen oder vielleicht doch lieber selber entscheiden, wann wir gescheitert sind. Es gibt so viele Arten zu scheitern wie es Lebensentwürfe gibt und wir sind Meisterinnen im Schönreden von aufgegebenen Jobs (ich muss jetzt erst einmal herausfinden, was ich wirklich will.), fallengelassenen Beziehungen (Hoppla! Aber weisst du, es geht mir einfach besser alleine.) und abrupten Richtungswechseln in unseren Leben. Denn wir wissen ja, was uns gut tut.

Trotzdem setzen wir uns unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen, die richtigen Weichen zu stellen, bei der richtigen Bank die richtige dritte Säule zu füllen und im richtigen Moment ein Haus zu kaufen, Kinder zu machen, das Programm «Leben» einmal durchzuspielen, unsere Seele dem richtigen Teufel verkaufen. Die regelmässigen Auszeiten nicht vergessen, Sabbaticals sind ja so wundervoll und es tut gut, mal so hm… richtig? auszubrechen. Aber dann bitte wieder zurückkommen.

Richtig machen ist einfach, falsch machen ist schwierig

Wovor wir uns in diesem Prozess wirklich fürchten, sind die abzweigenden Wege, die, die vom «Richtig» wegführen. Sind die besser? Sollen wir? Weil wir alles können und Zugang zu einer unglaublichen Fülle an Möglichkeiten haben, haben wir auch Zugang zu einer noch nie dagewesenen Masse an nicht wahrgenommenen Möglichkeiten. Wir fürchten uns nicht vor dem grandiosen Scheitern, wir fürchten uns nicht vor dem «Ich habe es probiert und es hat nicht geklappt». Nein, wir sitzen vor dem Möglichkeiten-Pot wie das Kaninchen vor der Schlange und fragen uns, soll ich lieber ein Start-up gründen oder doch ein Hostel in Indonesien aufziehen? Wir haben Angst, dass wir die Möglichkeiten nicht wahrnehmen, dass wir vor dem Füllhorn rechts- oder linksum kehrt machen und einfach mal weglaufen. Und dann vielleicht als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bund einsteigen und jeden Samstag auf dem Markt einkaufen.

Scheitern hat also viel mit nicht wahrgenommenen Möglichkeiten zu tun. Denn scheitern wie in «es hat nicht geklappt», das geht. Scheitern wie in «ich hätte eigentlich etwas ganz anderes gewollt, aber ich habe es nie probiert», geht gar nicht. Vor allem nicht wenn man denkt, man hätte es gekonnt aber irgendwie hat man es nicht geschafft, seinen Scheiss zusammen zu kriegen. Es ist die Angst, mit dem Trumpf in der Hand zu verrecken. Die Angst vor der eigenen Dummheit, also.

Ich habe keine Angst davor, mit wehenden Fahnen unterzugehen – Jobs aufzugeben oder zu verlieren und als geschiedene Frau durch die Welt zu laufen. Ich habe Angst davor, dass mir jemand sagt, «du bist nicht glücklich und hey! – du bist selbst schuld.» Ich habe Angst davor, mir mein Unglück, meine gescheiterte Existenz vorgehalten zu bekommen und keine Gegenargumente zur Hand zu haben. Denn wenn wir vom jetzt sprechen, dem vielbeschworenen Moment, dann kann ich sagen: «Ja, ich bin glücklich. Ich weiss einfach nicht, wie lange noch und ob ich dann einen guten Plan B aus dem Hut zaubern kann, wenn das nicht mehr der Fall ist. Ich weiss nicht, ob ich mich ganz vom System lossagen oder mich in ihm integrieren soll.» Denn worum es bei dieser ganzen Scheitern-oder-nicht-Scheitern-Frage geht ist nicht die eigene Existenzsicherung oder die Pensionskasse. It’s not the economy, stupid. Oder zumindest nicht nur. Der Kern der Sache sind wir selber und der Imperativ zur Selbstverwirklichung.

Es ist die Angst davor, nicht zu wissen, wer denn letztendlich recht hat – die Gesellschaft oder der kleine Teufel auf meiner Schulter. Es ist die Angst vor dem Mut, für die eigene Definition von Glück zu haften. Denn die letzte Angst ist eine dunkelgraue Vorahnung, dass es doch nicht immer so weitergehen kann mit diesem happy-go-lucky. Wir müssen doch einmal dafür bestraft werden, dass wir das Leben auf die leichte Schulter nehmen. The empire must strike back. Oder?

 

Text: Sabine Lenggenhager, 32.
Bild: Carmen Lebeda

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Es begann, als ihm bewusst wurde, dass er ganz alleine war. Gregor wusste nicht mehr, wann das war oder durch was der Prozess ausgelöst wurde. Doch es war egal – wie alles. Die Wahrnehmung der Einsamkeit und Sinnlosigkeit seines Seins hatte er nie ganz nachvollziehen können, obgleich sie ihn nur sehr zögerlich und beinahe lustvoll übermannte. Jetzt war es zu spät. Jede Zelle, jedes Haar seines Körpers war davon befallen. Gregor hatte in seinem kurzen Leben alles versucht, hätte niemals aufgegeben. So tief sassen Instinkte und Verstand. Er war Freund und Feind. Er war konstruktiv und zerstörerisch. Hatte geholfen, hatte vernachlässigt. Hatte gefühlt und hatte verdrängt. War ungeduldig und lethargisch. War Konsument und abstinent. Wollte eigentlich nur gefallen und Gefallen finden.

Irgendwann beschloss er, gegen seine Ängste anzukämpfen. Er verbannte sie und damit die Freuden, die unweigerlich daran gebunden waren. Das Loch das zurück blieb, wurde mit Zweifel gefüllt. Nichts hält, nichts hat Wert, alles ist eine Lüge. Das Schwarze wächst, zerfrisst Selbstachtung und Liebe. So viele Male hatte er das Bild im Kopf vom reichen, dicken Mann, der aus dem Fenster sieht und sich fragt, wie er leben soll, während ein schwacher Obdachloser unter demselben Fenster auf der Strasse sitzt und sich dasselbe fragen muss. So viele Male hatte er versucht, mitzuspielen, um, wann immer er stolperte, ins Bodenlose zu fallen. So viele Male musste er sich fragen, ob dies wirklich die Realität oder bloss ein schlechter Traum sei. Die Taubheit, die Kritik, der Kampf um und gegen ihn selbst war zur Sucht geworden, seine Gedanken, nicht mehr gehorchend, zur Schlinge. Die Bedrohungen klopften nun an jede Tür und zogen eine schmerzende Ahnung des Nichts hinter sich her. Gregor fand keinen Weg zurück, verlor sich selbst und was blieb, war vollkommenes Unbehagen.

Gregor stand auf. Nicht der Rede wert. Wenig später verliess er seine Wohnung. Er ging auf dem Trottoir in einer Strasse, die er mal gekannt hatte. Heute war sie ihm so fremd wie nie zuvor. Der Mann mit beiger Baskenmütze, der um diese frühe Uhrzeit schon an einem der zwei Tischchen vor der Tür des kleinen Restaurants sass und lächelnd ein Bier trank, war ihm komplett unbekannt, obschon er ihn jeden Tag dort sitzen sah und auch schon mit ihm gesprochen hatte. Alles war weit, weit weg. Gregor fühlte sich leer, als er mechanisch das Restaurant passierte. Mit jedem Schritt wusste er weniger wohin er ging und warum. Arbeiten? Er blickte nach unten und sah seine Füsse. Die schwarzen Lederschuhe schienen es eilig zu haben. «Halt!» wollte er ihnen zurufen und sie zum Stehenbleiben zwingen, doch er hatte keine Macht über sich.

Gregor stand vor der Tür des Grossraumbüros im ersten Stock. Es war still. Seltsam still. Er öffnete die Tür und trat ein. Er ging wie jeden Morgen zuerst zur Kaffeemaschine und machte sich einen Espresso. Damit ging er zu seinem Arbeitsplatz und schaltete den Computer ein. Er blickt um sich und realisierte, dass er der Erste im Büro war. Er setzte sich. Benutzer Gregor S. stand auf dem Bildschirm und darunter war eine Fläche, wo er sein Passwort eingeben sollte. Wie jetzt? Ich weiss mein Passwort nicht mehr, dachte Gregor. Es entfiel ihm in just dem Moment, als er es abrufen wollte. Er wusste genau, dass es eine Zeichenkombination war, die er schon seit immer für sämtliche Passwörter benutzte. «Ich weiss mein Passwort nicht mehr», sagte Gregor nun laut.  Jahrelang, jeden Tag hatte er es irgendwo eingegeben. Je länger er den Bildschirm anstarrte, desto schwächer wurde die Erinnerung. Er raufte sich die Haare. So was gibt es doch gar nicht. Als er einen verwirrten Blick auf die Tastatur warf, sah er, dass diese von Haaren übersät war – seinen Haaren. Das war so absurd, dass er grinsen musste. Er griff sich an den Kopf und merkte, wie sie schmerzlos nachliessen. Gregor lachte und riss sich alle aus. Seltsam fühlte er sich, doch nicht schlecht. Er stand auf. Das Büro war noch immer leer. Er rannte zur Toilette. Als er abermals lachen musste, wie er sich mit Glatze da stehen sah, viel ihm ein Schneidezahn aus und landete im Waschbecken. Auch dies ohne Schmerz. Gregor spürte nichts, ausser etwas Warmem, ganz tief, etwas, dass er schon lange vergessen hatte. Er zog sich vollständig aus und schmiss seine Kleider auf den Boden. Als er sich sämtliche Zähne ausgerissen hatte und merkte, wie sich nun auch die Haut von seinen Fingern und seiner Brust zu lösen begann, sah er seinem entstellten Spiegelbild in die Augen und zwinkerte ihm zu.

Endlich.

Text: Pascal ist Winterthurer, bastelt an seiner Masterarbeit und scheitert fürs Leben gerne
Bild: Carmen Lebeda

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Alles, wirklich alles würde ich dafür geben, wieder Kind sein zu dürfen. Noch einmal die sorgenfreie Zeit geniessen, die auf brutale Weise nur in vagen Erinnerungen zurückbleibt, sobald man sich in der beklemmenden Welt der Erwachsenen wiederfindet. Es ist wahr, ich hatte als Kind erheblicher weniger Ängste. Was interessierte mich in jenen Tagen das Werben um eine Frau, das Bezahlen von Rechnungen oder meinen gottverfickten sozialen Status? Meine grösste Sorge als Kind waren nicht die Monster in mir, sondern die auf dem Dachboden. Nun als junger Erwachsener – was das auch immer bedeuten mag – schaue ich mit neidischem Lächeln auf die einfältigen und freudlosen Gedanken zurück, die ich als Kind manchmal hatte. Eines ist sicher: Das Beste liegt hinter mir…

Ich bin auf dem Weg in meine Stammkneipe. Ich nenne sie «Dirty Harry’s». Die lausigste Bar mit den minderwertigsten Gästen und doch die einzige Heimat. Vielleicht die letzte Stätte, wo Rauchen, Trinken und Erbrechen noch zum guten Ton gehören. Dort werde ich mir zu dieser späten Stunde doch noch ein letztes Bier gönnen. Und ich dachte, der Höhepunkt meines Tages war das Aufwachen ohne aufschäumenden Durchfall. Mein Magen rumort etwas. Eigentlich sollte ich alles andere, doch den Teufel werd’ ich tun.
Es ist eben doch nicht alles schlecht an der Apathie des Erwachsenseins. Zugeben, wir sind alle eine Bande von 15-jährigen, mit der Erfahrung von 27-jährigen, dem Aussehen von 21-jährigen und so grün, als bewegen wir uns stetig zwischen Lollipops und Blowjobs. Aber: Die Welt der Erwachsenen bietet einen einzigen Vorteil, den selbst die schönste Kindheit in den Schatten stellt, nämlich die absolute Freiheit sämtliche Ängste mit dem Konsum von Genussmitteln zu betäuben, und zwar in dem Masse und in der Form, wie es einem angemessen erscheint. Für mich ist und bleibt das Konsumieren meine grösste Errungenschaft. Und die Einzige. Während alle sich von Panikattacke zu Panikattacke angeln, stets mit der Hoffnung auf etwas neues, bleibe ich dem guten, alten Versagen und Kapitulieren treu.
Ich betrete meine Bar und der gammelige Gestank verlorener Menschen dringt in meine Nase. Egal, in welche Richtung ich blicke, ich sehe die quälende und lähmende Angst vor dem Scheitern, die meinen Blick erwidert. Hier werden alle Seelen jeden wachen Moment ihres Lebens von den Schatten der Vergangenheit und den Fantasien der Zukunft geplagt. Alle auf der Suche nach unvergänglichem Vergnügen, welches bald in Scham gepaart mit einem Kater endet. Es ist leicht zu durchschauen, wer heute erfolgreich sein wird und wer die Reste frisst. Entweder ist man Zuschauer oder Macher.
Einige Mädels tummeln sich am Tresen. Alle verwahrlost, aber geil. Zu geil für mich. Leider. Ich nehme mein Bier und verziehe mich. Heute bleibe ich wohl Zuschauer. Es ist eine unbequeme Situation, aber was ist schon eine einsame Nacht in einem einsamen Leben? Es liegt nicht mal an meinem invaliden Aussehen oder meinem ehrlichen Selbsthass, mehr darin, dass niemand die Qualitäten hinter meinem Aussehen und Selbsthass erkennt.
Ich gönne mir endlich einen grossen Schluck Bier. Sofort schiesst ein klumpiger Brei mit etwas Magensäure reflexartig meine Speiseröhre hoch. Verfluchtes Kater-Sodbrennen. Sogleich schlucke ich die Ware wieder runter und spüle nach. Als ich meinen Blick langsam schweifen lasse, erkenne ich jemanden, der nicht zum Klientel passt. Alleine steht sie an der Bar und nuckelt an einem Bier. Blond, klein, fett. Ich frage mich, was sie hier sucht. Verloren hat sie bestimmt nichts. Vielleicht ist es nur die irrationale Angst davor Beziehungen einzugehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das Gleiche sucht wie alle anderen. Sie erwidert meinen Blick und lächelt. Interessant. Auch wenn sie im Vergleich zu den aufgetakelten, leichten Mädchen, die schon von Gott und der Welt gefickt wurden, wie ein halbschüriger Replacement-Fuck wirkt, so hat sie doch etwas unaussprechlich Besonderes. Sie kommt auf mich zu. Mutiges Mädel. Zu Tode gefürchtet ist eben auch gestorben. Doch nun bekomme ausgerechnet ich ein mulmiges Gefühl und das ist kein gutes Zeichen. Mein einziger Schutz ist die bodenlose Gleichgültigkeit gegenüber allem. Ich hoffe sehr, dass sie keinen Funken Selbstachtung in sich trägt, nur um alles zu erleichtern, nur damit niemand etwas zu verlieren hat.
Harry – dirty Harry, wie ich ihn nenne, oder Heinrich, wie ihn die anderen nennen – schaut unserem Spiel zu. Harry ist ein verwesender Held und das älteste Männlein im Wald der Zapfhähne. Ein Mann, der ein Schnapsglas bis zum Rand und einem selbst bis zum bitteren Ende füllt. Er bleibt mit seinen müden Augen an uns fixiert. Was in seinem Kopf vorgeht, kann ich beim besten Willen nicht erahnen. Vielleicht weiss der alte Knabe mehr als ich.
Mein Magen meldet sich. Ich furze leise. Jetzt geht die Post ab – in meinem Magen ist die Hölle los. Zwei weitere zischen leise und der ätzende Gestank verteilt sich. Nicht, dass mir das unangenehm wäre. Aber nein, ich liebe alle meine Fürze. Sie durchdringt meine Wolke und verzieht keine Mine. Ich weiss wie brennend meine Gase sind. Wie gesagt: mutiges Mädel. Ekelhaft ist es, in einer Welt voller Männer eine Frau zu sein. Aber ich darf es mir erlauben. Die Regeln beim Replacement-Fuck sind simpel. Sobald keine Ansprüche mehr bestehen, ist alles erlaubt. Jeder Hurenbock weiss das. Sie ist ganz nah bei mir. Wir beginnen zu plaudern. Ich weiss nicht genau, was ich an dieser Frau besonders finde aber die vorsichtige Annäherung und unser harmloses Geschwätz bereitet mir irgendwie Freude. Das mulmige Gefühl schwindet, die Bedeutungslosigkeit bläht sich wieder auf. Leichtes Spiel mit offenen Karten. Ihre himmelschreiende Mittelmässigkeit ist geradezu überwältigend. Dabei ist mir völlig egal wer sie ist. Alles was ich weiss ist, dass wir die heutige Nacht zusammen verbringen werden, auf der Suche nach etwas kurzlebiger Befriedigung.
Wir gehen zu ihr nach Hause. Lange werde ich nicht bleiben. Wer mit Hunden zu Bette geht, steht mit Flöhen wieder auf. Ihre Wohnung ist ein einziges Loch. Sie will mir etwas anbieten. Keine Zeit verplempern und gleich zur Sache kommen. Sie lässt sich auf ihr Doppelbett plumpsen, ich kraxle auf ihr hoch und beginne meinen Kampf mit ihrem schweissnassen, teigigen Körper. Ich spiele kurz etwas an ihr herum, sie lässt alles zu. Ein kleines Quieken gibt sie von sich, als meine Geheimratsecken die Innenseite ihrer Schenkel streicheln. Es wird Zeit zu kommen, um endlich wieder gehen zu können.
Ich lege los. Volle Fahrt. Auf dem Weg zum Zenit meiner Ekstase. Doch… ich erschlaffe plötzlich. Keine Ahnung wieso. Es liegt nicht an ihr. Ich gebe nochmals alles. Die grösstmögliche Mühe. Alles Tricks, alle Techniken, alle Kunstgriffe. Es will nicht klappen. Ihre Enttäuschung leuchtet in ihren Rehaugen auf. Nichts ist passiert. Nichts für niemanden. Sie rollt sich abweisend zur Seite. Ich liege neben ihr und starre an die Decke. Vielleicht ist es die Hitze, die ihr massiger Körper ausgestrahlt, oder einfach der modrige Geschmack ihrer Vagina, der noch in meinem Gaumen klebt, aber ich muss von hier weg. Ich stehe auf, kleide mich und verschwinde, als ob nie etwas war. Auf der Strasse gebe ich meiner Zigarette Feuer und ziehe den losen Kragen meiner Jacke hoch. Eine weitere vergebene Nacht im Sammelsurium aller Nächte. Aber ich habe sie mir verdient. Sämtliches Scheitern habe ich mir hart erkämpft. Schliesslich ist es nur eine Frage der Übung. Ich bin so oft gescheitert. Ich habe keine Angst mehr. Ich bin ein stolzer Versager.

 

Text: Dominik Wolfinger. Jahrgang 88. Liechtensteiner. Dramaturgiestudent.
Bild: Carmen Lebeda

 

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Bin älter als die Meisten in meinem Studiengang.

Ja, älter auch als die, die einiges weiter sind.

Die Familie sagt schon lange,

Ich brauche eben immer etwas länger.

Die Leute sagen, das sei nicht weiter schlimm;

Nach dem Alter frage später keiner mehr.

Und doch seh‘ ich die Frage in ihrem Blick:

Was ich denn sonst so gemacht habe?

 

Nichts. Absolut rein gar nichts.

Hab kein grossartiges Projekt, kein Engagement,

Keinen Hochschulabschluss, keine feste Beziehung

Und auch noch keine Ziele.

Nicht sportlich, nicht musikalisch,

Nicht gebildet oder gläubig,

Nicht politisch, nicht künstlerisch,

Bin überhaupt nicht talentiert.

 

Kann nicht planen, nicht singen, nicht zeichnen.

Schreiben? – Auch nicht.

Nichts vorzuweisen und wenig erreicht,

Das kann ganz schön Angst einjagen.

Es wird gesagt; im Curriculum steht’s schwarz auf weiss:

Es sind die Fakten, die Taten, die zählen!

Resultate, Preise und Auszeichnungen,

So werden wir am Ende gemessen.

 

Und doch…

Und doch, vielleicht kommt ja alles umgekehrt?

24 und noch verloren.

 

Text: Fabienne-Laura Meershoek, 24, studiert Soziologie an der Universität Zürich.

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In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

 

Anfang?

 

Scheitern.

Scheitern heisst Schwächen haben.

Schwächen machen verwundbar.

 

Die Familie mit dem perlweissen Lächeln, dort drüben an der Plakatwand.

Der junge Selfmade-Millionär auf dem Cover des neuesten Finanzmagazins, das auf der Ladentheke liegt.

Der Extremsportler im Portrait, der die gefährlichsten Berge erklommen hat.

Die junge alleinerziehende Mutter am Hauptbahnhof, die drei kleine Kinder zu versorgen hat.

 

Eine Gesellschaft der Starken, wo Verwundbarkeit keinen Platz hat.

 

Scheinbar.

 

Wo sind die Schwachen?

Hier. Ein jeder von uns ist auf seine Art schwach.

 

Zu schwach, um loszulassen.

Zu schwach, um anderen zu vergeben.

Zu schwach, um Verlockungen zu widerstehen.

Zu schwach, um für sich selbst einzustehen.

 

Eine Gesellschaft der Schwachen, die sich selbst etwas vormacht.

 

Menschen zerbrechen daran.

Sie hadern, zweifeln und hinterfragen.

Sich selbst am meisten, andere viel zu wenig.

…der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. (Hermann Hesse, Stufen)

 

Scheitern verhilft zu einem Neuanfang und macht uns stärker, mutiger und selbstbewusster.

Scheitern heisst leben – lebendig sein.

 

Für eine wahre Gesellschaft der Starken.

 

Text: Selina, 21, mag den Bodensee, Bratwurst ohne Senf und tolle Gespräche bei gutem Wein.