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    Von Dominik Wolfinger

    Eigentlich wollte ich einen Essay über den spielerischen Umgang im alltäglichen Sinne schreiben. Meine These sollte besagen, dass alltägliche (aber auch aussergewöhnliche) Probleme gelöst werden, wenn man aus ihnen ein Spiel macht. Alles kann schliesslich ein Spiel sein, wenn man es zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit setzt, wo es weder zu lose noch zu eng ist und Spiel hat. Darin liegt Faszination.
    Aber dann las ich einen Text von meinem guten Freund Maximilian Stern mit dem Titel «Diktatur des Spiels» mit folgendem einleitenden Satz: «Zu lange haben wir den himmelschreienden Ungerechtigkeiten des Spiels zugesehen. Nun ist die Zeit gekommen, zu handeln. Das Spiel muss weg.» Ich musste das Gespräch mit ihm suchen. Wir spielten Schach, dies ist unser Dialog.

    DW: Max, ich habe schon mal mit dir ein Spiel gespielt und dabei dachte ich, dass du wohl der einzige Mensch bist, der gar nicht spielen kann. Was denkst du dazu?

    MS: Wäre ich der einzige Mensch, der nicht spielen kann, würde ich mich nicht nur alleine fühlen, ich würde mir auch grosse Sorgen um unsere Gesellschaft machen. Denn spielen bedeutet, sich willkürlichen Regeln zu unterwerfen – sie nicht zu hinterfragen. Ich bin stolz darauf, dass ich nicht spielen kann. Ich will nicht spielen.

    DW: Es gibt verschiedene Formen vom Spiel. Der Philosoph und Soziologe Roger Caillois definierte Eigenschaften und Grundlagen des Spiels. Nach ihm gibt es vier verschiedene Arten des Spiels: Das mimetische Spiel – das so tun als ob, wie Schauspielen; das Rauschspiel – wie schaukeln; das Regelspiel – wie Schach; und das aleatorische Spiel – das Glückspiel, wie Würfelspiele.

    MS: Glücksspiel ist sowieso völliger Hohn auf unser Zusammenleben. Es ist ein Affront gegenüber unserer Gesellschaftsordnung, die zu Recht Gerechtigkeit und Freiheit hochhält. Spezifisch habe ich gegen Gesellschaftsspiele gewettert, weil diese in subtiler Weise das Glücksspiel sogar wortwörtlich in die Nähe der echten Welt rücken will. Das Spielerische liegt mir aber nicht fern. Ich bin sehr verspielt.

    DW: Verstehe. Bleiben wir doch rasch beim Gesellschaftsspiel, welches meistens zur Kategorie Regelspiel gehört.

    MS: Ja, und Regeln unterjochen uns. Regeln müssen dauernd angezweifelt werden. Wäre es für mindestens einen von uns besser, ohne dass es jemand anderem schlechter gehen würde, könnte ich im Schach meinen Bauern ja mal Laserwaffen geben. Wilfried Pareto wäre einverstanden, nur die Konservativen hüpfen mit dem Pferd immer noch L-förmig.

    DW: Bei aller Liebe zur Kritik. Wenn ein Regelsystem willkürlich veränderbar wird, funktioniert ein Spiel nicht mehr. Dann könnte ich ja meinen Bauern einfach Spiegel geben. Worin liegt da der Sinn?

    MS: Man kann aber Regeln anpassen, wenn es nützt. Ich habe einfach ein beschränktes Interesse daran, in einem Spiel blind und unkritisch Regeln zu befolgen, um zu gewinnen. Wohin das führt, scheint mir absehbar. Ich zweifle lieber die Regeln und folglich das Spiel an.

    DW: Du hast also ein grundsätzliches Problem mit Regeln und kein Interesse, ein Spiel zu gewinnen.

    MS: Ja. Was ist der Sinn im Gewinnen? Ich vernichte meinen Gegner. Du bist aber gar nicht mein Gegner, sondern mein Mitspieler. Wir könnten uns auf dem Schachbrett auch auf eine vernünftige territoriale Aufteilung einigen. Es gäbe vielleicht ein paar Scharmützel und dann wüssten wir, dass du etwas mehr vom Feld verdient hast. Anschliessend könnten sich unsere beiden Könige die Hand reichen und niemand müsste getötet werden.

    DW: Das scheint mir eine absurde Variation zu sein. Ich bin zwar dein Mitspieler, da ich mit dir spiele, aber ich ebenso dein Gegenspieler. Vernünftige territoriale Aufteilung ist doch langweilig; beim Spielen werden Urinstinkte in einem spielerischen Lernprozess ausgelebt. Schach ist doch ein gutes Beispiel, weil ein Spieler mit Strategie innerhalb von einem absolut fairen Regelsystem versucht, den Gegner auszuschalten.

    MS: Das eintauchen in eine andere Welt, auch beim Schach, finde ich ebenfalls schön. Aber wenn die Regeln nur vorgeben, den anderen auf diese und jene Art zu vernichten, dann ist das doch auch langweilig und zudem scheint mir der gesellschaftliche Lerneffekt relativ gering.

    DW: Es gibt zwar die Unterscheidung vom Funktionsspiel und Lernspiel, aber ich glaube, man lernt immer etwas bei einem Regelspiel. Der Lerneffekt hier ist strategisches Vorgehen bis zum Sieg, bis zur Niederlage.

    MS: Die Reduktion der meisten Spiele darauf, dass am Ende gewonnen werden muss, ist weder zielführend noch lehrreich. Spannend wird es dann, wenn das Spiel kein Ende hat, zum Beispiel bei SimCity.

    DW: Auch da gibt es Regeln. Du kannst ja nicht diagonal bauen.

    MS: Stimmt, ich darf auch SimCity prinzipiell anzweifeln (tue ich auch). Aber mal abgesehen davon, spiegelt es gesellschaftliche Herausforderungen und damit strategisches Denken viel eher, weil es nie zu Ende geht. Du kannst nicht gewinnen, du musst immer weiterdenken.

    DW: Einverstanden. Aber du kannst dir selber Ziele setzten – meine Stadt soll dies und das erfüllen – und diese erreichen. Dann spielst du halt alleine und kannst absolut machen, was auch immer du willst, ganz ohne Gesellschaft. Wenn wir zu zweit kein Regelspiel spielen würden, sondern ein Rauschspiel, würden wir doch während dem Prozess Regeln, also was möglich ist und was nicht, festlegen.

    MS: Dann haben wir sie kreiert und spielen nicht im Diktat des Spiels. Wir könnten sie auch wieder ändern.

    DW: Genau. Nehmen wir zum Beispiel einen Flirt. Ein guter Flirt hat für mich Spiel – es ist nicht zu eng und zu lose. Dort versuchst du auch, an Grenzen, also Regeln, zu stossen und erfährst, was geht und was nicht. Und dort versuchst du ja auch, das Spiel am leben zu erhalten.

    MS: Naja, aber wenn es mir nicht passt, sage ich Tschüss. Oder hast du mal einen Flirt gewonnen? Auch wenn ich Brettspiele spiele, verfolge ich nicht das vorgegebene Ziel. Beispielsweise versuche ich bei Monopoly immer das Geld loszuwerden.

    DW: Zeig mir, wie du spielst, und ich sage dir, wer du bist. Und du bist im wahrsten Sinne des Wortes ein Spielverderber.

    MS: Vermutlich. Weshalb?

    DW: Weil du dich nicht an die Regeln hältst, kein Interesse am Spiel hast und sogar aktiv gegen das Spiel arbeitest.

    MS: Die meisten Regeln sind einfach schlecht. Fast immer gewinnt nur einer, der sich im besten Fall etwas freut. Die anderen Mitspieler verlieren alle. Und dann ist es fertig. Wer würde in so einer Gesellschaft mittun?

    DW: Deine Analogie vom Regelspiel zur Beschaffenheit der Gesellschaft ist teilweise einleuchtend, aber sehr vereinfacht. Ich glaube, die Funktion von Regeln ergeben sowohl im Spiel wie auch in der Gesellschaft Sinn. Regeln machen alle gleich, da sie für alle gelten. Wenn sie alle befolgen, ergibt das ein faires Spiel.

    MS: Absolute Gleichmacherei und fast alle verlieren: Das kommt mir bekannt vor. Dir spielen Regeln zu, mir sind sie im Weg.

    DW: Deine Antipathie dem Spiel gegenüber ist ergreifend. Johan Huizinga beschrieb in «Homo Ludens» auch einen Zwangscharakter von Regeln. Nichtsdestotrotz liegt der Ursprung der Kultur doch im Spiel, oder nicht?

    MS: Der Ursprung der Kultur liegt vielleicht in der Interaktion, und wenn diese spielerisch erfolgt – schön. Aber die Weiterentwicklung der Kultur bedingt es, dass man sich über Regeln hinwegsetzt. Ein Spiel wird dem nicht gerecht.

    DW: In der Regel nicht. Du meintest aber, du seist verspielt. Spielst du dann manchmal für dich alleine, beispielsweise im so tun als ob?

    MS: Was meinst du?

    DW: Angenommen, du suchst etwas und stellst dir dabei vor, du wärst ein Detektiv.

    MS: Machst du das?

    DW: Oft.

    MS: Das liegt dir vielleicht, weil du vom Theater kommst. Ich fände das eher merkwürdig. Ich suche ja nicht besser, wenn ich denke, ich sei Detektiv. Was nützt das also?

    DW: Es macht Spass und ist ein spielerischer Umgang mit einer Situation, die eine Lösung erfordert.

    MS: Wenn ich mein Portemonnaie verloren habe, macht mir das auch als Detektiv keinen Spass. Worauf fusst denn deine Faszination von Spiel und spielen?

    DW: Beim Spielen kreierst du eine eigene Welt zwischen Unwirklich und Wirklich. Angenommen, wir spielen Cowboys. Für uns ist er wirklich, für den Rest der Welt unwirklich. Abgesehen von der Freude ist es ein metaphysisches Phänomen der Möglichkeiten, das wir ausleben können. Das löst doch Faszination aus.

    MS: Das kreative, schöpferische Element, das kann ich nachvollziehen.

    DW: Schön.

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    MS: Aber wo siehst du im Schach das Kreative? Das einzig Kreative ist, dass der Bauer zur Dame werden kann.

    DW: Du kannst nur ein Spiel spielen, wenn du auf dem, was bereits existiert, aufbaust. Wenn du negierst, kann kein Spiel entstehen – auch wenn es keine grundlegenden oder veränderbaren Regeln gibt. Das schöne am Spiel ist doch, wenn man etwas macht, zum Beispiel ein Schachzug oder Geste – im Flirt, und dann darauf achtet, wie der Mit- oder Gegenspieler reagiert. Dort, zwischen Aktion und Reaktion, liegt die Kreativität, Faszination und Magie.

    MS: Welche Rolle haben denn darin Mitspieler?

    DW: Sie sind entweder Freund oder Feind. Man kann auch zusammen gegen das Spiel kämpfen.

    MS: Du bist also ein kompetitiver Spieler, der Regeln und Einschränkung braucht.

    DW: Genau. Und wie würdest du dich beschreiben?

    MS: Ich spiele keine Spiele mit starren Regeln – dagegen sträube ich mich. Lieber mag ich kreative Spiele, bei denen man etwas erschafft. Anstelle von Schach würde ich lieber mit dir ein Männchen malen.

    DW: Unsere Schachpartie führt sowieso nirgends hin; du hast den Waffenstillstand ausgerufen und somit funktioniert das Spiel nicht mehr. Dann malen wir eben ein Männchen zusammen.

    Maximilian Stern, 29, ist Politologe und Mitgründer des Think-Tanks foraus. Er möchte dieses Gespräch seinen Freunden Tobias, Antoine, Jonatan, Simon und William widmen, die seinen letzten Spieleabend, inklusive Wutausbruch, miterleben mussten.
    Dominik Wolfinger, 27, Chefredaktor diePerspektive. Er tut nichts, er will nur spielen.

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      Interview von Nadja Hauser

      In der Schweiz betreiben laut Studien der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK) über 120‘000 Personen exzessives Glücksspiel, von denen jeder fünfte seiner Spielsucht in Casinos nachgeht. Im Interview erklärt Franz Eidenbenz, Leiter Behandlung des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte, wann Spielen zum Problem wird und wie man Betroffene therapiert.

      Nadja Hauser: Herr Eidenbenz, was versteht man unter Glücksspielsucht?
      Franz Eidenbenz:
      Wenn man von Glückspiel spricht, stellt sich automatisch die Frage, ob um Geld gespielt wird. Die Möglichkeit, durch das Spiel Geld gewinnen zu können, ist zentral. In unserem Zentrum für Spielsucht beschäftigen wir uns mit allen Arten von Geldspielen und deren Folgen für Betroffene und ihre Angehörige. Unsere Klienten setzen über alle möglichen Kanäle Geld ein: über das Internet, über Online-Casinos, über mobile Geräte, bei Sportwetten, bei Casino-Besuchen innerhalb und ausserhalb der Landesgrenzen und bei illegalen Spielangeboten.

      Wann ist ein Spiel illegal?
      In der Schweiz werden Glücksspiele durch strenge gesetzliche Auflagen reguliert. Nur Spielbanken mit einer offiziellen Konzession sowie die Landeslotterien sind legal und dürfen Glücksspiele betreiben und anbieten. Gleichzeitig gibt es viele illegale Angebote in Internetcafés, Kebab-Ständen oder Restaurants. Es ist nicht immer einfach zu erkennen, was legal und was illegal ist.

      Inwiefern unterscheidet sich die Spielsucht von anderen Süchten?
      Bei einer Spielsucht konsumiert man nichts direkt, wie dies beispielsweise bei einer Alkohol- oder Drogensucht der Fall ist. Man kann also keinem Mittel die Schuld für sein Verhalten geben. Beim Glücksspiel, das es seit Menschengedenken gibt, spielt das Geld eine zentrale Rolle. Ohne das Geld verliert das Spiel für die Konsumenten schnell seinen Reiz.

      Was macht die Spielsucht so interessant?
      Das Interessante am Thema Glückspielsucht ist, dass das Spiel in seiner Ausführung sehr simpel ist und jeder weiss, dass man mit dem Spielen Geld verliert. Das wissen auch viele der Betroffenen. Trotzdem entsteht eine eigenartige Anziehung mit der festen Überzeugung „heute ist mein Glückstag und ich werde gewinnen“. Glücksspielsüchtige sind meist liebenswerte und sparsame Menschen, die in der Lage sind, intelligent zu handeln. Sobald sie aber in eine Spielatmosphäre geraten, ist ihr Handeln nicht mehr rational und wird von eigenartigen Beweggründen und Wahrnehmungsverzerrungen bestimmt.

      Wie sieht der typische Spielsüchtige aus?
      Es ist immer gefährlich, von Standardtypen zu sprechen, weil schnell Klischees entstehen. Ich möchte betonen, dass jeder Fall sehr individuell zu betrachten ist. Trotzdem gibt es natürlich statistische Korrelationen. Beispielsweise sind es fast ausschliesslich Männer, die spielen. Das Spielen beginnt oft mit einem Gewinn und dem entsprechenden Hochgefühl oder Rauscherlebnis. Glücksspielsüchtige haben ein Impulskontrollproblem und finden immer einen Grund zu spielen. Wenn sie gewinnen, spielen sie weiter, weil sie sich in einer Gewinnsträhne glauben und wenn sie verlieren, um den Verlust wieder zurückzugewinnen.

      Wie erklären Sie sich, dass mehr Männer als Frauen betroffen sind?
      Man kann da Hypothesen aufstellen. Eine davon könnte sein, dass Männer grundsätzlich risikofreudiger sind. Aber eigentlich wissen wir es nicht genau.

      Ist Spielsucht zu einem gewissen Teil genetisch bedingt?
      Es gibt tatsächlich einen Anteil genetischer Begünstigungen und wir beobachten, dass Spielsucht innerhalb von Familien gehäuft vorkommt. Allerdings ist schwer zu sagen, wie viel die Betroffenen von ihrem Umfeld erlernen und wie viel sie tatsächlich geerbt haben. Nicht jeder, der in diesem Umfeld aufwächst, wird gezwungenermassen spielsüchtig. Aber das Umfeld hat sicherlich eine sehr prägende Wirkung.

      Welche externen Faktoren begünstigen die Spielsucht?
      Der Hauptfaktor, der ein solches Verhalten begünstigt, ist die Verfügbarkeit. In der heutigen Zeit hat man beispielsweise über das Internet sehr leicht Zugriff auf Online-Glücksspiele, insbesondere über Smartphones. Und selbstverständlich muss man Geld zur Verfügung haben, das man einsetzen kann. 

      Es wird argumentiert, dass man durch das Benutzen von Jetons in den Casinos leichter den Bezug zur Realität verliert. Wenn man also mit echtem Geld spielen würde, wären einige dann weniger gefährdet?
      Das spielt sicherlich eine Rolle. In den Casinos gibt es noch andere Umstände, die ihre Besucher dazu verleiten, länger zu spielen. So gibt es praktisch nie Tageslicht, sodass nicht bemerkt wird, wie die Zeit vergeht und wie viel Geld ausgegeben wird. Aber das alleine kann nicht der Grund sein, weshalb jemand spielt oder zu viel Geld verspielt.

      Wie therapiert man einen Spielsüchtigen?
      Das lässt sich gar nicht so einfach in ein paar Sätzen erklären. Grundsätzlich wird zuerst eine Spielsuchtanamnese gemacht, d.h. wir analysieren die gesamte Spielgeschichte unserer Klienten. Damit versuchen wir zu verstehen, was die Auslöser für das Spielverhalten sind, was den Betroffenen in die Spielsucht getrieben hat und ihn immer noch dort hält. Im Gegensatz zur Einzeltherapie besteht in der Gruppentherapie der Vorteil, dass die Betroffenen offen über ihre Schwierigkeiten mit anderen, die dieselben Erfahrungen teilen, sprechen können.

      Wie wichtig ist dieser mündliche Austausch?
      Der ist sogar sehr wichtig. Glückspiel hat viel mit Verstecken und Unehrlichkeit zu tun. Das heisst nicht, dass Glücksspielsüchtige in anderen Lebensbereichen auch nicht ehrlich sind. Sobald es aber um das Thema Spiel geht, ist davon auszugehen, dass die Betroffenen nicht, oder zumindest nicht auf Anhieb, die Wahrheit sagen. Es kommt ja auch nicht besonders gut an, wenn man erzählt, dass man am letzten Abend Hunderte von Franken verloren hat. Es ist bereits ein grosser Erfolg, wenn Betroffene offen über ihre Sucht sprechen können.

      Kommen die Betroffenen von selbst in Ihr Zentrum oder werden sie von ihren Angehörigen hergebracht?
      Beides kommt vor. Meistens entwickelt sich bei den Betroffenen aber erst eine Änderungsbereitschaft, wenn Druck aus ihrem Umfeld entsteht. Oder wenn ihnen finanziell das Wasser bis zum Hals steht.

      Ist Spielsucht heilbar?
      Spielsucht ist heilbar. Man muss sich allerdings fragen, wann jemand als geheilt gilt. Bei einem Glücksspielsüchtigen würde man von einer kompletten Heilung sprechen, wenn er kein Geld mehr verspielt. Aber nicht alle schaffen es, völlig abstinent zu werden. In diesen Fällen ist eine Verbesserung der Gesamtsituation bereits positiv zu werten. Dies schaffen praktisch alle, die sich ernsthaft mit ihrer Sucht auseinandersetzen.

      Was bedeutet eine Verbesserung der Gesamtsituation?
      Das bedeutet, dass man sich vor Risikosituationen schützt. Wenn sich ein Glücksspielsüchtiger während einer Phase der Langeweile oder Angespanntheit in der Nähe eines Spielautomaten befindet, ist dies für ihn eine Risikosituation. Das muss er verstehen und dann versuchen, dieses Risiko zu umgehen.

      Der deutsche Rechtspsychologe Gerhard Meyer sagt, Zocken an der Börse sei wie ein Glücksspiel. Sehen Sie hier ebenfalls einen Zusammenhang?
      Wir haben tatsächlich verschiedene Betroffene, die im Bankenumfeld tätig waren und ein analoges Verhalten entwickeln mit Börsenspekulationen und Devisenhandel. Dieser Zusammenhang besteht ganz klar. Ein guter Teil von unseren Fällen bringt dieses Risiko mit.

      Gibt es eine Geschichte, welche Sie besonders bewegt hat?
      Es gibt viele Geschichten, die uns täglich berühren. Betroffene der Glücksspielsucht hatten im Leben oft nicht so viel Glück – im Sinne von Zuwendung und geliebt werden. Dies versuchen sie dann unbewusst zu kompensieren, indem sie in dieses vermeintliche Spielglück einsteigen. Es ist sehr berührend, wenn man die genauen Umstände versteht, die einen Spieler dazu gebracht haben, alles zu verlieren. Es ist aber ebenso berührend, wenn es Betroffenen gelingt, das „wahre“ Glück im Leben (wieder) zu finden.

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        Von Conradin Zellweger

        Ein post mortem Portrait über den Spitalclown Johannes Zürrer (1958 – 2015)

        Wenn andere weinten, dann begann er ganz zart zu spielen. In traurigen und hoffnungslosen Momenten führte Dr. Jo Kinder, Angehörige und Pflegepersonal für kurze Zeit in eine Welt abseits von Krankenakten, Überlebenswahrscheinlichkeit und Blutwerten. Er hat es immer wieder geschafft, dass einem Kind, das im Sterben lag, ein Lächeln über das Gesicht huschte. Johannes Zürrer war Spitalclown der Theodora Stiftung.

        „Wenn mich ein Besuch stark mitnimmt, setze ich mich schon mal einen Moment hin, bevor ich die nächste Zimmertür aufmache“, sagte Johannes über seine Arbeit. Dr. Jo machte nicht viel Klamauk. Er verhalf den Kindern zu etwas Normalität, zu einem Spiel – auch wenn diese von Schläuchen und Gurten auf die massiven Spitalbetten gedrückt wurden. Johannes wusste um den feinen aber wichtigen Unterschied von ihm zu anderen Zirkusclowns bestens Bescheid: „Manche, die unsere Arbeit nicht kennen, befremdet der Gedanke, dass ein Clown mitten ins Sterben platzt. Sie stellen sich Slapstick-Nummern aus dem Zirkus vor, bei denen einer dem anderen die Sahnetorte ins Gesicht drückt. Doch wir bewegen uns viel mehr im Bereich der Poesie und der Magie und untersteichen damit die Würde des Moments. Ich trage weder zu grosse Schuhe noch eine rote Pappnase, und mein Ziel ist es nicht, ein Kind in schallendes Gelächter ausbrechen zu lassen, sondern einen entspannten Moment zu schaffen.“

        Marisa, die Tochter von Johannes Zürrer sitzt am Küchentisch und kämpft mit den Tränen. Diesen Herbst hat sie ihren Vater verloren – die Patienten ihren Spitalclown. Johannes ist an Krebs gestorben. Selbst als er schon von der schweren Krankheit geschwächt war, hat er mit Marisa Gespräche über die Arbeit geführt; ihr erklärt auf was es beim Spielen ankommt, auf was sie achten muss, wenn sie auf der Bühne steht. Heute steht Marisa ohne Ihren Vater auf der Bühne. Sie hat die Requisiten von ihrem Vater übernommen. Sie spielt Solotheater und leitet ein Theaterprojekt, welches ihr Vater hätte durchführen sollen.

        Marisa erinnert sich gerne an seine unerschöpfliche Fantasie. Gespielt hat er mit allem, was ihm ins Auge stach. Beim Spazieren inspirierte ihn die Natur zum Spiel, zu Hause ein Stuhl, am Spitalbett eines sterbenskranken Kindes ein Blatt Papier: „Ich wusste, er mag Eiscreme. Auf ein Papier zeichnete ich ihm ein Eis und sang ein Lied. Ich spürte, wie er und seine Angehörigen sich entspannten. Einige Stunden nach diesem Besuch fiel er ins Koma und starb. Als ich der Mutter eine Woche später im Spital begegnete, bedankte sie sich bei mir dafür, dass sie ihren Sohn in den letzten Stunden seines Lebens mit einem Lächeln sah.“

        Dr. Jo war früher Goldschmied gewesen, gründete aber schon in der Jugend eine Theatergruppe. Später half er beim Auf- und Abbau in einem Zirkus. Als dort der Clown ausfiel, sprang Johannes ein. Im Zirkus Fliegenpilz lernte er seine Frau kennen und bekam mit ihr die zwei Töchtern Marisa und Selina. Johannes war der poetische Clown, er kam dank dem Zirkus um die Welt: Japan, Grönland, Belgien. 1998 wurde er wegen den Kindern sesshaft und stieg bei der Theodorastiftung als Spitalclown ein.

        Johannes spielte mit der Situation, wie sie da war und blieb immer frei vom Werten, sagt Marisa. Es war ein Spiel welches jedoch als einziges Ziel das Wohl des Kindes bezweckt. Johannes formulierte das so: „Das Spiel des Spitalclowns entsteht aus der Interaktion mit einem Kind, es ist keine Ich-Produktion.“ Er hatte aber längst nicht nur mit dem Tod zu tun. Viele Kinder haben das Spital genesen verlassen, vielleicht manchmal mit der Erkenntnis, dass es doch nicht ganz so schlimm war. Da war nämlich dieser Clown.

        2013 die Diagnose Krebs. Die Einsicht seiner langjährigen Arbeit als Spitalclown: „Humor passt auch zu Krankheit und Sterben“ Aber bisher war er immer für den Humor da. Jetzt plötzlich sollte er beide Seiten verkörpern? Den Sarg trugen Clowns auf den Schultern zum Grab – sie waren Freunde von Johannes. Einer spielte Saxofon. Viele Leute erwiesen im September Dr. Jo auf dem Friedhof die letzte Ehre. Neben Erde und Rosenblättern rieselte Konfetti in das Grab herab.

        *Die direkten Zitate von Johannes Zürrer stammen aus „Der Leidfaden – Fachmagazin für Kriesen, Leid, Trauer“ (H4, 2013)
        Infos zu Marisa Zürrer: marisazuerrer.ch

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          Von Fionn Meier

          Jeder kennt es, doch kaum jemand seine Geschichte: Monopoly. Doch zu Unrecht. Die Geschichte des Spiels enthält nicht nur Intrigen und Machenschaften, sondern verhält sich auch wie ein kleiner Spiegel der Gesellschaft selbst.

          Es war 1935, Amerika befand sich noch mitten in der Wirtschaftskrise, als die Parker Brothers Monopoly in ihren Katalog aufnahmen. Angepriesen hatten die damals führenden Spielzeughersteller das Spiel wie folgt: „Monopoly: The Great Financial Game is sweeping the country because it appeals to every American‘s love of bargain and business dealing. Give a Monopoly party and guests want to play all night!“ Die Parker Brothers hatten ihre Karte auf das richtige Spiel gesetzt. Trotz der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse wurde das Spiel zum durchschlagenden Erfolg. In Stuben, an Küchentischen und in Spielzimmern begannen Millionen von Kindern und Erwachsenen, ihre Alltagsorgen vergessend, darum zu wetteifern, zuerst alle Grundstücke aufzukaufen und durch hohe Mieten ihre Mitspieler in die Insolvenz zu treiben.

          Das Monopol auf Monopoly

          Von den hohen Verkaufszahlen überrascht, begannen die Gebrüder Parker schnell die Patentrechte sämtlicher Spiele mit gewissen Ähnlichkeiten aufzukaufen. Sie eroberten sich so das Monopol auf Monopoly und stellten damit sicher, dass der ganze Erfolg des Spiels allein in ihre Kasse fliesst. Man könnte denken, sie hatten die Botschaft des Spiels verstanden. Doch, wie wir später noch sehen werden, leider nur zur Hälfte.

          Auch Ralph Anspach wurde von den Parker Brothers zurückgepfiffen, als er 1973 ein Spiel mit dem Namen «Anti-Monopoly» auf den Markt bringen wollte. Begründung: Verletzung des Markenrechts auf «Monopoly». Für Anspach, Professor für Wirtschaftswissenschaften, waren Monopole die Wurzel des Übels. Nur eine Wirtschaft, welche aus kleinen, sich konkurrierenden Unternehmen besteht, führt seiner Ansicht nach zu Wohlstand und Fortschritt. Unzufrieden über die im Spiel Monopoly implizit enthaltene Botschaft, dass immer die Monopolisten gewinnen, erfand er eine Spielvariation mit Regeln, bei denen kleine Unternehmer die Monopolisten besiegen können.

          Überzeugt davon, dass er das Recht hatte, dieses Spiel zu verkaufen, verlagerte er nun seinen Kampf gegen Monopole von der rein theoretischen Ebene auf einen konkreten Fall in der Praxis: gegen das Monopol auf Monopoly. Durch einen glücklichen Zufall bekam er zudem bald Wind davon, dass das Patent der Parkers Brothers auf das Spiel Monopoly eventuell nicht ganz sauber sein könnte. Er begann zu recherchieren.

          Entdeckungsreise zur Erfindern: Lizzie Magie

          Die damals von den Parker Brothers offiziell erzählte Geschichte über den Ursprung des Spiels Monopoly war folgende: Familienvater Charles Darrow, arbeitslos zur Zeit der Wirtschaftskrise, kam auf die Idee, ein Spiel gegen die Langeweile zu erfinden. Er erfand Monopoly und verkaufte seine Rechte am Spiel mit Anspruch auf Gewinnbeteiligung an die Parker Brothers – ein klassischer Fall eines erfolgreichen Self-Made Man. Doch wie Anspach entdeckte, gibt es einen Hacken an dieser Geschichte: Charles Darrow hatte das Spiel gar nicht erfunden.

          Anspach fand heraus, dass Darrow das Spiel von Quäkern aus Atlantic City kennenlernte, bei denen ein vergleichbares Spiel mit dem Namen Monopoly schon seit mehreren Jahren im Umlauf war, jedoch nicht kommerziell vertrieben wurde. Bevor dieses Spiel bei den Quäkern bekannt wurde, wurde es zudem schon an verschiedenen Universitäten von Studenten gespielt. Ausgedacht hatte es sich Lizzie Magie, die 1903 das Spiel unter dem Namen «The Landlords Game» patentieren liess.

          Unbekümmert über diese Geschichte begann Darrow, nachdem er mit diesem Spiel bekannt gemacht wurde, es selber herzustellen und zu verkaufen. Als die Parker Brothers kurze Zeit darauf bei ihm Interesse an diesem Spiel bekundeten, gab er sich als dessen Erfinder aus und verkaufte ihnen die Rechte daran weiter. Die Gebrüder Parker entdeckten zwar schnell, dass Darrows Geschichte nicht stimmte. Doch anstatt die Geschichte richtig zu stellen, kauften sie umgehend auch noch das Patent von Lizzie Magie, verkauften ein paar Exemplare ihres Spiels, nahmen es danach wieder aus dem Sortiment und liessen ihren Namen der Vergessenheit anheim geraten.

          Es dauerte mehrere Jahre bis Anspach diese Geschichte in allen Details rekonstruiert hatte. Zweimal hatte er vor Gericht gegen die Parker Brothers verloren. Doch beim dritten Versuch hatte er Erfolg. Das oberste Gericht gab ihm Recht und er durfte »Anti-Monopoly« verkaufen.

          Das ursprüngliche Ethos

          Anspach war tief bewegt, als er entdeckte, dass die Erfinderin von Monopoly gar nicht die Absicht hatte, ein Spiel zu erfinden, das Monopole und Landbesitz zu einer erstrebenswerten und lustvollen Beschäftigung hochstilisiert, sondern das ihr Motiv das genaue Gegenteil war: Zu zeigen dass Spekulation mit Land zu Armut und Ungleichheit führt.

          Lizzie Magie war eine Anhängerin der Ideen von Henry George, einer der damals einflussreichsten Sozialreformer Amerikas. Seine grundlegenden Reformideen sind einfach, aber zugleich radikal. Seiner Ansicht nach ist es ein fundamentaler Irrtum, Land wie eine andere Ware zu behandeln. Im Unterschied zu den eigentlichen Waren wird Land weder durch Arbeit erschaffen, noch kann es bei steigender Nachfrage vermehrt werden. Da das Land einfach vorhanden ist, ohne dass es durch die Arbeit von jemandem erschaffen wurde, sollte es seiner Ansicht nach auch der Allgemeinheit gehören und diejenigen, die das Land benutzen, der Allgemeinheit eine Gebrauchssteuer zahlen. Diese betrachtete er als die einzige gerechte Steuer um die Staatsausgaben zu finanzieren. Er nannte sie daher auch «single tax».

          Um diese Ideen einer breiten Schicht der Bevölkerung zugänglich zu machen, ersann Magie das Spiel «The Landlords Game». Dieses konnte man in zwei Varianten spielen – mit oder ohne »single tax« Regeln. Sie wollte mit diesen zwei Varianten zeigen, wozu das gegenwärtige Landsystem führt und was man dagegen tun könnte. Sie war überzeugt, dass dadurch Veränderungen möglich sind: „Let the children once see clearly the gross injustice of our present land system and when they grow up, if they are allowed to develop naturally, the evil will soon be remedied.“ Doch dieses ursprüngliche Ethos – die zweite Hälfte der Botschaft des Spiels – versandete in den finanziellen Interessen der Parker Brothers.

          Mehr als ein Spiel…

          Die Geschichte enthüllt: Monopoly ist mehr als nur ein Spiel. Und zwar in doppelter Hinsicht. Es ist einerseits ein Spiel, welches Menschen inspirierte, es mit neuen und eigenen Regeln zu spielen und heute in verschiedensten Variationen existiert. Anstatt vom Monopoly könnte man auch von Monopolies sprechen. Andererseits enthält das Spiel Aspekte der sozialen Wirklichkeit und vermittelt somit einer breiten Schicht der Bevölkerung Vorstellungen über das Funktionieren der Gesellschaft. Vorstellungen, die wiederum die soziale Wirklichkeit beeinflussen. Das Spiel und seine Geschichte verhalten sich dadurch wie ein kleiner Spiegel, in dem sich Entwicklungen bestimmter sozialer Anschauungen und Wirklichkeiten widerspiegeln.

          Lizzie Magie versuchte mit ihrem Spiel «The Landlords Game» die Ideen von Henry George der breiten Bevölkerung zu vermitteln. Ihr Spiel verschwand jedoch bald wieder von der Bildfläche – wie auch die Ideen von Henry George. Ralph Anspach wollte mit seiner Variation die Vorteile eines freien Marktes ohne Monopolisten darstellen. Er hatte mit seiner Variante nur mässigen Erfolg. Die von den Parker Brothers in Umlauf gebrachte Variation, die erfolgreichste Variante von Monopoly, vermittelte einer grossen Schicht der Bevölkerung die Vorstellung, dass Land für sich einen Wert besitzt, der ohne Arbeitsaufwand zunehmend steigt. Eine Vorstellung, die auch der westlichen Wirtschaft des 20. Jh. zugrunde lag, sich jedoch spätestens 2008 als Illusion herausstellte. Dass zurzeit verschiedene Menschen daran sind, eine neue Variation dieses Spiels zu entwickeln (siehe Informationsbox), könnte, als Spiegel der Gesellschaft, wiederum mehr als nur ein Zufall sein.

          Den Monopoly-Text im Winterthurer Stadtfilter Radio kannst du dir hier anhören.
          Quellen zum Text:
          Mary Pilon (2015) The Monopolists. New York: Bloomsbery.
          Magazin: Associate! Ausgabe Oktober, 2015. Center for Associative Economics.
          Projekt: Pent Up! – Monopoly wird assoziativ
          Inspiriert durch die Geschichte von Monopoly wurde in der englischen Hafenstadt Folkestone das Projekt gestartet, eine assoziative Variation von Monopoly zu testen, doch nicht auf dem Brett im gemütlichen Stubenzimmer, sondern mit richtigem Land und Geld. Basierend auf den Ideen von Rudolf Steiner – Begründer der Assoziativen Wirtschaft ­­– sollen die Mieten nicht mehr von den Grundstückpreisen abhängig gemacht werden, sondern von der Profitabilität des darauf wirtschaftenden Unternehmens. Zudem soll das Geld, welches nach dem Unterhalt der Grundstücke übrigbleibt, nicht wie beim »The Landlords Game« dem Staat zufliessen, sondern als Schenkungsgeld direkt der Bildung und Kultur zur Verfügung gestellt werden. Das Projekt hiesst Pent up! und ist Teil von FinanceFolkestone.
          Mehr Infos:
          Magazin: Associate! Ausgabe Oktober, 2015. Center for Associative Economics.
          http://www.financefolkestone.com

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          Ein Schwarm kesser Blasen aus Obwalden,

          zog’s in die Ferne, wollt’n sich entfalten.

          Sie nutzen jed’ Ar,

          Platz wurd’ geschwind rar.

          Bis sie alle mit laut’m Bums zerknallten.

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            Von Franziska Meierhofer

            „Silence, please.“ Ein Holzschild am Tor. Wir waren es bereits. Still. Zu Beginn unseres Aufstiegs hatten Celeste und ich noch geplaudert. Die üblichen Daten ausgetauscht. Wo wir wohnen, womit wir Geld verdienen, womit wir kein Geld verdienen, ob wir liiert sind. Gleich würden wir für fünf Tage keine Unterhaltungen dieser Art mehr führen müssen. Ich erfuhr, dass Celeste aus Málaga kommt und in Dubai lebt, wo sie beruflich Sportveranstaltungen organisiert. ‚Celeste’ ist übrigens Spanisch für ‚himmelblau’. Namensbedeutungen amüsieren mich. Sie zu erfragen, ist zu einem kuriosen kleinen Hobby von mir geworden. Ich spekuliere gerne, inwiefern ein Zusammenhang besteht zwischen Namen und Wesen. Ist alle Assoziation Produkt unserer Fantasie? Findet der Mensch überall Bedeutung, wo er nach ihr sucht?

            Der Weg verlief über eine gewundene Schotterstrasse, vorbei an ausladenden Teefeldern, Waldstücken und vereinzelten Häusergruppen. Es war Mittag. Die tropische Hitze lag schwer und feucht in der Luft. Ich bot Celeste an, ihr mit ihrem Gepäck zu helfen. Nicht aus gutem Willen, sondern weil ich spürte, dass sie lieber ein Tuktuk hinauf zum Meditationszentrum genommen hätte. Ich hingegen hatte mir in den Kopf gesetzt, die vier Kilometer vom Dorf aus zu Fuss zu gehen. Betrachtete ich es doch als Bestandteil meiner Katharsis, meines Rückzuges aus der Welt. Schweissgebadet diesen Hügel zu erklimmen, zelebrierte ich als Schwellenritual. Im Grunde genommen war ja die ganze Reise dies – ein rite de passage. Im Laufe der nächsten Tage sollte ich einige Male an Uma Thurman in Kill Bill denken. Daran, wie sie von ihrem chinesischen Meister auf strengste Weise für die Kampfkunst gedrillt wird. Wie sie Steine einen Berg hochhieven und durch den Dreck kriechen muss. Dann lachte ich immer für mich. Im Stillen natürlich.

            „Silence, please.“ Stille hat ja etwas Revolutionäres. Besonders in einer Welt, die verlernt hat, innezuhalten. Einer Welt, die behauptet, Wachstum sei ein linearer Prozess. Einer Welt, welche Musse verachtet und Pausen verlacht. Einer Welt, die um Worte ringt, alles zum Kauf feilbietet und sich allmählich selbst verkauft. Das Zentrum lag am Hang und war nahtlos eingebettet in die umliegende Natur. Es bestand aus ein paar einfachen, aber robusten Gebäuden, umgeben von alten Bäumen und einem weitläufigen Garten. Die Luft hier oben war saftig und kühl. Es roch nach feuchter Erde, Pflanzen und Feuer. Wenn man die breite Steintreppe zur Meditationshalle hochging, raubte einem die Aussicht auf die Hügelketten des singhalesischen Hochlandes den Atem. Wir waren rund drei Stunden von der Stadt Kandy entfernt, deren Tempel sich rühmt, einen Zahn Buddhas zu hüten. Bei einer kleinen Rezeption wurden wir gebeten, uns anzumelden und unsere Wertsachen abzugeben. Ein Mönch schob mein Handy, mein Geld und meine Papiere in einen Umschlag und sperrte diesen in einen Tresor. Im Gegenzug erhielt ich einen winzigen Schlüssel sowie eine Wolldecke, Streichhölzer und eine Handvoll schmaler Wachskerzen. Bald würde es Tee geben, danach die erste Sitzmeditation. Meine Kammer war spartanisch, aber sauber. Ein Betonvorsprung, eine Schaumstoffmatratze, ein Moskitonetz und ein Tisch. Aufatmen. Endlich Ruhe.

            Eine buddhistische Nonne britischen Ursprungs leitete das Schweige-Retreat. Kema. Schwester Kema. Sie schien distanziert, das geschorene Haar verlieh ihr ein gewollt androgynes Aussehen, doch ihre lachsfarbenen Lippen waren voll, ihre Wangen oft leicht errötet und ihre dunklen, markanten Augenbrauen von eigentümlicher Schönheit. Wir erfuhren wenig über ihren Werdegang. Sie liess uns lediglich wissen, dass sie über lange Jahre eine ‚seriöse Meditierende’ und ihr Eintritt ins Kloster eine völlig ungeplante Weiterentwicklung dieser Praxis gewesen sei. Seriös war sie, oh ja. Ihre Ausstrahlung war von einer Ernsthaftigkeit und Festigkeit, wie ich sie selten bei einem Menschen erlebt habe. Später stellte ich fest, dass dies nicht Ausdruck ihrer Härte, sondern ihres Gleichmuts war. Sie lächelte selten, aber wenn, dann verwandelte sich ihr Gesicht in das einer Jugendlichen.

            Ich bemerkte die Stille erstmals, als ich mich am Tag nach meiner Ankunft mit einem Teller voller Reis, Curries und Kokosnuss-Sambal auf ein Lederkissen vor der Küche setzte. Vor mir ergoss sich das mit Teeterrassen überzogene Tal. Im Garten verteilt sassen rund zehn andere Menschen, die bedächtig ihr Mittagessen einnahmen. Da war sie, die Stille. Sie war nicht geräuschlos, denn am Waldrand sind der Chor der Insekten und Vögel sowie das Rauschen der Baumwipfel ruhelose Begleiter. Nein, diese Stille war anders. Sie war zugleich dicht und ausgedehnt. Zwischen uns und in uns. Allgegenwärtig und subtil. Eine Art von Stille, welche die Wahrnehmung schärft und einem die inhärente Bewegung aller Dinge vor Augen führt. Zwischen den Zeilen, hinter den Worten, jenseits der Erinnerungen und Sehnsüchte lädt sie ein, im Moment zu verweilen. An diesem zeitlosen Nicht-Ort, wo Vergangenheit und Zukunft sich stets begegnen und ständig auseinanderdriften.

            Doch fünfmal täglich eine Stunde lang stillzusitzen und überdies aufgefordert zu sein, den ganzen Tag in grösstmöglicher Achtsamkeit zu verbringen, erschöpft. Man möchte partout nicht im Moment bleiben. Ja, man tut vieles, um nicht präsent sein zu müssen. Das Hier und Jetzt scheint so unspektakulär, so wenig glamourös und nicht selten so anders, als man es sich erhofft hatte. Um solcherlei unangenehmen Einsichten auszuweichen, greift man gerne nach dem Telefon, dem Laptop, der Zigarette, dem Kaffee, der Kreditkarte, dem Liebsten, dem Nächsten, der Agenda, dem Kühlschrank, dem Portemonnaie, der Hantel oder der Yogamatte. Man bastelt eine Stafette der Bedürfnisse und hält sich – beschäftigt mit deren Befriedigung – erfolgreich dem Moment fern. Es ist interessant und zuweilen bedenklich, sich dabei zu beobachten.

            Manchmal glaubte ich, sterben zu müssen. Wenn sich meine linke Schulter schon nach den ersten fünf Minuten Sitzmeditation wie Zement anfühlte, oder wenn mein Kopf vor Rastlosigkeit zu zerspringen drohte, oder wenn mich die Schläfrigkeit mit ungekannter Wucht übermannte. Jedes Mal waren die Symptome in der Teepause wie weggeblasen. Halb resigniert, halb belustigt sollte ich es noch einige Male auf der weiteren Reise denken – dass ich nun vielleicht sterben würde. Mal für Mal wurde ich eines Besseren belehrt. So begann ich mich bald zu wundern, was wäre, wenn ich versuchte, dem Leben einfach zu vertrauen und nichts vorwegzunehmen? Was wäre, wenn ich mir vorstellte, stets genau da zu sein, wo ich sein sollte, wo ich sogar zu sein entschieden hatte?

            Raupen verpuppen sich, wenn sie ausgewachsen sind. Sie geben ihre alte Form auf, um deren Verwandlung einzuleiten. Menschen Ende zwanzig scheint es ähnlich zu gehen. Wenn ein Limit erreicht ist. Irgendeines. Wenn du wie ein Heliumballon an die Decke stösst. Ein Burn-out erlebst, oder ein Bore-out. Wenn es dir zu eng wird in den vertrauten Strukturen. Wenn du in den Spiegel schaust und schon das dritte graue Haar entdeckst. Wenn du merkst, dass das Leben kein Filmset ist und dass tatsächlich nicht immer alles so wird, wie du es plantest. Wenn du obendrein feststellst, dass es nichts ausrichtet, ob du dich kindlich tobend zu Boden wirfst und gequält „Alles von Anfang!“ verlangst. Du führst hier nicht Regie, nicht so, wie du glaubtest. Möglicherweise zeigt sich dein Limit auch auf mildere Art. Als leichtes Unbehagen morgens beim Klingeln des Weckers. Als mulmiges Gefühl, wenn du dich erneut an deinen gewohnten Arbeitsplatz setzt und den Computer einschaltest. Als schmerzhafte Vorahnung beim Anblick der Person, die so selbstverständlich nach deiner Hand greift.

            Im kleinen Gasthaus am Strand mit dem alten Leuchtturm aus Stein gab es keine Spiegel. Ausserdem kaum Strom, kein Internet, keinerlei Ablenkung. Weit und breit war nichts. Nur Lagunen, Dünen und Gebüsch. Oft hörte man Pfauen miauen. Dazwischen das fragende Klopfen der Geckos, das Rascheln der Eichhörnchen, das Jaulen der werbenden Rüden. Und im Hintergrund stets die Brandung – der Atem des indischen Ozeans. Dieser verwunschene, rhythmische Ort wurde für zwei Wochen zu meinem Kokon. So lange übrigens, wie die durchschnittliche Puppenruhe eines Schmetterlings dauert. Als ich mich zum ersten Mal ans Meer setzte, wo mir ein ungewöhnlich starker Wind den Sand um die Ohren pfiff, die Nachmittagssonne alles in gleissendes Licht tauchte und die launischen Wellen unermüdlich ihr Hin und Her vollführten, überkam mich ein irres Gefühl. Es war, als hätte ich keine Geschichte. Als wäre alles, was ich je erlebt hatte und noch erleben würde, in jenem Moment enthalten.

            Ein raupenhafter, blauer Zug hatte mich durch das Hügelland im Zentrum der Insel vorbei an Wasserfällen, Tannenwäldern, Gemüsegärten und Betelnüsse kauenden Teepflückern nach Osten gefahren. An schlichten Bahnhöfen verkauften Händler frittierte Kichererbsen und Obst. Ich machte Rast in einem in Nebel getauchten Bergdorf, bevor mich am darauffolgenden Tag eine schwindelerregende Busfahrt an die Küste erwartete. Jene glich einer Achterbahn der Sinnesreize. Grotesk überfüllte Fahrzeuge, scharfe Kurven, Autohupen, schrille Farben, Schweiss und manischer Verkehr. Hindu-Pop, vergilbte Geldscheine und gestreifte Plastiksäcke, die im Falle einer Übelkeit routiniert durch den Bus gereicht wurden. Baumelnde Gebetsketten an staubigen Rückspiegeln und Goldschmuck an grazilen Ohren. Überall neugierige Blicke, die sich für ein paar Minuten oder Stunden mit mir verschworen. Warme Gesichter, die mir schaukelnd zunickten und mir ungefragt halfen, meinen Weg zu finden. Mehr Zeichen als Worte. Mehr Vertrauen als Wissen. Hier an diesem zeitlosen, weiten Strand mit dem alten Leuchtturm aus Stein waren sie alle schon zu Erinnerung geworden und hatten zu verwehen begonnen, wie vom Wind zerzauster Wolkenflaum.

            In ihrem Kokon erlebt und vollzieht die Larve einen tiefgreifenden Umbau ihrer selbst. So tiefgreifend, dass sie sich währenddessen weder bewegen noch Nahrung zu sich nehmen kann. Im Falle der Schmetterlinge, die eine sogenannt vollkommene Metamorphose durchlaufen, werden Organe und Gewebe resorbiert oder abgestossen. Mit anderen Worten: das Wesen verdaut sich zu grossen Teilen selbst. Es erneuert sich auf radikalste Weise. Im Grunde genommen stirbt es und wird wieder geboren. Wozu? Die Metamorphose ist in der Zoologie ja nichts anderes als die Umwandlung zum geschlechtsreifen Erwachsenen. Eine ähnliche Entwicklung erleben Menschen doch in der Pubertät, möchte man einwerfen. Bestimmt. Aber machen wir Menschen nicht mehrere Metamorphosen durch? Sind nicht erst jene emotionalen und geistigen Umwälzungen, die viele von uns gegen Ende ihrer Zwanziger erfahren, diejenigen, die uns wirklich erwachsen lassen? Oder lässt sich gar das gesamte Leben als Metamorphose betrachten – als eine unersättliche Bewegung zwischen Verpuppung und Entfaltung?

            Den Verpuppung-Text im Winterthurer Stadtfilter Radio kannst du dir hier anhören.

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            Fionn Meier, August 2015

             

            Nicht mehr nach dem «Was», sondern nach dem «Wer» beliebte es Max Stirner im Aufgang der Moderne zu fragen. Ein neuer Ausgangspunkt zum Verständnis des Menschen, der Freiheit und Verantwortung wurde damit geschaffen und die Überwindung der griechischen Philosophie nahm ihren Anfang.

            Der Aufbruch in die Philosophie, ins Denken und Abstrakte, begann bei den Griechen und damit auch die Unterscheidung von »Wesen« und »Erscheinung«. Allen Erscheinungen in Raum und Zeit liegt dieser von den Griechen hervorgerufenen Denkungsart zufolge ein ideelles Wesen zugrunde. Ein Wesen, das ewig und unveränderlich ist und den in Raum und Zeit auftretenden Erscheinungen bestimmend zugrunde liegt. Platon versetzte diese ewige Wesen als Ideen in den Ideenhimmel, Aristoteles als Entelechien in die Dinge selbst. Die Vorstellung eines ewigen Wesens lässt sich durch folgende Überlegung gewinnen: Die Gesetzmässigkeiten des Kreises lassen sich rein gedanklich aus der Idee des Kreises ableiten. Diese ideell erfassten Gesetzmässigkeiten sind massgebend für alle Kreise, die als Erscheinung in Raum und Zeit der sinnlichen Wahrnehmung gegeben werden können. Die Idee des Kreises, welche diese Gesetzmässigkeiten in sich trägt, ist das ewige Wesen des Kreises, von dem die in Raum und Zeit in Erscheinung tretenden Kreise jeweils nur unvollkommene Abbilder sind. Diese Art zu denken ist das Erbe der Griechen. Sie hat sich tief in die Erbsubstanz der europäischen Kultur verankert und ist beinahe bei jedem grossen Denker in verschiedenen Variationen als implizite oder explizite Voraussetzung vorhanden.

            Dieser Denkweise zufolge liegt auch dem Menschen ein von Raum und Zeit unhabhängiges Wesen zugrunde. Entfaltung des Menschen kann daher nur die Entfaltung des in Erscheinung tretenden Menschen bedeuten, jedoch nicht seines zeitlosen, ewigen Wesens. Über zweitausend Jahre versuchten die Philosophen griechischer Tradition diesem Wesen des Menschen auf die Spur zu kommen, oder gar dem Menschen einzutrichtern, was dieses Wesen sei – die Vernunft, die Moral, das Wahre, das Gute, das absolute Subjekt, das Göttliche, usw… Gemeinsam an all diesen in der abendländischen Geschichte aufgetretenen Variationen ist, dass ein Wesen gesucht oder beschrieben wird, das, obwohl in seiner Existenz unabhängig von den einzelnen Individuen, bestimmend denselben zugrunde liegt.

            Dass diese Denkungsart den Menschen zum blossen Vollstrecker eines schon vorhandenen Wesens macht, und nicht zum Schöpfer seiner selbst, seines ganz eigenen Wesens, dagegen erhob sich in der Dämmerung des modernen Zeitalters der unvergleichliche Protest Max Stirners:

            „Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist! Ihr meint, Meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was gut, was böse! Ich bin ja selber Meine Sache, und Ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn.

            Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist – einzig, wie Ich einzig bin.

            Mir geht nichts über Mich!“

            Und weiter:

            „Man hat immer gemeint, Mir eine ausserhalb Meiner liegende Bestimmung geben zu müssen, so dass man zuletzt Mir zumutete, Ich sollte das Menschliche in Anspruch nehmen, weil Ich – Mensch sei. Dies ist der christliche Zauberkreis. Auch Fichtes Ich ist dasselbe Wesen ausser Mir, denn Ich ist Jeder, und hat nur dieses Ich Rechte, so ist es »das Ich«, nicht Ich bin es. Ich bin aber nicht ein Ich neben andern Ichen, sondern das alleinige Ich: Ich bin einzig. Daher sind auch meine Bedürfnisse einzig, meine Taten, kurz Alles an Mir ist einzig. Und nur als dieses einzige Ich nehme Ich Mir Alles zu eigen, wie Ich nur als dieses Mich betätige und entwickle: Nicht als Mensch und den Menschen entwickle Ich, sondern als Ich entwickle Ich – Mich.“  

                                                                                    – Stirner: Der Einzige und sein Eigentum

            Max Stirner – noch heute als Dissident vermieden und verschwiegen – will sich sein Wesen nicht vorgeben lassen, weder philosophisch von einer Idee, noch theologisch von einem über ihm stehenden Gott, sondern als vergänglicher Mensch es als sich selber erst erschaffen: „Jedes höhere Wesen über mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht vor der Sonne dieses Bewusstseins. Stell‘ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, da steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen: Ich hab‘ mein‘ Sach‘ auf Nichts gestellt.“ Die Frage nach dem »Was« des Menschen, seinem Wesen, kann für Stirner daher auch nur durch sich selber, den konkret existierenden Menschen ihre Antwort finden: „Das Ideal »Der Mensch« ist realisiert, wenn die christliche Anschauung umschlägt in den Satz: »Ich, dieser Einzige, bin der Mensch«. Die Begriffsfrage: »Was ist der Mensch?« hat sich dann in die persönliche umgesetzt: »Wer ist der Mensch?« Bei »was« sucht man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei »wer« ist’s überhaupt keine Frage mehr, sondern die Antwort ist im Fragenden gleich persönlich vorhanden: die Frage beantwortet sich von selbst“ (Stirner, ebd.).

            Die Überwindung der griechischen Denkungsart fängt nicht dort an, wo man nach materialistischer Gesinnungsart und Verkennung der in den Ideen selbst vorhandenen Gesetzmässigkeiten, alles ideelle nur als Ausfluss gesellschaftlichen Verhältnisse oder materieller Prozesse im Gehirn erklärt, sondern mit der Überwindung der griechischen Denktradition, dass das Wesen des Menschen schon vorhanden sei, und nicht etwa erst durch den einzelnen, vergänglichen Menschen aus dem Nichts erschaffen werden müsste. Diese ungriechische Idee wurde erstmals in klarster gedanklicher Form durch Stirner in die Welt gesetzt. Die Überwindung des griechischen Erbes nahm damit ihren Anfang. Doch einem letzten Rest der griechischen Denktradition hat auch Stirner sich unterworfen. Er kommt durch seine Überlegungen zum Schluss, dass dem nur sich selbst entfaltenden Einzigen keine Verantwortung für die Entwicklung der Menschheit zukomme: „Dass der Einzelne für sich eine Weltgeschichte ist und an der übrigen Weltgeschichte sein Eigentum besitzt, das geht übers Christliche hinaus. Dem Christen ist die Weltgeschichte das Höhere, weil sie die Geschichte Christi oder »des Menschen« ist; dem Egoisten hat nur seine Geschichte Wert, weil er nur sich entwickeln will, nicht die Menschheitsidee, nicht den Plan Gottes, nicht die Absichten der Vorsehung, nicht die Freiheit u. dgl. Er sieht sich nicht für ein Werkzeug der Idee oder ein Gefäß Gottes an, er erkennt keinen Beruf an, er wähnt nicht, zur Fortentwicklung der Menschheit dazusein und sein Scherflein dazu beitragen zu müssen, sondern er lebt sich aus, unbesorgt darum, wie gut oder schlecht die Menschheit dabei fahre“ (Stirner, ebd.).

            Welchem Denken entstammt diese Schlussfolgerung? Und welche Berechtigung kommt ihr zu? Wie Karl Ballmer, der bis anhin unbekannt gebliebene Maler und Denker aus Lamone, in nüchterner Beobachtung festellt, folgt Stirner bei dieser Überlegung der aristotelischen Logik: „Stirner gebraucht hier den Begriff »Menschheit« in einem unzureichenden Sinn. Indem er der Logik gemäss unausgesprochen voraussetzt, dass die Menschheit »Gattung« sei (was sie nach unserer Behauptung erst sekundär ist), unterwirft er sich – unbewusst und unbedacht – dem »Ideal« der Logik, gerät er unversehens unter die Knechtschaft einer traditionellen Idee“ (Ballmer: Max Stirner und Rudolf Steiner). Nach Ballmer ist die von den Griechen erschaffene Logik unzureichend um das Wesen der »Menschheit« zu begreifen: „Die »Menschheit« ist nicht Gattung, und wenn sie es ist, dann nach einer Regel, für die in der aristotelischen Logik kein Raum ist“ (Ballmer, ebd.). Um zum Verständnis des Verhältnisses des einzelnen Individuums zur Menschheit zu kommen, ist es, folgt man Ballmer weiter, notwendig, die aristotelische Logik durch einen von dem österreichischen Philosophen Rudolf Steiner neu geschaffenen Begriff zu ergänzen. Jener Begriff, der nach Ballmer das tatsächliche Verhältnis von Individuum und Gattung ans Licht bringt, formulierte dieser in einer seiner Jugendschriften wie folgt: „Es ist etwas ganz anderes, wenn man von einer allgemeinen Menschheit spricht, als von einer allgemeinen Naturgesetzlichkeit. Bei letzterer ist das Besondere durch das Allgemeine bedingt; bei der Idee der Menschheit ist es die Allgemeinheit durch das Besondere. Wenn es uns gelingt, der Geschichte allgemeine Gesetze abzulauschen, so sind diese nur insofern solche, als sie sich von den historischen Persönlichkeiten als Ziele, Ideale vorgesetzt wurden. Das ist der innere Gegensatz von Natur und Geist.“ (Steiner: Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung).

            Eine neuer Aussichtspunkt zum Verständnis der Entfaltung des Menschen und der Geschichte, zum Verhältnis des Einzelnen zur Menschheit und zum Wesen der Freiheit und der Verantwortung wurde durch diese das griechische Erbe überwindende Ideen geschaffen. Doch zu ungewohnt waren diese von Stirner, Steiner und Ballmer ins Leben gerufenen Vorstellungen, als dass sie bis anhin irgendwelche spürbare Resonanzen ausgelöst hätten. Anstatt mit diesen Begriffen die grossen Fragen der »philosophischen Anthropologie« anzugehen, beliebten es die modernen Denker in griechischer Tradition weiterhin nach dem vom konkreten Menschen unabhängigen »Was« zu fragen, oder mangels Erfolgs und in schon postmoderner Weise – gar nicht mehr zu fragen. Noch unbekannt und unerforscht sind die Konturen am neuen Horizont.

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            Christian Müller und Daniel Straub wollen mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens die Schweiz befreien.

            Interview: Nadja Hauser & Marius Wenger

             

            Die Perspektive: Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens wird von vielen belächelt. Christian und Daniel, seid ihr Utopisten? Daniel Straub: Fast alles, was heute Realität ist, war früher einmal Utopie. Das bedingungslose Grundeinkommen befindet sich in dieser faszinierenden Transformation von Utopie zur Realität. Das passiert nicht von heute auf morgen, aber es passiert.
            Christian Müller: Mir gefällt die Bezeichnung Visionär besser. Utopie ist ein Ort, den es nicht gibt. Aber das bedingungslose Grundeinkommen gibt es. Der Zeitpunkt ist längst reif. Wir hängen im Kopf noch in alten Mustern des Industriezeitalters fest, die gesellschaftliche Entwicklung hinkt der technologischen hinterher.

            Welche Ziele verfolgt ihr mit eurer Initiative? 
            DS: Einerseits wollen wir aufzeigen, dass die Zukunft gestaltbar ist, und so den Diskurs wegbringen von Margaret Thatchers Formel „There is no alternative“. Andererseits  ist es uns todernst, dass wir eines Tages das bedingungslose Grundeinkommen einführen wollen. Aber wir tun dies nicht verbissen und dogmatisch. Wenn wir nächste Woche darüber abstimmten, würde es sicherlich hochkantig abgelehnt. Aber wir wissen nicht, was im nächsten Jahr alles passieren wird. Mein Ziel ist es, möglichst viele Ja-Stimmen zu holen. Und ich möchte am Tag nach der Abstimmung in der NZZ folgende Schlagzeile lesen: „Die Einführung des Grundeinkommens ist nur noch eine Frage der Zeit“
            CM: Es geht darum, reale Veränderungen herbei zu führen. Dafür braucht es einen Wandel im Bewusstsein. Wenn wir diese Debatte mitgestalten und so Bewegung in die Köpfe der Menschen bringen können, dann haben wir schon viel erreicht.

            Gibt es etwas, das euch Angst macht?
            DS: Angst nicht, aber Sorgen mache ich mir manchmal über die zu hohen Erwartungen. Selbst wenn die Initiative angenommen würde, beginnt erst ein langer politischer Prozess zur Frage der Umsetzung. Es dauert noch mehrere Jahrzehnte, bis das Grundeinkommen eingeführt werden kann.
            CM: Würde man das Grundeinkommen von heute auf morgen einführen, hätte dies einen Schock zur Folge, sowohl ökonomisch wie psychologisch. Das Grundeinkommen bringt ein neues Menschenbild mit sich; würde man es morgen einführen, wären viele überfordert.

            Begünstigt das Grundeinkommen die menschliche Entfaltung?
            DS: Auf jeden Fall. Ich bin überzeugt, dass es für das Individuum und die Gesellschaft am besten ist, wenn jeder seinen ureigenen Lebensplänen folgen kann. Leidenschaft, Erfüllung und Sinn – das ist für mich Entfaltung.
            CM: Entfaltung bedeutet für mich Freiheit, Möglichkeit und Machbarkeit. Dass ich frei entscheiden kann, was ich in meinem Leben tun möchte. Selbstverständlich sind die Entfaltungsmöglichkeiten, die ich heute habe, anders als jene, die mein Grosi vor 70 Jahren hatte. Aber hätte ich ein Grundeinkommen, wäre ich sozusagen zur Entfaltung gezwungen, da die Ausrede: «Ich würde ja, aber niemand bezahlt mich dafür» nicht mehr gilt. Entfaltung hat viel mit Selbstbestimmung zu tun und dort wiederum spielt die ökonomische Komponente – sprich die Einkommenssituation jedes Individuums – eine grosse Rolle.

            Warum können sich viele Menschen heute nicht entfalten?
            DS: Viele können das sicherlich bereits. Aber die beiden grössten Hürden, die der Entfaltung heutzutage im Weg stehen, sind übersteigerte Existenzängste sowie ein veraltetes Bildungssystem, das immer noch zum Ziel hat, uns zu gut funktionierenden Fabrikarbeitern auszubilden.
            CM: Das Verrückte ist doch, dass wir heute ökonomisch gesehen eine unglaubliche Ausgangslage haben und sie nicht nutzen. Wir leben über unseren Verhältnissen und unter unseren Möglichkeiten. Wir haben heute einen nie dagewesenen Ressourcenreichtum pro Kopf. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass viele mit ihrer Tätigkeit, ihrer Erwerbsarbeit nicht sehr zufrieden sind.

            Gemäss Umfragen sind tatsächlich viele unzufrieden mit ihrer Arbeit oder Arbeitsstelle. Trotzdem definieren sich die Schweizer sehr stark über ihre Erwerbsarbeit. Haltet ihr die Erwerbsarbeit als identitätsstiftendes Merkmal für ungünstig?
            CM: Nein, im Gegenteil. Alle Menschen sollten die Möglichkeit haben, in einem Bereich zu arbeiten, für den sie brennen. Es gibt noch zu viel Arbeit, die nicht als solche anerkannt wird. Dort braucht es einen Ausgleich. Ich würde gerne den Arbeitsbegriff ausweiten.
            DS: Wir sind nicht gegen Arbeit. Dennoch glaube ich, dass man heute zu stark auf die Erwerbsarbeit fixiert ist. In der Wirtschaftswissenschaft ist Arbeit stets negativ geprägt. Das darf nicht sein.

            Die Theologin und Autorin Ina Praetorius wittert bei der Einführung des Grundeinkommens die Gefahr einer einseitigen, geschlechterspezifischen Entfaltung. Dass nämlich Frauen weiterhin die heute unsichtbare und schlecht bezahlte Arbeit erledigen, während Männer ihr Grundeinkommen mit Freiheit verknüpfen. Was entgegnet ihr dem?
            CM: Ich verstehe dieses Argument nicht.
            DS: Für mich läuft die Geschlechterentwicklung unabhängig vom bedingungslosen Grundeinkommen. Es kann sein, dass es in gewissen Bereichen die Geschlechterrolle zementiert, wie Ina dies skizziert. Aber im Grossen und Ganzen würde es die Emanzipation der Frauen eher stärken.
            CM: Genau. Das Grundeinkommen bringt mehr Freiheit und mehr Eigenständigkeit für das Individuum – egal ob Mann oder Frau. Das Grundeinkommen löst nicht alle Probleme, aber der Genderproblematik könnte es einen neuen Dreh geben.

            Wie würde sich die Gesellschaft als Ganzes verändern?
            DS: Ich stelle mir vor, dass im ersten Moment alle aufatmen. Und ich erhoffe mir, dass die Gesellschaft zufriedener wird. Aber es geht dauert sehr lange, bis sie sich verändert, weil viele in alten Gewohnheiten feststecken. Das ist ein Generationenprojekt, das nicht von heute auf morgen passiert. Das ist ein langsamer Prozess, der mit Diskussionen beginnt, wie wir sie gerade führen.
            CM: Immaterielle Werte werden an Bedeutung gewinnen. Materielle Werte, wie beispielsweise Geld, werden eher unwichtiger.

            Wird die Schweiz durch eure Initiative demokratischer werden?
            Beide: Ja, extrem.

            Gibt es etwas Demokratischeres als die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie?
            CM: Die Schweiz ist gar nicht so demokratisch, wie alle immer glauben.

            Wie erreicht man denn noch mehr Demokratie?
            CM: Indem Menschen ihre demokratischen Rechte freier wahrnehmen können. Heutzutage wird die Demokratie noch durch die Existenzängste der Menschen eingeschränkt.
            DS: Eine Demokratie lebt davon, dass Menschen sich für sie engagieren. Dass sie überhaupt die Musse haben, beispielsweise Zeitung zu lesen. Ich bin mir sicher, dass Menschen den neugewonnenen Freiraum nutzen werden, um sich im politischen Bereich mehr zu engagieren.

            Ist das nicht zu idealistisch gedacht?
            DS: Nein. Die meisten Menschen sind auf der Suche nach einem Sinn. Und sich einzubringen, bedeutet für viele Sinn. Ausserdem hat das bedingungslose Grundeinkommen eine gigantische Machtumverteilung zur Folge. Wenn ein Drittel des Volkseinkommens bedingungslos an die gesamte Gesellschaft verteilt wird, stärkt das den Bürger. Eine Demokratie lebt von freien, engagierten Bürgern.

            Wird die Gesellschaft solidarischer?
            CM: Die Solidarität in der Schweiz ist teilweise etwas fakeyalso geschwindelt. Wir erheben progressive Steuern und verteilen Geld um. Aber diese strukturelle, organisierte Solidarität ist gescheitert. Sie verhindert zwar, dass jemand verhungert. Doch es ist uns nicht gelungen, die gesellschaftliche Stigmatisierung derjenigen, die „ganz unten“ angekommen sind, aufzuheben. Viel wichtiger wäre eine individuelle Solidarität. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der mehr über das direkte, unmittelbare Umfeld solidarisiert wird. Das heisst nicht, dass man der alten Nachbarin den Hintern putzt. Aber das heisst, dass man die Bedürfnisse dieser alten Frau besser versteht und auch weiss, wer neben einem wohnt. Dafür braucht es Raum und dieser diesen Raum bietet das bedingungslose Grundeinkommen.

            Es wird wohl immer Menschen geben, die nur ihren persönlichen Interessen folgen und sich nicht engagieren.
            CM: Es ist nicht prinzipiell schlecht, seinen eigenen Interessen zu folgen. Vielleicht würde es der Gesellschaft als Ganzes sogar besser gehen, wenn alle ihren persönlichen Interessen folgten. Wenn es dir selber gut geht, kannst du auch mehr für die Allgemeinheit tun.

            Welche Fragen und Argumente nerven euch am meisten?
            DS: Jene, bei denen ein steifer, unverrückbarer Glaubenssatz dahintersteckt. So entsteht keine richtige Diskussion.
            CM: Am schwierigsten finde ich Fragen, die ich auch mir selber stelle. Sich heute mit einem Thema auseinanderzusetzen, das vielleicht in 30 Jahren stattfindet, ist eine grosse Herausforderung. Wie ist ein Unternehmen strukturiert? Wie gestalten Menschen ihr Leben? Auch ich erwische mich oft in der simplen Unterteilung „Arbeitszeit“ und „Freizeit“, dabei gibt es die gar nicht mehr bei einem Grundeinkommen.

            Wie wird die Initiative mehrheitsfähig?
            DS: Es braucht viel Zeit und Vertrauen. Und Diskussionen wie diese hier.

             

            Die Eidgenössische Initiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» verlangt die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, welches der Schweizer Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglicht. Das bedeutet, dass jeder Erwachsene in der Schweiz künftig ein monatliches, bedingungsloses Grundeinkommen von ca. 2500 Franken (Kinder: ca. 650 Franken) erhalten erhält. Dieses Einkommen soll das bisherige Sozialsystem (AHV, IV, Sozialhilfe) ersetzen und den Bürgerinnen und Bürgern eine «freie Entfaltung» ermöglichen. 

            Christian Müller (*1981) und Daniel Straub (*1967) sind Mitglieder des Initiativkomitees zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und Autoren des Buchs «Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen», erschienen im Limmat Verlag.  

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            damit eines klar ist: die wg ist ein gemeinschaftswerk. im bestenfall ein kunstvolles kollektiv, im schlechtesten fall bloss eine wirtschaftliche zweckgemeinschaft. aber auf alle fälle eine GEMEINSCHAFT, die in diesem fall – selbstredend – mit WOHNEN zu tun hat (im gegensatz beispielsweise zur fahrgemeinschaft).

            es gäbe also geschichten zu erzählen: von dieser, die im hinteren zimmer links gewohnt hat. oder von jenem, der gerade im zimmer neben der küche eingezogen ist. oder von den dachstockbewohnern. geschichten von leuten. verschiedenen leuten, weil in einer wg – meist – mehrere wohnen. und alles könnte obendrein, einfach weil’s lustig ist, frei erfunden sein.

            stattdessen eine statistische zahl zur perspektive n°38: 81,2% der texte sagen ich – ich – ich! direkt aus dem eigenen leben in die therapiezeitung perspektive zur persönlichen psychohygiene (informationsgehalt: zero). beispiel gefällig? „aber ich wollte es unbedingt“, sagt nadja. – und nur, weil ihr euch einen hipster-anstrich gibt, seid ihr noch lange nicht progressiv. ihr entscheidet den neoliberalen konkurrenzkampf bloss durch den coolness-faktor statt durch knallharte währung. – aber das ist schliesslich alles folgerichtig. joannas credo heisst: „ich habe mehr als genug“ – „schuhe“, beispielsweise. wie öde und klischiert. und wer mit niemandem reden will, schreibt auch nur von sich und beansprucht dann im gegenzug für eine person über fünfzig quadratmeter wohnraum. aber ein grosses ego braucht halt platz. nicht, tamara? oder ist das ego am ende klein und versteckt sich bloss in einer grossen wohnung? wie dem auch sei: glücklicherweise zeigst du dich lernfähig und lebst wieder in einer wg.

            immerhin hält die chefinkolumnistin aline – trotz ich-gefasel – am sinn der wg fest: kannsch wohnen wo willsch, am idaplatz oder am „Menu platz“. ein wg isch ein sache, „in dem allen mithelfen“. alles klar? wg: progressiv und international. schliesslich hat die wg das – bünzlige – model schlummermutter ersetzt. im 21. jahrhundert dürfen sogar frauen problemlos in einer wg leben. Tillsammans, der schwedische wg-film, hat diesbezüglich alle tabus gebrochen, oder war das welivetogether.com? es gib nichts mehr wirklich zu verlieren – zumindest keinen sogenannt anständigen ruf. das zeichnet die wg aus: 45,5% der texte in der perspektive n°38 reden beim thema wg über eine gewisse freizügigkeit im umgang mit sex (was einmal mehr beweist, dass sex nicht fehlen darf). von eigenartigen begebenheiten, wie „in Überlautsärke Pornos zu schauen.“ (kommt das oft vor? oder ist das dein sublimierter wunsch, marco, der sich nun als verbot gegen andere richtet?) – über mehr oder weniger subtile anspielungen: „aber ich wollte es unbedingt.“ – bis zum ehrencodex des one-night-stands: „Über One-Night-Stands wird nicht geredet. Aber es ist absolut legitim etwas lauter zu sein und die Mitbewohner zu wecken, sodass diese merken, dass du nicht alleine warst.“ solche situationen ergeben sich bevorzugt an bzw. nach wg-partys – dazu das kotzen: diesen allgemeinplatz noch unterzubringen, ist nur konsequent. dank sei den heiligen drei königen der wg-saufereien: simeon, jordan und laurin (kiffer sind die drei könige nachweislich auch).

            alles in allem ist eine wg unglaublich liebenswürdig und ein intelligentes wohnkonzept. ob es aber diese aufgeblasene blick-am-abend-liebeserklärung braucht? die vorgeschriebenen 160 zeichen hätten bei weitem gereicht. oder 53 zeichen im fall des wohl als motto gedachten, aber dann nicht eingehaltenen satzes: „Vieles bleibt auch unausgesprochen“. was dann doch ausgesprochen wird, ist dafür nichtssagend: „Natürlich ist das Zusammenleben nicht immer einfach.“ und endlich das geständnis: „Danke Dir, meine liebste WG!! Ich möchte dich nie verlassen.“ – glaubst du so wenig an deine liebe, julia, dass du sie dir wie die blick-am-abend-junkies öffentlich einreden musst? und rolandsky? was ist mit rolandsky? wer weiss das schon: „jemand bezahlt die miete.“ – ich hoffe nur, ihr lest auch alle, was die anderen in der n°38 so für ich-gefasel verbreiten. dann bestünde wenigstens die hoffnung, dass die perspektive in richtung kunstvolles kollektiv und nicht nur in richtung wirtschaftlicher zweckgemeinschaft zeigt: wenn euch schon jemand die miete bezahlt!

            euer geneigtester und treuster leser kommunalkitsch

            p.s. und dann gibt es da, ganz zum schluss, noch gedichte. so kleine putzige dinger. wie meinte doch einer so schön: „Eigentlich, ja eigentlich müsste es viel mehr Gedichte geben. Ich meine zu behaupten, dass sie, die Gedichte, uns viel öfters begegnen sollten, den Tag durch – auch abends.“

             

            Text: Fabian Schwitter

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            Wenn ihr meint
            Dass eure WG die WG sei
            Dann habt ihr unsere WG noch nicht erlebt
            Denn nur unsere WG
            Ist die WG

            Was hier schon kaputt ging
            Wie viele Weingläser
            Herzen und Hirnzellen
            Kondome und Stühle
            Und wie oft man es zu flicken versuchte

            Glaubt ja nicht
            Eure Geschichten seien besser
            Denn das sind sie nicht
            Auch nicht für euch
            Ihr findet unsere immer etwas krasser

            Wie oft hier japanische Touri-Ravers klingeln
            Und fragen, ob hier die WG sei
            In perfektem Englisch
            Und wie wir sie dann herum führen
            Und ihnen zeigen wo sie kotzen können

            Einmal kam sogar Bob Dylan vorbei
            Und fragte, ob hier die WG sei
            In seltsamen Englisch
            Und ob er ein Konzert spielen könne
            Wir zeigten ihm, wo er kotzen kann

            Manchmal trainieren wir so laut
            Dass die Nachbarin hochkommt
            Und uns bittet, etwas leiser zu atmen
            Ich biete ihr dann Haschkekse an
            Und dann macht jemand von uns mit ihr rum

            Was hier passiert, bleibt nie hier
            Die Presse lauert einem ständig auf
            Aber meistens stehn sie genau da
            Wo Bob hinkotzen sollte
            Und schützen sich mit den Notizblöcken

            Wenn wir das Abflussroh des Lavabos öffnen
            Weil nichts mehr abläuft
            Finden wir nicht nur ganze Zahnbürsten
            Sondern Zähne
            Von Haters

            Text: Laurin Buser, Slam Poet

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            Dieser Moment, als ich mit zwanzig endlich von zu Hause auszog, der war grossartig. Ungefähr genauso spannend jedoch war wohl die Vorstellung, dass ich mit zwei meiner besten Freundinnen eine Wohngemeinschaft gründen würde. Ich war mir bewusst, dass dies kein geringes Risiko war und ich damit gleich zwei Freundschaften auf einen Schlag aufs Spiel setzte. Aber ich wollte es unbedingt. An einem warmen Spätsommerabend trafen wir uns auf einem Fussballfeld am Stadtrand, um uns zu beraten. Es gab eine wichtige Frage zu klären, die das Projekt beinahe zum Scheitern gebracht hätte, bevor es richtig losgehen konnte: wo sollte diese WG gegründet werden? Zur Auswahl standen zwei Städte, die eine geschwisterliche Hassliebe verbindet und die beide nicht unbekannt sind für ihren stark ausgeprägten Lokalpatriotismus. In Winti hatten wir alle drei den Grossteil unseres Lebens verbracht, unsere Freunde lebten dort und wir trugen viele gute Erinnerungen von dieser Stadt in unseren Herzen. Aber in Züri studierten wir seit einem Jahr und die Stadt lockte mit neuen Abenteuern. Wir liessen den Zufall entscheiden. Dort wo wir zuerst eine passende Wohnung fänden, würden wir uns niederlassen.

            Dass wir schliesslich in der Limmatstadt landeten, ging wahrscheinlich zum grössten Teil auf meine Kappe. Als wir die erste, lang ersehnte Zusage für eine Dreizimmerwohnung bekamen, war ich Feuer und Flamme. Beim Anblick meiner tausend Ausrufezeichen auf Facebook mussten einige gedacht haben, ich hätte einen an der Klatsche. Dabei war es bloss Ausdruck meiner überschwänglichen Euphorie. Meine Freundinnen mussten mehr Mut aufwenden, um sich von ihren Wurzeln zu distanzieren. Ich redete ihnen ein, dass unsere Winti-Freunde Verständnis haben würden. Leider irrte ich mich. Wie sich später herausstellen sollte, zerbrachen wahrhaftig viele Winti-Freundschaften. Aus den Augen, aus dem Sinn. Vielleicht war es die kaum zu überwindbare Distanz, welche eine zwanzigminütige Zugfahrt in Anspruch genommen hätte. Verständlich. In einem Zeitalter, in dem jede zweite Beziehung eine Fernbeziehung über zwei Kontinente hinweg ist, kann man nicht erwarten, dass jemand seine Komfortzone verlässt und für einen Kaffee in eine andere Stadt fährt. Ironischerweise wohnen die meisten dieser Personen heute selber in Züri. Und einige Freundschaften konnten glücklicherweise später wiederbelebt werden, als man sich physisch wieder näher war.

            Schon lustig, irgendwie.

            Nachdem meine überzeugenden Überredungskünste also gefruchtet hatten, unterschreiben wir den Vertrag und es fühlte sich an, als hätten wir soeben im Lotto gewonnen. Es kümmerte uns nicht, dass die Wohnung weder im Kreis 3 noch 4 noch 5 noch 6 lag. Wir trösteten uns damit, dass schliesslich nicht jeder ein lässiger Szeni sein konnte, der im Erismannhof wohnt und die Langstrasse sein Wohnzimmer nennt. Nein, unsere WG lag total uncool im Kreis 11. Zwei Tramstationen vom Schwamendingerplatz entfernt. Dort, wo die Strassenbahn unterirdisch fährt und alles so futuristisch gebaut ist, dass man meinen könnte, man wär irgendwo mitten in Berlin. Zumindest hab ich das immer allen so erzählt. Andere hätten wohl gesagt, dass sie nachts Angst haben, alleine durch den Tunnel zu spazieren. Dass da nur Verrückte und Junkies rumlungern. Was natürlich nicht stimmt. Der einzige Penner, den ich regelmässig antraf, kam aus Holland und sprach fliessend Deutsch. Sein schneeweisses Haar war genauso lang wie sein ebenfalls schneeweisser Bart, und manchmal sah man nur noch diese Zotteln um die Ecke flattern. Er bewegte sich schnell und geräuschlos, schielte möglichst unauffällig in die Abfalltonnen und war äusserst gesprächig. Als er mich einmal um 5 Stutz für eine neue Hose bat, drückte ich ihm einen Fünfliber in die Hand und lächelte, wohl wissend, wofür er das Geld ausgeben würde. Zwei Tage später wartete er vor dem Tunneleingang auf mich und streckte mir stolz eine Plastiktüte entgegen. Darin lag, ordentlich zusammenfaltet, eine neu gekaufte Jeans.

            H&M, schmunzelte er, nur 30CHF.

            Die ersten Wochen als WG waren eine grosse Herausforderung und ein harter Test für unsere Freundschaft. Ich erinnere mich an unzählige Ikea-Besuche, bei denen man der Versuchung widerstehen musste, das gesamte Warenhaus in den Einkaufswagen zu packen. Möbel wurden in Bussen und Trams quer durch die Stadt geschleppt. Kompromisse waren erforderlich – nicht zuletzt, da wir alle drei Dickköpfe waren nicht gerne klein beigaben. Es folgte die schmerzliche Erkenntnis, dass das Leben verdammt teuer ist. In den ersten Wochen füllten wir deshalb den Kühlschrank ausschliesslich mit Lebensmittelprodukten von M-Budget und Prix Garantie. Der Spinat schmeckte zwar wie Gras, aber Hauptsache er war billig. Erst als eine meiner Freundinnen ein Ultimatum stellte und damit drohte, wieder auszuziehen, wenn wir nicht anders einkaufen würden, kam auch ich zur Vernunft. Ab sofort wurde auf das Bio-Label geachtet (von den einen mehr als von den anderen) und es galt die gesunde, neumodische Devise lokal-regional-saisonal. Abends schnippelten wir Gemüse und kochten Ragouts, verweilten bis spät am Küchentisch und träumten vom Leben. Oder wir sassen mit einem Glas Rotwein auf unserem knapp drei Quadratmeter grossen Balkon und trotzten den abgasausstossenden Autokolonnen, die vor unserer Nase um die Wette stanken.

            Und wir waren glücklich dabei.

            Aber ja, selbstverständlich war auch bei uns nicht immer alles Friede Freude Eierkuchen. Wie in allen WGs kam es gelegentlich zu Reibereien und Streitigkeiten. Einmal zofften wir uns, weil wir uns uneinig waren, wie gross die Kartoffelstücke für die Salzkartoffeln sein sollten. Ein andermal waren es irgendwelche doofen Pullis, die statt 30° ausversehen mit der 40° heissen Wäsche gewaschen wurden. Ja ehrlich. Wenn wir schon keine Mitbewohner hatten, die nachts besoffen auf den Teppich pinkelten, mussten eben andere Streitpunkte her. Zugegeben, auch bei uns wuchsen Pilze im Kühlschrank, im Bad und an den Wänden hinter den Kleiderschränken. Die Abflüsse waren immer wieder verstopft und ich pfiff meine Mitbewohnerin hundertmal an, weil sie ihre Haare nicht aus dem Duschabfluss klaubte. Aber im Grossen und Ganzen gaben wir uns grosse Mühe und zeigten uns proaktiv. Kaum zu glauben, aber nicht einmal ein Putzplan musste erstellt werden. Niemand drückte sich davor, den Staubwedel in die Hand zu nehmen, wir hatten dieselbe Vorstellung von Sauberkeit, das Altpapier wurde stets gebündelt und vor die Tür gestellt, das Altglas gemeinsam wöchentlich entsorgt und mit dem Einkaufen sprachen wir uns ab.

            Die Jahre vergingen und unsere kleine WG fiel irgendwann auseinander. Wohngemeinschaften sind selten für die Ewigkeit gedacht, aber das ist vielleicht auch besser so. Wir hatten alle drei andere Zukunftspläne und wagten uns zögerlichen Schrittes in die weite Welt hinaus. Die eine verschwand für ein Auslandsemester nach Süditalien, die andere zog mit dem Freund nach Südamerika. Ich blieb vorerst tapfer zurück und war neugierig auf die neuen Mitbewohner. Es kamen glücklicherweise nur gute Leute, mit denen ich bis heute Kontakt pflege, so gut es eben geht. Aber es war nicht mehr dasselbe. Ich musste lernen, dass jede Wohngemeinschaft eine andere, eigene Dynamik entwickelt. Und dass die Vertrautheit unter Mitbewohnern selten so gross ist, dass drei Leute gleichzeitig im Badezimmer duschen, sich schminken und auf der Toilette ihr (kleines) Geschäft verrichten. Meistens haben Menschen, die zusammen in einer WG wohnen, andere Tagesrhythmen, eigene Freunde und  verschiedene Vorstellungen des Zusammenlebens. Als die neuen Mitbewohner einzogen, blieben die Zimmertüren plötzlich mehrheitlich geschlossen. Zusammen gegessen wurde nur noch selten und die gemeinsamen Abende, an denen man eng aneinander gekuschelt auf dem Secondhand-Sofa über die Balkonbrüstung schielte, gehörten der Vergangenheit an. Das musste ich lernen zu akzeptieren. Und irgendwann ging ich ebenfalls meine eigenen Wege, übergab mein Zimmer jemand anderem und verliess Zürich schweren Herzens. Ich erinnere mich, wie ich in der letzte Nacht, zwischen Kartonkisten und Möbelstücken eingeklemmt, im Schlafsack auf meiner Matratze lag und an die Decke starrte.

            Wie schnell die Zeit vergeht, dachte ich noch, bevor ich endlich die Augen schloss.

            Und dann war ich plötzlich in Genf. In einer WG, in der mir mein Mitbewohner regelmässig die Salami aus dem Kühlschrank klaut. Um sie dann zwei Tage später, vom schlechten Gewissen getrieben, wieder zu ersetzen. In einer WG, in der häufig mehr Leute übernachten als Betten vorhanden sind. Und wir in der Küche immer zu wenig Stühle haben.

            Aber dazu ein andermal.

             

            Text: Nadja Hauser