Home Thema Gentrifizierung Gen, was?

Gen, was?

0

Vor kurzem stand bei uns in der Zeitung, dass die Gentrifizierung in meinem Quartier angekommen sei. Ich dacht, ok, ist das nun gut? Ich bin immerhin mit von der Partie, aber möchte ich das überhaupt sein? Wenn ich heute auf der Strasse die Gentrifizierung erklären müsste, ganz einfach und volksnah, ich könnte es nicht. Wir brauchen das immer in Zusammenhang mit Wohnungsnot und billigem Wohnraum. Und wir Grünen sind gegen Gentrifizierung, das weiss ich. Und ich denke da  bin ich auf der sicheren Seite, denn es gibt vieles mit „Gen“, was mir suspekt ist. Gentechnologie, Genozid, Genveränderung, Genau, Generell, Gentelman…

Ich habe dann mein Quartier angeschaut und mir überlegt, was nun hier wohl in den letzten Jahren passiert ist. Was ich feststelle ist, dass es sehr viele junge Familien gegeben hat, welche mit vielen kleinen Kindern auf der Strasse auftauchen und es zu riesigen Bobbycar-Rennen aussartet. Wir Eltern trinken dann ein Bier auf der Strasse und machen einen auf Reclaim the Street. Aber klar, ja, die Eltern sind alles Doppelverdiener, haben ein Häusschen und einen guten Job und total anständige Kinder. Im Quartier gibt es auch Sozialwohnungen, die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen am Quartiefest teil oder bleiben für einen Schwatz mit ihrem Hund auf der Strasse stehen. Eigentlich find ichs in meinem Quartier viel dörflicher als im Film „Zum Beispiel Suber“. Dort spricht ja anscheinend niemand miteinander, gibt’s kein Lädeli mehr (was bei uns sehr wohl der Fall ist), grosse Hecken verstecken die Sicht und das Interesse aneinander ist sehr klein. Wenn bei uns im Quartier jemand alleinstehendes sterben würde, würde das immer jemand merken. Dass eine Leiche 2 Jahre rumliegt, nein, das käme bei uns nicht vor.

Nach dieser Kolumne weiss ich ja jetzt was Gentrifizierung ist, bin ich denn jetzt Teil davon?

Unser Quartier ist eigentlich ein kleines Dörfli in der Stadt, mit Reichen, Jungen, Ausländerinnen und Ausländern und einem Generationenwechsel. Ich finds schön und ich fühle mich aufgehoben.

Auf jeden Fall bin ich, nachdem ich das Wort nachgeschlagen habe, froh, dass ich nicht genau wusste, was es ist. Somit bin ich auch nicht Teil davon. Die Zeitung hatte übrigens nur teilweise recht, je nach Definition. Nach dieser Kolumne weiss ich ja jetzt was Gentrifizierung ist, bin ich denn jetzt Teil davon? Ist dieperspektive verantwortlich dafür, dass ich jetzt Teil davon geworden bin? Ich hoffe es nicht, denn leben tu ich was anderes.

Aline Trede ist grüne Nationalrätin aus dem Kanton Bern. Nicht alles an ihr ist aber grün: Sie hat fünf verschiedenfarbige Brillen, keine einzige davon ist grün. Weil sie Politikerin ist, schreibt sie für uns immer über Politik.

Ähnliche Artikel